Rezension: Chorus

Ich bin unheimlich gerne im Weltall unterwegs! Bei Nacht, wenn ich mir vorstelle, dass ich gerade kopfüber von einem felsigen Gesteinsbrocken namens Erde herabhänge, und natürlich im Spiel, wenn ich an Bord eines schnittigen Raumschiffs wirbelnde Pirouetten durch Asteroidenfelder drehe. Kaum ein Genre lindert mein Fernweh so effektiv wie das der Space-Sims. Und deshalb gefällt es mir so außerordentlich gut, dass Chorus in diesem altbekannten Spektakel sehr interessante Impulse setzt.


Zirkelschüsse


Dabei ist Chorus auf den ersten Blick eine recht gewöhnliche Ballerei, bei der man etliche Bösewichte ins Nirvana schickt. Die schnelle Action steht ständig im Mittelpunkt und anders als in Elite Dangerous oder der X-Serie schürft man keine Mineralien, ist nicht als Space Taxi unterwegs und baut schon gar nicht eigene Handelsrouten auf. Man erlebt eine geradlinige Geschichte um Pilotin Nara, die an Bord eines flinken Jägers gegen die Schiffe des mächtigen Zirkel in den Kampf zieht.



Warum sie das tut? Weil der Zirkel eine Gruppe Siedler angreift, die sich gefühlt in der Nähe von Tatooine niedergelassen hat – an einem entfernten Winkel der Galaxie, wo Nara eigentlich ihrer Vergangenheit entfliehen wollte. Immerhin war sie einst selbst Kampfpilotin des Zirkels, bevor ihr die Lust auf dessen Mord-und-Totschlag-Expansion verging. Und so lässt Nara jetzt zum Schutz ihrer neuen Heimat die Laser glühen, Gewehre rattern und Raketen rauchen.


Nutze die Macht, Nara!


Die Geschichte ist kein literarischer Hochkaräter. Sie ist aber interessant, weil Nara übernatürliche Fähigkeiten besitzt: so genannte Riten, mit denen sie z.B. Erinnerungen vergangener Ereignisse als Hologramme sichtbar macht und optionale Missionen sowie Sammelgegenstände lokalisiert. Verbindet sie diese Kräfte mit ihrem Schiff, kann sie sich zudem hinter feindliche Angreifer teleportieren, deren Systeme lahmlegen und mehr. Darin steckt zuallererst natürlich ein spielerischer Nutzen. Weil sich die Handlung zum großen Teil allerdings auch um diese Fähigkeiten dreht, verleiht das dem Szenario eine angenehme mythische Dichte und sogar ein wenig Star-Wars-Flair.



Das liegt auch daran, dass Nara und andere wichtige Figuren von erstklassigen, ausschließlich englischen Stimmen vertont wurden, was schon deshalb wichtig ist, weil in Chorus sehr viel gesprochen wird. Selbst wenn man die Umgebung frei erkundet, führt Nara so häufig eine Unterhaltung, dass man sich jederzeit in einer lebendigen Welt wähnt. Oft hört man dann auch ihre Gedanken wie ein Flüstern, was die dichte Atmosphäre ihres Abenteuers nur noch stärker betont.


In weit entfernten Asteroidenfeldern...


Überhaupt ist der Aufbau der Welt eine der Stärken, welche das Spiel aus der Menge (hauptsächlich vergangener) Weltraum-Shooter hervorheben. Immerhin fliegt man hier nicht nur einen Wegpunkt an, um arglistiges Gesindel aus dem All zu pusten oder an einer Raumstation anzudocken und anschließend zum nächsten Wegpunkt zu springen. Vielmehr erkundet man relativ weitläufige Areale, die sich inmitten großer Asteroidenfelder, meist in der Nähe eines prachtvoll den Hintergrund ausfüllenden Planeten befinden.


Es ist keine gigantische offene Welt wie in Elite oder X4 und verlässt man die abgesteckten Gebiete, wird man zur Umkehr ermahnt. Die fünf Gebiete sind außerdem durch Sprungtore klar voneinander getrennt. Gemäß dem Konzept einer modernen Open World befinden sich in jedem Abschnitt dafür nicht nur zentrale Missionen, die den roten Faden weiterspinnen, sondern auch viele optionale Aufgaben, in denen man kleine Geschichten erlebt. Es gibt Piratenlager, liegengebliebene Schiffe oder solche, die Begleitschutz benötigen, wobei man oft auf Charaktere trifft, die in irgendeiner Form mit der Handlung oder bekannten Figuren verknüpft sind. Hinzu kommen zufällig auftauchende Gegnergruppen sowie Schiffsteile, mit denen man Naras Jäger verbessert. Auch Geld findet die Pilotin, für das sie in Raumhäfen Waffen oder Module kauft. Man ist also lange in wenigen Umgebung aktiv, lernt sie dabei Stück für Stück kennen und fühlt sich deshalb bald als Teil davon.



Nun werden sowohl kleine als auch große Ereignisse stets auf sehr einfache Art inszeniert: Transportgut wird per Fingerschnips von einem Schiff aufs nächste transportiert und dramatische Entwicklungen in Filmsequenzen kurz vorgestellt – danach befinden sich feindliche Schiffe schon an Ort und Stelle. Selten beobachtet man Veränderungen live; sie werden einfach aktiviert. Nicht zuletzt wirkt die Umgebung seltsam klein, wenn Begleitmissionen nur gefühlt zweihundert Meter weit führen oder wenn ein paar Asteroiden von der Basis entfernt schon so getan wird, als hätte man Lichtjahre von der Station entfernt ein ach, so geheimes Versteck aufgespürt. Unterm Strich ist Chorus also immer auch eine recht überschaubare Ballerei.


Sammeln auf Sparflamme


Als sehr unausgereift empfinde ich zudem das Verbessern des Schiffs, an dem sich verschiedene Arten von Lasern (um schnell Schilde zu zerstören), Maschinengewehren (um hauptsächlich den Rumpf zu beschädigen) und Raketen (zum Zerstören vor allem größerer Schiffe oder Geschütze) befinden sowie Module, um die Durchschlagskraft zu erhöhen, das Aufladen der Schilde zu beschleunigen oder die Häufigkeit des Einsatzes von Naras Fähigkeiten zu erhöhen. So ist es zwar ein gelungener Anreiz bessere Ausrüstung zu suchen, zu kaufen und über erfolgreich abgeschlossene Nebenmissionen zu erhalten. Dass dazu oft drei Stufen ohnehin nicht besonders effektiver Module zählen, dämpft das Verlangen nach neuer Hardware allerdings spürbar. Zusätzlich gibt es immerhin verschiedene Sets an Ausrüstungsteilen, die jeweils starke Vorteile bieten, wenn man mindestens zwei oder besser noch vier derselben Art verwendet. So richtig gezündet haben die überschaubaren Individualisierungen bei mir aber nicht. Sei’s drum. Hin und wieder dient so eine Verbesserung dennoch als gelungene Belohnung und da Chorus kein Loot-Shooter ist, schadet ihm die müde Sammelarbeit auch nicht.


Spannung statt Schleifen


Ich würde ohnehin viel lieber auf die zweite große Stärke des Spiels eingehen: das Fliegen und Schießen, das fast jederzeit im Mittelpunkt steht. Ihr wisst ja, wie das ist, wenn man mit aufgeladenen Waffen auf einen Gegner zu rast, ihm ein volle Ladung direkt in den Bug drückt und kurz darauf abdreht, um einen Zusammenprall zu vermeiden. Dann zieht man Joystick, Analogstick oder Maus so lange umher, bis man den Fiesling erneut im Visier hat und das Spielchen geht von vorne los. So weit, so gut?


Denkste! Fishlabs gelingt nämlich das kleine Kunststück diesem ewigen Schleifchendrehen frischen Schwung zu verleihen. Wie? Indem Nara nicht nur in jede Richtung fliegt, sondern auch schnelle Rollen nach links und rechts ausführt. Damit weicht sie Geschossen aus, ohne die grundsätzliche Richtung zu ändern, sodass man länger unter Beschuss stehen und gleichzeitig aber feuern kann. Spieler des ebenfalls bei Fishlabs entstandenen Galaxy on Fire – Manticore kennen das bereits.



Abgesehen davon kann man die Nase des Jägers sehr schnell herumziehen, während das Schiff – Newton sei Dank – weiter in seine vorherige Richtung gleitet. So nimmt man Verfolger aufs Korn, ohne ständig von dem zuvor beschriebenen „Wer kneift zuerst?“ unterbrochen zu werden und erlebt in Verbindung mit der Rolle nicht nur packende Dogfights ohne Kreisel-Pausen, sondern zieht bei hohen Geschwindigkeiten auch mit ziemlich coolen Drifts durchs All.


Dank Naras übernatürlicher Fähigkeiten geht es sogar noch weiter, denn sie kann sich hinter einen Gegner teleportieren, um ihm eine mächtige Salve direkt ins Kreuz zu jagen. Hat man die richtigen Module verbaut, richtet sie aus dieser Position heraus dann besonders großen Schaden an oder lädt die für alle Fähigkeiten benötigte Energie auf, falls sie ihr Ziel schnell genug besiegt. Die ist deshalb wertvoll, weil sie mit weiteren Riten feindliche Schiffe kurzzeitig außer Gefecht setzt und kurzzeitig so stark beschleunigt, dass sie durch bestimmte Hindernisse und Angreifer glatt hindurch brettert.


Ohne Cockpit, aber mit viel Schwung


Hat man den Dreh einmal raus, erlebt man herrlich rasante Gefechte, kombiniert schnelle Kills mit quirligen Flugmanövern und dringt gar in die Hangars von Stationen und Großkampfschiffen ein, was ohne zu spoilern spätestens in Bosskämpfen für aufregende Momente sorgt. Man darf sich ja nicht auf irgendwelche Automatismen verlassen, da manche Feinde schon auf der zweithöchsten Schwierigkeitsstufe ordentlich zulangen. Klassisches Ausweichen und Umkreisen ist mitunter durchaus wichtig! Naras Fähigkeiten erweitern das bekannte Fliegen lediglich um sehr coole und ausgesprochen praktische Möglichkeiten.


Und das ist ja auch alles nicht wahnsinnig neu. Aber ähnlich wie Double Damage Games (Rebel Galaxy Outlaw) sind die aktuellen Entwickler flotter Raumschiff-Action sehr darum bemüht das taktisch interessante, aber oft auch träge Umkreisen zu erleichtern und ihr Genre damit vielleicht auch Einsteigern und bisherigen Verweigerern ans Herz zu legen. Man merkt jedenfalls, dass sich Fishlabs viele Gedanken um die Bewegungsmöglichkeiten des Raumschiffs und den Ablauf der Gefechte gemacht hat.