Rezension: Cascadia

Dieses Jahr gibt es endlich wieder eine Spiele-Messe mit Besuchern: Vom 6. bis 9. Oktober kann man sich in Essen hunderten Spielen widmen. Und am Samstag um 18 Uhr wird das offizielle Spiel des Jahres 2022 gekürt. Neben Scout von Oink Games sowie Top Ten von Cocktail Games wurde auch Cascadia von Flatout Games nominiert. Cascadia ist für ein bis vier Spieler ab zehn Jahren ausgelegt, ist auf Deutsch bei Kosmos erschienen und kostet knapp 35 Euro. Warum die Legetaktik mit Wildtieren sehr gute Chancen auf den Titel hat, verrate ich in der Rezension, die es wie immer zum Lesen und Hören gibt.




Nominiert zum Spiel des Jahres 2022



Bevor ich auf Cascadia eingehe, noch eine kurze Einordnung zu diesem Preis, der am 16. Juli vergeben wird: Eine zehnköpfige Jury nominiert ja in den drei Kategorien für das Kinderspiel, Spiel und Kennerspiel des Jahres, wobei man in Letzterer eher komplexere Titel berücksichtigt. Da ist dieses Jahr z.B. Dune: Imperium dabei, das ich Vielspielern mit Lust auf Taktik sehr empfehlen kann. Es fängt das Flair des Wüstenplaneten nicht nur stilistisch, sondern auch spielmechanisch hinsichtlich der Intrigen und Fraktionen gut ein - meine Rezension dazu findet ihr im Archiv.


Aber manchmal braucht man ein Spiel, bei dem es ohne all zu großes Regelwerk etwas lockerer zugeht und das sich eher an die ganze Familie richtet. Das populärste offizielle Spiel des Jahres ist vermutlich "Die Siedler von Catan" aus dem Jahr 1995. Man kann es immer wieder auf den Tisch bringen, schnell aufbauen und auch mit Kindern loslegen. Und genau in diese Kategorie gehört auch Cascadia von Randy Flynn, einem Neuling unter den Autoren von Brettspielen, der mit seiner Premiere u.a. den American Tabletop Award gewinnen konnte.


Die Anziehungskraft der Natur



Warum kommt Cascadia so gut an? Es liegt auch am steigenden Umweltbewusstsein, dass seit Anfang der 2000er vermehrt Brettspiele mit Tier- oder Naturthema erscheinen - man denke an Fauna, Flügelschlag oder Evolution. Und Cascadia begrüßt einen auf den ersten Blick begrüßt mit Wildnis: Auf der Box grast ein Hirsch vor einem idyllischen See samt Bergpanorama. Das Szenario unberührter Natur übt sicher eine gewisse Anziehungskraft aus, aber das Bild könnte in einer Jagdhütte als Kitsch durchgehen. Oder anders: Auch im Brettspielbereich kommt es nicht darauf an, was thematisiert wird, sondern wie es konzipiert wird.


Trotzdem ist es natürlich schön, wenn man nebenbei etwas dazulernt. Was ich z.B. nicht wusste, und erst aus der Anleitung erfuhr: dieses Kaskadien ist kein Fantasiename, sondern eine Region, die sich im Nordwesten Amerikas von Oregon über Washington bis nach Kanda erstreckt, umrahmt vom Pazifik und den Rocky Mountains. Das ist in diesem Fall auch das Zuhause von Randy Flynn, der diese Wildnis gerne mit seinen Freunden erkundet und mit seinem Spiel dazu einladen möchte, sie selbst mal zu besuchen. Das klingt sympathisch und dürfte für Naturbegeisterte sicher reizvoll sein. Aber was hat sein Spiel zu bieten?


Wildnis und Tiere


Dort gibt es ebenfalls Prärie, Gebirge, Wälder, Sümpfe und Flüsse - und genau diese fünf Landschaftsarten erkennt man in seinem Startgebiet als bunte Mischung. Außerdem sind auf den Plättchen mit Bär, Hirsch, Lachs, Fuchs und Bussard fünf Tierarten zu sehen, teilweise bis zu drei für ein Gebiet. In der Mitte des Tisches werden zufällig vier Geländetypen mit je einem Tier ausgelegt, so dass Paare entstehen. Tja, das Spiel läuft dann ganz einfach: Man wählt reihum ein Paar aus, um seine Landschaft zu vergrößern und das erste Tier anzusiedeln. So baut jeder für sich recht flott einen Lebensraum aus, der nach etwa zwanzig Runden bewertet wird.


Das ist angesichts der hübschen Illustrationen ansehnlich, außerdem fühlt man sich aufgrund der Hexfelder und Farben tatsächlich ein wenig an Die Siedler von Catan erinnert. Aber zunächst wirkt Cascadia nur wie eine entspannte Puzzelei. Doch schon bald entsteht aus drei Gründen eine legetaktische Spannung: Erstens bekommt man Punkte für das größte zusammenhängende Gebiet jeder Landschaft - es lohnt sich also, möglichst ausgedehnte Wälder oder lange Flüsse zu erschaffen. Zweitens bekommt man Punkte für die Art und Weise, wie man die Tiere gruppiert hat: Bären müssen als Paare nebeneinander leben, Füchse profitieren von der Nähe zu anderen Wildtieren und Lachse reiht man aneinander. Und drittens ist die Auswahl von Gebieten und Tieren ja begrenzt, so dass man gegen Ende hin immer mehr um die besten Plättchen wetteifert.


Spielfluss und Spannungskurve



Diese drei Gründe klingen in der Theorie fast banal, denn einige Spiele nutzen ähnliche Prinzipien: Man denke z.B. an Calico, wo man eine Wolldecke aus verschiedenen Mustern samt Knöpfen näht. In der Praxis sind sie hier jedoch so gut verzahnt, dass ein toller Spielfluss entsteht, in dem man zwar entspannt auslegt, aber gleichzeitig eine steigende Spannungskurve erlebt: Auf einmal knistert es am Tisch, weil vielleicht zwei oder drei Spieler auf diesen einen Bären warten, um endlich ihr drittes Paar zu vervollständigen, das wiederum satte 18 Punkte einbringen würde. Aber hat man so vorausschauend geplant, dass es einen Lebensraum für ihn gibt? Man muss auch Freiräume als Tabuzonen berücksichtigen, denn Bärenpaare und Bussarde dulden ihre Art nicht in unmittelbarer Nähe.


Der Spielfluss profitiert allerdings durch sehr wenige Restriktionen beim Platzieren: Es war eine ebenso naturnahe wie weise Entscheidung, die Gebiete nicht für eine, sondern bis zu drei Tierarten zugänglich zu machen. Hinzu kommt, dass es ja auch beim Anlegen der Gebiete zunächst keine Beschränkungen gibt, man also ein Gebirge neben der Prärie oder dem Sumpf setzen kann. So ergeben sich durch die Freiheit des Auslegens bei jedem anders gestaltete Territorien und zum Ende hin wird ein störendes Sackgassengefühl weitgehend vermieden, das sowohl räumlich als auch mechanisch viel eher bei Calico entsteht. Aber ganz wichtig ist: Legt man zunächst noch unbeschwert aus, so dass die Runden schnell wechseln, schleicht sich bald die für viele gute Spiele so wichtige Qual der Wahl ein.


Priorisieren und Taktieren



Denn auch wenn Cascadia das Prinzip der Vielfalt von Ökosystemen thematisiert, geht es taktisch auch um eine gewisse Dominanz, so dass man letztlich priorisieren und sich vielleicht nur auf drei von fünf Tierarten konzentrieren kann, deren Lebensraum man besonders effizient gestalten möchte. Vor allem wenn man sieht, dass der eine Nachbar schon sechs, der andere vielleicht vier Lachse ausgelegt hat, sinkt ja die Wahrscheinlichkeit, dass man selbst noch eine lange Kette verwirklichen kann. Also grübelt und rechnet man, was sich letztlich mehr lohnen könnten. Vielleicht auf Hirsche gehen oder doch die größte Prärie erschaffen?


Der Glücksfaktor durch das Ziehen der Auslage, die ja immer vier zufällige Paare zeigt, wird dabei durch die Tannenzapfen etwas abgemildert: Man erhält sie für Tiere in markierten Gebieten. Wer diese kleinen Joker einsetzt, darf entweder unabhängig von den sichtbaren Paaren ein Tier sowie ein Gebiet aus den acht sichtbaren auswählen oder mehrmals neue Tiere ziehen, um vielleicht doch noch diesen Bären samt Gebirge zu erhalten; wer die Zapfen aufspart, bekommt dafür übrigens im Finale auch Punkte.


Aber das sind Peanuts gegen die reiche Ausbeute, die man über die Tierwertungen erzielen kann: Für vier Zapfen gibt es ja lediglich vier, wohingegen es für sechs Lachse satte zwanzig Punkte gibt! Und das Beste ist: Pro Tierart gibt es vier Wertungskarten von A bis D (auch eine für Kinder), so dass sich Cascadia immer etwas anders spielt. Meine bisherigen Beispiele bezogen sich auf Wertungen von Typ A, die am einsteigerfreundlichsten sind. Wählt man für Bären hingegen die Karte D, bekommt man nicht nur für Paare, sondern auch für Gruppen von drei oder vier Tieren Punkte. Bei den Bussarden muss man ab Stufe B die Sichtlinie berücksichtigen und ab Stufe D werden gar nicht mehr die Raubvögel selbst, sondern nur die Anzahl der Beutetiere in der Sichtlinie zwischen Paaren gewertet.


Herausforderungen auf drei Arten



Hat man also erstmal Gefallen an Cascadia gefunden, kann man es vielfältig anpassen. Dazu tragen nicht nur die Wertungskarten, sondern auch die Herausforderungen in drei Arten bei. Die interessanteste ist sicher Szenarien, weil sie für ein gewisses Kampagnengefühl und ein Wettrennen sorgt: Auf einer Karte trägt man seinen Namen ein und macht beim Erfüllen einer Aufgabe jeweils zwei Kreuze auf seiner farblich markierten Route, so dass ein Wanderweg entsteht. So erkennt man über mehrere Spiele hinweg, wer es wie weit geschafft hat - das kitzelt den Ehrgeiz für die nächste Runde. Die 15 Szenarien bestehen aus einer vorgegebenen Mischung aus Wertungskarten von A bis D sowie bis zu drei speziellen Aufgaben wie etwa "Erziele mind. X Punkte mit dieser Tierart" oder "Diese Wildnis darf nicht nebeneinander angelegt werden".


Wer dieses Kampagnengefühl samt Wanderroute für das normale Spiel erleben möchte, also ohne exklusive Regeln, der spielt einfach die Herausforderungen: Dann muss man spezielle Ziele aus einer Liste wie "Beende das Spiel mit fünf Zapfen" oder "Erziele 80+ Punkte" erfüllen, um sein Kreuz zu machen. Aber Obacht: Die sind exklusiv, man kann also nicht mehrmals mit fünf Zapfen abschließen, um auf dem Weg vorwärts zu kommen, sondern muss sich beim nächsten Spieleabend ein neues Ziel setzen. Eine sehr schöne Idee.


Dann gibt es noch Regelvarianten, die man ohne Karte und Kreuze einfach separat für das normale Spiele nutzen kann. In der Anleitung finden sich zehn Beispiele, darunter interessante Abweichungen was die Bonuspunkte oder das Anlegen betrifft. Es gibt sogar eine Variante ohne Startgebiet oder mit geheimen Wertungskarten. Zur Langzeitmotivation trägt schließlich das optionale Solo-Spiel bei, das aber nahezu ohne spielmechanische Änderungen nicht mehr als eine nette Ergänzung ist. Hier wird man in einer Rangliste bewertet, die z.B. ab 90 Punkten ein "sehr gut" und ab 100 Punkten ein "ausgezeichnet" vergibt.



Fazit


Cascadia ist ein tolles Spiel, das bei uns hoch im Kurs steht - eigentlich will es jeder spielen. Auf den ersten Blick scheint das ein belangloses Puzzlespiel für Naturfreunde zu sein. Aber auf den zweiten und dritten Blick entfaltet sich neben dem entspannten Auslegen eine angenehme taktische Spannungskurve. Einerseits genießt man die Freiheit, eine vielfältige Landschaft zwischen Flüssen, Wäldern und Bergenzu gestalten, andererseits entsteht eine angenehme planerische Qual der Wahl. Denn alle Spieler wetteifern nicht nur um die größten Gebiete, sondern auch um die optimalen Lebensräume für Bären, Hirsche & Co, die jedoch ganz unterschiedliche Ansprüche stellen, so dass es Tabuzonen gibt und sogar Sichtlinien relevant sein können. Zwar ist Cascadia hinsichtlich des Artdesigns sowie mit seinen fünf Tierarten nicht so üppig ausgestattet wie etwa das wunderbare Flügelschlag, das nochmal ein anderes Präsentationsniveau erreicht, aber dafür ist es vielfältiger: Man kann Cascadia bis ins Detail modifizieren, was Regeln und Ziele betrifft, und es entsteht sogar ein Kampagnengefühl samt Wanderkarte, was den Wiederspielwert enorm erhöht. Außerdem schlägt es für mich das direkt vergleichbare Calico, weil es weniger restriktiv ist und langfristiger motiviert. Ich könnte jedenfalls gut nachvollziehen, wenn es am 18. Juli zum Spiel des Jahres gekürt wird. Übrigens: Der Autor, Randy Flynn, hat mit Tabriz ein weiteres interessantes Spiel in der Pipeline.


(Cascadia ist für ein bis vier Spieler ab zehn Jahren ausgelegt, ist auf Deutsch bei Kosmos erschienen und kostet knapp 35 Euro)