Rezension: Hive (Brettspiel)


In meiner Rezension zur Into the Breach: Advanced Edition hatte ich erwähnt, dass es neben Schach und Hive zu den drei besten Spielen gehört, die das Taktieren mit Fähigkeiten in kleinen Arealen inszenieren. Das Spiel der Könige bedarf nach über tausend Jahren keiner Vorstellung, aber was ist Hive? Warum gehört es für mich in dieses zeitlos geniale Trio? Und warum ist es das ideale Spiel für den Sommerurlaub?




Geniestreich ohne Brett

Hive wurde vor über 20 Jahren von John Yianni entwickelt. Es war Anfang 2000 sein erstes Spiel und gleich ein Geniestreich, eine auf das Wesentliche reduzierte Rundentaktik, mit der er weltweit Auszeichnungen einheimsen konnte. Streng genommen ist es kein Brett-, sondern ein Legespiel, denn man braucht gar kein Brett. In der kleinen Box befinden sich nur 22 sechseckige Steine, in Schwarz und Weiß, auf denen Tiere abgebildet sind.


Hive ist für zwei Spieler ab zehn Jahren ausgelegt und komplett auf deutsch bei Huch erschienen.

Sie sind angenehm schwer, so dass man auch bei Wind wunderbar draußen spielen kann, auf einem Tisch oder im Sand. Natur und frische Luft passen ohnehin ganz gut, denn alles dreht sich hier um die Macht der Biene. Ähnlich wie der König im Schach ist sie die zentrale Figur eines sehr kurzen, aber dramatischen Spiels. Wenn sie stirbt, prophezeit man bekanntlich der Menschheit das baldige Aussterben - in diesem Fall hat man nur ein Spiel verloren.


Die Macht der Biene

Ziel für beide Spieler ist es, die gegnerische Bienenkönigin jeweils so mit schwarzen bzw. weißen Steinen einzukreisen, dass sie keine Freiheit mehr hat - das erinnert ein wenig an das Brettspiel Go. Also gilt es, sie um jeden Preis so zu schützen, dass sie sich noch ein Feld weit bewegen kann. Gleichzeitig muss man natürlich selbst angreifen, um zu gewinnen. Die Kunst besteht wie so oft in der Balance von Defensive und Offensive.


In den ersten vier Zügen muss die Königin ausliegen.

Doch hier stehen sich nicht sofort zwei geordnete Armeen gegenüber, denn am Anfang ist erstmal Nichts. Und aus dem entsteht die erste Begegnung zweier Steine, die man aneinander legen muss. Sie bekämpfen sich nicht, sondern berühren sich nur und bilden die Spielwelt. So verlaufen die ersten vier Züge mit statischen Platzierungen, wobei man in dieser Phase auch seine Königin auslegen muss. Nach dieser Eröffnung schaut man auf ein scheinbar buntes Chaos.


Dynamische Wabentaktik


Da liegen Ameisen, Käfer, Spinnen in einer Art Wabenkonstruktion, wobei die beiden Bienen vielleicht nur zwei oder drei Felder voneinander entfernt sind. All das kann sich ab jetzt ändern, denn es kommen mit jedem Zug entweder weitere Tiere hinzu, die man an seine Farbe anlegen muss. Oder man bewegt ein ausliegendes Tier, auch die Biene, so dass sich das Feld dynamisch verändert. Spätestens ab diesem Mittelspiel entdeckt man die cleveren Gesetzmäßigkeiten, die vorausschauende Planung und tolle Manöver ermöglichen.


Denn jedes Tier hat einzigartige Fähigkeiten hinsichtlich seiner Bewegung: Ein Grashüpfer überspringt in gerader Linie, eine Spinne krabbelt genau drei Felder, muss aber Kontakt zu anderen Tieren halten, eine Ameise rast hingegen beliebig weit und der behäbige Käfer darf zwar nur ein Feld ziehen, aber auch über sowie auf andere Tiere gezogen werden - damit macht er sie quasi bewegungsunfähig. Apropos: Hive ist ohnehin das Spiel der taktischen Blockade.


Strategische Ordnung


Obwohl alles theoretisch flink krabbeln und hüpfen kann, geht es nicht in wilden Angriffen zur Biene drunter und rüber. Denn es darf dabei nie ein Loch in der Wabenkonstruktion entstehen. Die Ameise darf sich z.B. nicht bewegen, wenn sie zwischen zwei anderen Tieren steckt und so eine Lücke in der Kette entsteht. Das bedeutet, dass man gerade ausgespielte Tiere wunderbar blockieren kann. Auch indem man Kreise langsam schließt oder ein Netz so um einen Stein spinnt, den man einkesseln will, dass er sich nicht ohne Kollision herausschieben lässt - denn das ist verboten.


Es wird spannend im Endspiel: Die weiße Königin hat nur noch eine Freiheit! Kann sie entkommen?

Das bedeutet, dass man sehr gut überlegen sollte, welche seiner zehn Steine man wann ausspielt. Es gibt tolle Kombinationen und taktische Manöver, die für enorme Spieltiefe sorgen. Man kann auf einen Schlag mehrere Gegner bewegungsunfähig machen, indem man klug abwartet und dann am äußeren Ende einer Kette seinen Stein platziert. Man kann einen aggressiven Spieler, der sofort die Königin bedrängt, auf viele Arten kontern. Oder man sorgt für ein Bienenmatt, indem man plötzlich den trägen Käfer bewegt.


Im Gegensatz zu Schach oder Go gibt es hier weder ausufernd lange Stellungskriege noch Gefangene. Man darf also keine Figuren schlagen und kann mit seiner Elf bis zum Schluss spielen. Das macht es auch zum idealen Einstieg für acht- bis zehnjährige Kinder, die man auf den taktischen Geschmack bringen will. Es kann auch mal ein Unentschieden geben, aber es entsteht meist ein spannendes Endspiel. Und kaum ist die Bienenkönigin nach einer Viertelstunde umzingelt, will man sofort eine Revanche.


Fazit


Hive gehört für mich zu den zeitlos genialen Spielen, das hinsichtlich der Langzeitmotivation an die historischen Brettspielriesen herankommt. Das sage ich nicht leichthin, denn ich bilde mir ein, dass ich sehr viel kompetitive Taktik auf dem Tische kenne, in der zwei Leute um den Sieg streiten. Vieles davon ist sehr unterhaltsam, ich liebe z.B. abstrakte Strategie à la Yinsh, Lyngk & Co, mag Duellspiele wie Ta-Ke und Kamisado, Kalat und Onitama.


Aber keines davon habe ich in den letzten zwei Jahrzehnten so oft aus dem Regal geholt, keines hat mich so oft auf Reisen begleitet und nahezu jeden überzeugt, der neugierig wurde - selbst die Kids. Hive hat ein sympathisches Szenario, ist sehr einfach zu lernen, alles andere als verkopft und dennoch überraschend vielseitig, denn es belohnt defensive Strategien und ermöglicht überraschende Wendungen. Für etwas Abwechslung und noch mehr Zugmöglichkeiten sorgen die drei Erweiterungen, über die der Moskito, der Marienkäfer und die Assel hinzu kamen.


Mit späteren Titeln wie Tatsu, Army of Frogs oder Logan Stones kam Autor John Yianni zwar nicht mehr an diese Faszination heran, aber er hat dem Genre der Legetaktik ein kleines Meisterwerk geschenkt, in dem die großartige Tradition von Schach und Go nachhallt.


(Hive ist als normale Box oder als Reise-Edition über Huch erhältlich und kostet knapp 30 Euro.)