Spiele mit Natur- und Klimafokus

In Terra Nil, das ich gerade in einer Vorschau vorgestellt habe, geht es um den Aufbau einer blühenden Natur. Während ich dort gemütlich Biome entstehen ließ, gab es den verheerenden Gletscherabbruch in den Dolomiten. Der Glaziologe Matthias Huss wies darauf hin, dass alleine in den Schweizer Alpen in einer Juniwoche mehr als 300 Mio. Tonnen an Schnee und Eis verloren gingen.


Erst derartige Katastrophen und das steigende Umweltbewusstsein haben dafür gesorgt, dass die Bedrohung unseres Ökosystems seit Anfang der 2000er auch vermehrt in Brett- und Videospielen thematisiert wird, teilweise in Kooperation mit Wissenschaftlern wie in Fate of the World von 2011. Auf Seiten wie Earthgames oder Gamesforchange reicht die Bandbreite mittlerweile vom Minispiel für den Unterricht wie in Climate Quest bis zur groß angelegten Simulation eines Eco - die Qualität schwankt allerdings von unterirdisch bis unterhaltsam.


Hier nur eine kleine Auswahl an digitalen Spielen, die bewusst breit gefächert ist und einfach ein wenig neugierig machen soll, darunter auch kostenlose Spiele:



NASA NeMO-Net (PC, iOS, And)


Ihr habt Kids? In NeMO-Net kann man der NASA dabei helfen, Korallenriffe einzuordnen, indem man in einer 3D-Unterwasserwelt um sie herum navigiert, sie per Touchfunktion bemalt, klassifiziert und teilt. Das ist nur ein kleines Gratis-Spiel, für das man etwas Geduld beim Ausmalen braucht, aber man erfährt einiges über die Arten und Funktionen dieser gefährdeten Nesseltiere, die unter Wasser ihre bunten Kolonien errichten. Die US-Bundesbehörde für Raumfahrt und Flugwissenschaft hat übrigens auch eine Seite für Kinder mit einigen Minispielen parat, die allerdings nicht besonders toll sind.




Beyond Blue (PC, PS4, XBS, SW)


Richtig abtauchen samt Story kann man eher in Beyond Blue. Im ansehnlichen Unterwasser-Abenteuer von E-Line Media erkundet man als Forscherin die Tiefsee und lernt beim Scannen etwas über die Meeresbewohner. Es ist zwar von der Naturdoku Blue Planet inspiriert, und in Kooperation mit der BBC entstanden, aber weniger wissenschaftlich und realistisch, sondern eher als entspannendes Erlebnis angelegt, zumal es mit seiner sphärischen Musik fast Richtung Zen Gaming tendiert. Als Meeresbiologe oder Hobbytaucher muss man da einige Augen zudrücken. Es ist 2020 über Apple Arcade, danach auch für PC, PS4, XBS sowie Switch erschienen, erhielt mäßige bis solide Kritiken.




The Climate Trail (PC, iOS, And)


Komplett kostenlos erlebt man das apokalyptische Adventure The Climate Trail aus der Perspektive von Klimaflüchtlingen. Amerika ist fast unbewohnbar geworden, eine Gruppe versucht sich in den Norden durchzuschlagen. Ihr gefährliche Reise ist ein Survival-Trip, man trifft jeden Tag Entscheidungen, muss sich um Wasser, Essen und die Moral der Gefährten kümmern, Hitzewellen und Tornados überstehen. Die Szenen sind wie in einem Comic illustriert und mit Multiple-Choice-Dialogen versehen. Das Spiel ist weit hinter der Qualität eines The Banner Saga oder Oregon Trail angesiedelt, aber es ist kostenlos und konnte 2020 auf der International Serious Play Conference die Bronzemedaille gewinnen.



Eco (PC)


Eines der ambitioniertesten Spiele mit Klimathema ist Eco von Strange Loop Games, das in seiner Online-Welt ein Ökosystem in Voxelgrafik simuliert: 24/7 wachsen und sterben Pflanzen und Tiere auf einem fiktiven Planeten, den die Spieler frei besiedeln - allerdings wirkt sich ihr Verbrauch für Nahrung und Bau direkt auf die Natur aus: Es gibt sensible Wechselwirkungen für alles, was der Mensch erntet. Er selbst kann sterben, wenn er nichts isst. Steaks machen satter als Beeren, aber sorgen letztlich für Waldsterben. Im Extremfall der Ausbeutung kann die komplette Zivilisation eines Servers untergehen.



Aber warum sollten Spieler dann nicht einfach als Jäger und Sammler durch die Welt streifen, ohne sie ernsthaft zu gefährden? Weil ein Meteor naht. Und den kann man nur aufhalten, wenn man so schnell wie möglich fortschrittliche Technologie entwickelt. Tja, dieses Dilemma zwingt zu gemeinsamer Planung: Wie gewinnen Städte die Energie? Welche Fabriken baut man? Was erforscht man? Welche Gesetze stellt man auf? Welches Tier darf z.B. gejagt werden? Wieviel Bäume dürfen gefällt werden? Das erfordert Absprachen und Kooperation, jeder Spieler kann sich spezialisieren und beteiligen - oder alles ignorieren. Man kann eigene Server aufsetzen und ganz alleine in der Wildnis loslegen.


In der immer noch laufenden Kickstarter-Kampagne, die bei über 200.000 Dollar liegt, wird Eco als "Global Survival Game" bezeichnet, das die Lücke zwischen Spielen und Bildung schließen will. Zwei von sieben Stretchgoals wurden erreicht, es gibt mittlerweile Landbesitz und ein Justizsystem; ab 250.000 Dollar sollen weitere Biome folgen. Das PC-Spiel startete 2018 in den Early Access, konnte auf einigen Independent-Festivals auf sich aufmerksam machen und wurde in der Presse bisher solide bis gut besprochen. Rein spielmechanisch ist man wie in vielen anderen Survival-Abenteuern größtenteils mit einem redundanten Alltag, also dem Sammeln und Bauen beschäftigt.


Plasticity (PC)


Nicht nur Abgase und Co2, sondern auch ein spezielles Material bedroht die Umwelt: Plastik. Zu trauriger Berühmtheit gelang es vor allem durch den so genannten Müllstrudel im Pazifik, der gerade hinsichtlich seiner Auswirkungen auf die Meeresbewohner erforscht wird. Wie die Welt aussehen könnte, wenn der Konsum dieses Kunststoffs Überhand nimmt, zeigt das kostenlose Spiel Plasticity. Im Jahr 2140 ist man als Nora unterwegs, die ein neues Zuhause sucht: sie hüpft, klettert, bedient Hebel, löst Rätsel und muss Entscheidungen treffen, die Konsequenzen nach sich ziehen. Der kleine, aber stimmungsvolle Plattformer wurde von Studenten der University of Southern California designt.




QuestaGame (PC, iOS, And)


Ihr wollt lieber selbst mit der Kamera losziehen und in der Natur sein? Dann könnte das kostenlose QuestaGame interessant sein, denn hier schießt ihr als "Bio-Abenteurer" aktiv Fotos von Tieren aus eurer Umgebung. Die Bild-Informationen werden mit dem sehr coolen Atlas of Living Australia sowie der Global Biodiversity Information Facility geteilt, die als Datenbanken dabei helfen wollen, bedrohte Arten zu schützen. Das Spielerische hält sich in Grenzen, man steigt lediglich in Ranglisten auf, sieht wo die Freunde stehen und es gibt kleinere Herausforderungen. Das gleichnamige Tech-Startup hat seit seinem Start 2014 einige Innovationspreise gewonnen, ist vor allem an australischen Schulen und Unis im Einsatz und wird ständig aktualisiert.




Endling: Extinction is Forever (PC, PS4/5, XBS, SW)


Last but not least ein Spiel aus Spanien von den Herobeat Studios, das am 19. Juli erscheint: Endling ist ein ungewöhnlicher 3D-Plattformer in einem charmanten Zeichentrickstil, der aufgrund seiner Heldin neugierig macht. Man schlüpft in die Rolle einer Füchsin, die ihre drei Jungen in einer weitgehend zerstörten Natur nach einer Klimakatastrophe großziehen muss. Also heißt es erkunden, jagen, füttern, fliehen, kümmern - und die Welpen sind immer dabei. Laut Samuel Molina ist sie zwar die Letzte ihrer Art, allerdings trifft sie auch auf andere Tiere, die helfen können. Während das Quartett unterwegs ist, begegnet man auch Menschen und vor allem den Auswirkungen ihrer Ausbeutung.




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