Rezension: The Last of Us Part 1 Remake (PS5)

Dass der ehemalige Praktikant Neil Druckmann mittlerweile in Hollywood Regie führt, zumindest für eine Episode der HBO-Serie zu The Last of Us, ist Teil der spektakulären Erfolgsgeschichte von Naughty Dog. Was mal mit Crash Bandicoot und Jak and Daxter anfing, hat sich mit Uncharted nicht nur zum wichtigsten PlayStation Studio, sondern zu einem der einflussreichsten der Welt entwickelt. Das lag vor allem an der Wirkung von The Last of Us, das jetzt zum zweiten Mal neu aufgelegt wird.


Die ursprüngliche Vision


Allerdings war Neil Druckmann mehr PR-Manager als Spieldesigner, als er auf dem Summer Game Fest sagte, dass er und sein Team mit diesem Remake für PS5 und PC näher an die ursprüngliche Vision kommen könnten. Denn zum einen gab es ja 2014 schon ein Remaster für PS4. Und zum anderen hing die faszinierende Seele dieses Abenteuers weder an der Beleuchtung noch an der Mimik oder irgendwelchen KI-Routinen, sondern einzig und allein an der markanten Regie.

Die Reise geht zum dritten Mal weiter: Im Juli 2014 erschien The Last of Us Remastered für die PS4, nachdem es 2013 auf PS3 debütierte..

Und die wurde schon vor einem Jahrzehnt auf der PS3 von drei starken Säulen getragen: Auf der erzählerischen Ebene war es das Verhältnis zwischen Joel und Ellie, die Darstellung ihrer Persönlichkeiten, ihrer Gefühle und die Entwicklung ihrer Beziehung - diese Qualität war gerade innerhalb der Triple-A-Produktionen etwas Neues. Sie stellten die beiden so glaubwürdig dar, dass so mancher Vater (oder so manche Tochter) einem vertrauten Konflikt lauschen konnte, voller Trotz und Eskalation. Ab wann darf ein Kind dieses oder jenes? Obwohl nicht immer ausführlich diskutiert wird, hinterlassen die kleinen Dispute große, manchmal bestürzende Wirkung.

Emotionale Schmerzgrenzen


Naughty geht dabei an emotionale Schmerzgrenzen: Viel intensiver als die brachiale äußere Gewalt einer Enthauptung wirkt an einer Stelle die innere Kälte zwischen Joel und Ellie, die einen schlucken lässt. Unter der Oberfläche geht es immer wieder um Angst und Verlust, um die Vereinsamung des Menschen. Man stellt sich ständig die Frage, wie man selbst handeln würde und reflektiert automatisch über diesen Zustand der Verrohung. Diese Wirkung hinterlassen nur ganz wenige Spiele.

Auf der rein spielerischen Ebene revolutionierte Naughty Dog zwar nichts, aber inszenierte auf technisch höchstem Niveau ein Abenteuer zwischen brutalem Survival-Horror und eleganter Stealth-Action, zwischen Zerstörung und Idylle. Und auch die musikalische Ebene darf man nicht vergessen: Als ich die Melodien von Gustavo Santaolalla hörte, hatte ich tatsächlich wieder eine Gänsehaut. Ich hab mir damals den Soundtrack sofort kaufen müssen (was ich sehr selten mache), weil er so ganz anders klang als gewöhnliche Videospielmusik: das Ernste, das Traurige, das Emotionale und Wesentliche dieser Beziehung sowie tragisch verlorenen Welt wurden hörbar.

Gut gealtertes Abenteuer


Und obwohl ich dieses Spiel sehr gut kenne, obwohl ich also inhaltlich nicht überrascht werden kann, war ich immer wieder verblüfft, wie schnell die Zeit auf der PS5 mit diesem Remake vergeht. Das liegt daran, dass der Rhythmus dieses Abenteuers einfach klasse ist und einige Situationen bis heute zu den intensivsten ihrer Art gehören: Ich denke an die Szene im überfluteten Hotelkeller, wenn man gerade den Generator einschaltet, Kreaturen im Dunkeln lauern und plötzlich ein Bloater brüllt. Man ist umzingelt, muss schießen, rennen, sich verstecken und dann auch noch eine Schlüsselkarte finden.


Die Kulissen profitieren von mehr Vegetation und besser Beleuchtung.

Wenn der Bloater einen packt, zerreißt er Joel das Gesicht und die Kamera hält auch noch voll drauf. Hier gibt es keine anonymen Kills von hinten, sondern man sieht das verzweifelte Ringen mit dem Tod. Diese exzessive Gewalt sorgt zwar für Schockmomente, aber es gibt auch sehr wichtige ruhige Passagen, die zum Erkunden und Nachdenken einladen. Naughty Dog lässt sowohl die Schönheit der Natur in den Trümmern der Endzeit aufblitzen als auch seine Charaktere wachsen. Alles was man in Uncharted an situativem Storytelling über beiläufige Dialoge gelernt hatte, wurde auf der PS3 auf ein neues Niveau gebracht.

Auf den Spuren von Ico, Evil Dead und SinCity


Jetzt könnte man meinen, dass diese Art der Regie mittlerweile auf PS5, XBS, Switch und PC etabliert ist. Aber selbst nach einem Jahrzehnt gibt es kaum Spiele, die an dieses Erlebnis herankommen. Und es ist erstaunlich, dass dieses Remake immer noch so wirken kann: Wenn ich mich gerade an Headshots und Kills gewöhnen will, sorgen die Konflikte zwischen den beiden Helden für diesen emotionalen Schrecken. Beide haben Verluste hinter sich, beide sind vereinsamt. Diese menschlichen Abgründe wirken auch heute noch viel eindringlicher nach als die explizite Gewalt.

Es ist vor allem diese Mischung, die beeindruckt. Interessant ist ja, dass sie von Anfang an Teil der kreativen Vision war. Neil Druckmann verriet in einem Interview zur Entstehung von The Last of Us, dass er "das Gameplay von Ico in einer Geschichte, die während einer Zombie-Apokalypse spielt, wie die von Die Nacht der lebenden Toten, mit einer Hauptfigur verschmelzen wollte, die John Hartigan aus Sin City ähnelt." Außerdem wollte er mit Ellie eine „nicht-sexualisierte weibliche Protagonistin" erschaffen. Und all das ist ihm tatsächlich 2013 gelungen.

Live Service Games incoming


Also: Dieses Remake ist nicht aus kreativen Nöten entstanden, weil man jetzt endlich eine Vision verwirklichen kann. Dieses Remake erzählt auch nicht besser oder mehr als das Spiel, das man auf PS3 erlebt hat - zumal es ja keinen Multiplayer-Modus mehr gibt. Es ist natürlich Teil der neuen Strategie von Sony, denn das Endzeit-Universum von Naughty Dog soll im Jahr 2023 über die erwähnte TV-Serie sowie ein separates Online-Spiel ausgebaut werden.

Das Katz- und Mausspiel ist im Wesentlichen dasselbe.

Dazu ein kleiner Exkurs: Im Zuge des Kaufs von Bungie hat Sony einen langfristigen Plan für zwölf Live Service Games bis 2025 vorgestellt. Bungie soll bei diesem recht sportlichen Plan helfen, etablierte und kommende Welten für Solo-Abenteurer wie The Last of Us auch im Multiplayer-Bereich zu verankern. Ähnlich wie in Destiny oder Fortnite möchte man langfristig Spieler binden und von Abos sowie vor allem Mikrotransaktionen profitieren.

Strategische Markenverstärkung


Das mag finanziell richtig sein, schließlich steht man im Wettbewerb mit GamePass & Co, aber es birgt einige Risiken, die das Image von Sony betreffen. Deshalb muss Naughty Dog als wichtigstes Studio mit seinem Online-Ableger zu The Last of Us nicht weniger als beweisen, dass man auch im Multiplayer beeindrucken kann. Dieses Remake dient also in erster Linie genauso wie die TV-Serie der Verstärkung und Verbreitung der Marke im Vorfeld dieser Spielwelt, die man auf viele Jahre etablieren will.

Dass man dem Ganzen ähnlich wie Demon's Souls ein Vollpreisschild verpasst, über das viele Spieler gerade in dieser Krise den Kopf schütteln, zeugt vom Selbstbewusstsein angesichts der starken Marke. Aber Sony muss aufpassen, dass man nicht überdreht: Man legt ein Spiel zum zweiten mal neu auf und macht die PS5 gleichzeitig nur in Europa satte 50 Euro teurer, obwohl die Menschen gerade hier in der Energiekrise zur Kasse gebeten werden. Und selbst wenn man die Inflation bemüht: Das zeugt von wenig Fingerspitzengefühl in der Führungsetage.

Gelungene Restaurierung


Aber was bekommt man für sein Geld? Letztlich das, was man erwartet: Dieses Remake modernisiert die visuelle und akustische Oberfläche, nicht mal eben schnell mit einem Poliertuch und erweiterten Grafikoptionen, sondern von Grund auf wie bei einer vollständigen Restauration. Das macht Naughty Dog so gewissenhaft und akribisch, dass dieses Abenteuer auf PS5 deutlich besser aussieht und sich in einzelnen Situationen auch besser anfühlt.

Auch das Schwimmen und Tauchen profitiert von grafischen Ergänzungen.

Das fängt schon damit an, dass alle Charaktere neu modelliert worden sind. Joel sieht viel älter und verhärmter aus, was auch besser passt - immerhin hat er 20 Jahre der Apokalypse hinter sich, und das nicht nur als netter Kerl. Deshalb wirkt er als Anfang 50-jähriger mit seinen Falten und grauen Haaren eher wie ein Anfang 60-jähriger. Was mir sofort positiv aufgefallen ist, ist die Schwere in seiner Bewegung: Joel gleitet nicht, sondern bewegt sich mit spürbarem Gewicht, angenehm wuchtig und nicht locker leicht. Spielt man später Ellie, fühlt sie sich wesentlich agiler an.

Mehr Schwere und Wucht


Das mag nach einer Kleinigkeit klingen, aber selbst viele aktuelle Spiele kriegen die simulierte Schwere der Bewegung nicht so hin, weil sie nicht so tief in realistische Animationsphasen abtauchen. Hinzu kommen sehr flüssige Übergänge vom sitzenden oder kriechenden Abwarten hin zum Sprint in den Nahkampf, die es so nicht im Original gegeben hat - da waren die Brüche deutlicher. Auch die Schussgefechte profitieren: Nahezu alle Waffen fühlen sich besser an, was Rückstoß sowie Akustik betrifft, außerdem spürt man im Controller nicht nur den Widerstand beim Spannen des Bogens, sondern auch subtile Reize wie etwa Regen oder Wind. Hinzu kommen realistischere Trefferreaktionen, wenn ich etwa auf die Beine ziele, so dass ich danach auch in den Finisher gehen kann.

Die Interaktionen und Rätsel sind nahezu identisch geblieben.

Dass sich die Gegner in den Gefechten jetzt besser absprechen, eine Umzingelung ankündigen, sich vor Schreck nach vielen Verlusten mal zurückziehen oder auch Autoscheiben zerschossen werden, wenn man abwartend in Deckung hockt, sorgt ebenfalls für mehr authentisches Flair. Wer Shooter in Schultersicht und Stealth-Action mag, wird hier also ein herrliches Katz- und Mausspiel erleben, bei dem man wunderbar über Geräusche ablenken sowie Fallen platzieren kann. Die KI-Routinen wurden so ergänzt, dass man mehr Absprachen hört und je nach eigener Aktion auch anderes Verhalten beobachten kann. Sprich: Man erlebt vielfältigere Gefechte mit mehr Überraschungen.

Defizite und Bugs


Etwas unrealistisch wirkt allerdings, dass jeder Treffer mit dem Bogen sofort zum Tod führt. Zudem hatte ich neben einem bösen Grafikbug, als ein längst erschossener Feind beim Schieben des Autos wie eine Wackelpuppe an Ellie hing, auch kleinere Bugs, wenn sich etwa zwei alarmierte Wachen einfach nicht vom Fleck weg bewegen, sondern durcheinander laufen, aber darüber sprechen, dass man jetzt ausschwärmt. Außerdem bleibt es bei den Logikfehlern bei Sichtbarkeit von Nebencharakteren: Zwar reagieren Wachen jetzt schneller auf Ellie oder Tess, wenn diese ins Sichtfeld huschen, so dass der Anspruch auf dem normalen Schwierigkeitsgrad tatsächlich gestiegen ist, aber es kommt immer noch zu Inkonsequenzen im Alarmverhalten, wenn man zu zweit oder dritt unterwegs ist.

Ein Grafikbug: Beim Schieben des Autos klebt ein erschossener Feind an Ellie.

Naughty Dog erreicht in diesem Remake keine Perfektion und nicht die Dynamik oder Intensität von The Last of Us Part 2. Es ist eher eine Version 1.5: Zwar wirken die Übergänge zu den Nahkämpfen flüssiger als auf der PS3, aber sie bieten nicht die Vielfalt samt Konter & Co, so dass sie recht einseitig ablaufen. Außerdem hat man zwar einige Fundstücke anders platziert, aber leider findet man die Codes für Safes quasi immer noch nebenan. Hätte man das nicht ein wenig anspruchsvoller gestalten können? Und so gut das Herstellen von Gegenständen integriert ist, weil es u.a. Echtzeit abläuft, man also weiter in Gefahr ist, so unausgegoren wirkt weiterhin die Charakterentwicklung über die Pillen.


Das Leveldesign bleibt unangetastet


Das Leveldesign selbst bleibt hinsichtlich der Räume und Gebiete ebenfalls identisch, so dass man manchmal auf künstlich wirkende Begrenzungen trifft und recht kleine sowie lineare Areale erkundet. Ganz offensichtlich wird das, wenn man auf Büsche als statische Hindernisse trifft, in denen man sich nicht verstecken kann - das ausgefeiltere Deckungssystem des Nachfolgers hat man nicht übernommen. Dafür gibt es wesentlich mehr Optionen, was die Darstellung von Gewalt, die Steuerung sowie die Filter und Efffekte angeht. Abgesehen davon, dass man sich wie fast üblich zwischen besserer Kulisse oder Bildrate entscheiden darf, profitieren vor allem Spieler mit Beeinträchtigungen von zahlreichen Hilfen, so dass selbst Sprachausgabe am Controller fühlbar werden kann.


Man kann nicht nur den Hund streicheln...

Rein visuell hat man wie zu erwarten alles überarbeitet, und zwar bis ins kleinste Detail: Egal ob Vegetation oder Interieur, egal ob Fahrzeuge oder Möbel, Mimik oder Rucksack. Sowohl die plastischeren Oberflächen als auch die wesentlich differenziertere Beleuchtung fallen ins Auge. Naughty Dog hievt dieses Remake in nahezu allen Bereichen von den Charaktermodellen bis zur Kulisse auf das grafische Niveau des zweiten Teils. Der war allerdings schon auf der PlayStation 4 brillant und erhielt für PlayStation 5 bisher nur ein Update. Sprich: Dieses Remake sieht klasse aus, aber erreicht en detail nicht die technische Klasse eines Horizon Forbidden West, das aktuell das Maß aller Dinge ist, wenn man sich z.B. den Schnee oder auch das Wasser anschaut. Mal abwarten, welche Grafikoptionen man auf dem PC zuschalten kann, denn dieses Jahr soll es ja auch auf dem Rechner erscheinen.


...sondern auch eine Giraffe.

Ach so: Neben der separat integrierten (und sehr empfehlenswerten!) Episode Left Behind, die damals als DLC erschien und in der man über etwa zwei Stunden mehr über Ellie sowie einige Hintergründe erfährt, gibt es einen zusätzlichen Spielmodus. Wer seine Qualitäten im Speedrun testen will, muss das Abenteuer allerdings erst einmal auf einer Stufe seiner Wahl durchzocken. Es sei denn, er hat nicht die Standard-Version, sondern eine der Spezialvarianten bestellt, dann ist er schon freigeschaltet.

Fazit

Dieses Remake ist unterm Strich ein sehr gutes, aber kein herausragendes. Das liegt nicht nur an kleineren Defiziten, sondern auch an der Nähe zur letzten Neuauflage. Die Rückkehr von Demon's Souls hat mich damals natürlich auch deshalb stärker beeindrucken können, weil zwischen dem Remake für PS5 und dem PS3-Original satte elf Jahre und zwei (!) Konsolengenerationen lagen. Obwohl Naughty Dog sehr gewissenhaft restauriert und auch spielerisch ergänzt hat, habe ich das Gefühl, die "ultimative" Version schon zu kennen. Dieser frühe Zeitpunkt der Rückkehr ist natürlich der neuen Strategie von Sony geschuldet, denn das Endzeit-Universum von Naughty Dog soll im Jahr 2023 über die erwähnte TV-Serie sowie ein separates Online-Spiel ausgebaut werden. Also hilft es, die Marke möglichst überall nochmal in Erinnerung zu bringen. Aber hätte man dann nicht gleich Teil 1 und 2 zusammen in einem Paket und inhaltlich konsequenter modernisieren können? Das hätte auch die Diskussion um den Vollpreis abgemildert. So ist davon auszugehen, dass Letzteres ebenfalls bald als Remake zurückkehrt. Für all jene, die dieses Abenteuer noch nicht kennen, stellen sich all diese Fragen nicht - da kann man nur sagen: dieses Spiel muss man erlebt haben! Ich merke ja selber, wie schnell ich als Kenner wieder darin versinke. Es ist erstaunlich, wie gut sich sowohl die Story als auch das Spieldesign dieses Dramas gehalten haben, das zwischen intensivem Survival-Horror und dynamischer Stealth-Action immer wieder zum Spazieren und Nachdenken einlädt.

(Bilder: The Last of Us Part 1, PS5, eigene Aufnahmen)