Das Silmarillion: Tief versunken in Tolkiens Welt

Nichts geht über ein gutes Buch. Alles fing mit Geschichten an, alle Geheimnisse der Erde und alle Rätsel des Menschen versuchte man zu erkunden. Manchmal füllte die Fantasie nicht nur Lücken, damit es glaubwürdiger oder spannender war. Manchmal erschuf sie Wesen und Charaktere, die so greifbar wirkten, als könnten sie tatsächlich existieren, als würde sich beim Erzählen eine Tür in eine andere Welt öffnen.


Die Sprache diente nicht nur der Unterhaltung, sie war so mächtig, dass sie auf die Realität wirken konnte. Egal ob gesprochen, gesungen oder gereimt, konnte sie Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft beeinflussen. Nicht umsonst waren Dichter, Barden, Skalden bei den Germanen und Kelten so hoch angesehen - im irischen Frühmittelalter war ihr höchster Vertreter, der so genannte Ollam, sogar den Königen gleichgestellt.


J.R.R. Tolkien, ca. 1925, gemeinfrei.

J.R.R. Tolkien (1892 -1973) war ein Erbe dieser gelehrten Erzähler. In seinem Silmarillion verwebt er Musik, Poesie, Geneaologie und Geschichte so meisterhaft, dass aus der mythologischen Weltschöpfung ein episches Abenteuer wird, in dem es um Liebe und Tod, Sünde und Rache geht. Als junger Leser des Hobbits konnte ich der Sammlung noch nicht viel abgewinnen und Der Herr der Ringe hat mich als bessere Geschichte lange Zeit gefesselt. Aber jetzt versinke ich mit Genuss in den ersten zwei Zeitaltern, in denen es vor allem um die Quendi, die Elben geht.


Ich hatte die Wahl: Weiter lesen in G.R.R. Martins Feuer und Blut, in dem es ja ebenfalls um Ursprünge geht, um die Geschichte von Westeros und die Eroberungen des Hauses Targaryen. Natürlich ist das moderner geschrieben, und tatsächlich gut konzipiert, indem es auch die Wiederholungen und Strukturen mittelalterlicher Chronisten ein wenig nachahmt. Aber die Anziehungskraft des Silmarillion ist einfach viel stärker. Ich habe etwas gebraucht, um mich wieder an Tolkiens pathetisch anmutenden Stil zu gewöhnen, aber dann wirkte das gerade aufgrund der Sprache wie ein fernes, unheimlich schönes Echo aus vergangener Zeit.


Gestern hab ich bis spät in die Nacht zwischen den Landkarten die Wege der Elben verfolgt, wie sie nach Beleriand kamen, wo sie die Naugrim, also die Zwerge trafen, wo Doriath mit seinem magischen Riegel entstand. Plötzlich war das wie ein vergessener Schatz, den ich mit Freude wieder entdecken konnte, mit ganz neuen Einsichten. Als Rollenspieler, der Hintergründe von Kampagnen ebenso mag wie Abenteuer-Module, kann ich nur ehrfürchtig beobachten, wie weitläufig, aber auch konturscharf Tolkien seine Welt inszeniert: Er zoomt nicht nur heraus, um große Völker, Königreiche und Schlachten abzubilden, sondern auch so tief herein, dass ein Fluss nicht nur geografisch zu einer Quelle führt, sondern dass sein Name selbst eine Geschichte ist, die wiederum zu den Ursprüngen eines Gottes führt.


Vielleicht rührt meine Faszination auch daher, dass ich zur Vorbereitung auf God of War: Ragnarök gerade parallel die Edda lese oder dass ich vor nicht all zu langer Zeit im Kojiki gestöbert habe, das ja die Mythologie und Frühgeschichte Japans darstellt. Auch dort geht das Wirken der Götter quasi nahtlos in jenes der frühen Könige über. Auf jeden Fall ist es erstaunlich, wie nah Tolkien an die Struktur, Tonalität und Wirkung dieser "historischen" Weltschöpfungen herankommt. Er verwurzelt seine Geschichte so tief, indem er sie nicht nur über Ereignisse, sondern sprachlich über Lautverschiebungen, Dialekte & Co langsam wachsen lässt - mit sehr viel Zeit und Geduld, wie einen Baum.


Ah! like gold fall the leaves in the wind, long years numberless as the wings of trees! (Anfang eines Gedichts der Quendi namens Namárië) gemeinfrei.

Oder anders: Würden Aliens lediglich das Silmarillion finden, könnte es als die Geschichte der Erde durchgehen - und vermutlich würden sie schnell weiterfliegen, weil die Elben und Zwerge verschwunden sind und Menschen letztlich zu Orks degenerierten, die sich selbst vernichten. Jedenfalls hat kein anderer mir bekannter Schriftsteller das Wort und die Sprache so ernst genommen. Von den modernen Fantasy-Autoren hat Tad Williams in seiner Welt Osten Ard einen Teil dieser Magie aufblitzen lassen - das ist in diesem Sinne vielleicht die beste Hommage an die Schöpfung des Oxforder Professors, weil die Sprache seiner Sithi auch dort glaubwürdig, wenn auch nicht so tief integriert ist.


Tolkien schmiedete sein Mittelerde ja quasi mit jeder Silbe. Wenn man sich ein wenig mit alten Sprachen beschäftigt, wird man wissen, wie wichtig Kleinigkeiten sind, wie viel Bedeutung selbst in kleinen Teilen von Worten steckt. Mir war natürlich schon damals bewusst, dass er u.a. das Quenya, also das Elbische, komplett bis zur Grammatik erfunden hat; damit fing er als Jugendlicher an. Nach eigener Aussage hat er zuerst aus einem Impuls heraus das Wort "Hobbit" erfunden und daraus anschließend Wesen und eine Geschichte gemacht.


Erst jetzt kann ich allerdings so richtig wertschätzen, wie unheimlich tief die Sprache und alte Legenden seine komplette Welt geprägt haben. Ich kann nicht alles an Einflüssen erkennen, zumal ich nur das Altisländische und Altsächsische im Studium gelesen habe, aber nicht seine direkten Vorbilder, also das Walisische oder Finnische. Das Erstaunliche ist ja: Man kann während der Lektüre des Silmarillions langsam lernen, man wächst auch sprachlich mit der Schöpfung der Welt, so dass man irgendwann weiß, was z.B. Isildur bedeutet. Natürlich hatte Tolkien nicht nur eine kulturelle Inspirationsquelle. Aber ich sehe jetzt viel deutlicher die Parallelen zur germanischen Mythologie, wenn sich die Götter beratschlagen, wenn sich die Völker der Elben auf ihrer Wanderung aufspalten, wenn der Meisterring geschmiedet wird, wenn Eide geschworen und gebrochen werden, bis ein Weltenbrand entflammt. Apropos Feuer: So einiges von Loki, der sowohl den Riesen als auch Asen entstammt, und der in God of War: Ragnarök ja von Atreus verkörpert wird, steckt in diesem Melkor, der schließlich zu Morgoth wird, dem Erbfeind des Elbenfürsten Feanor.


Da dies nur eine kleine Erkundung ist, nur so viel dazu: Feanor sammelte in drei Edelsteinen, den so genannten Silmaril, ja das Licht der heiligen Weltenbäume. Ihre hinterhältige Vernichtung durch Melkor und der Raub der Silmaril führt zwar letztlich zur Entstehung von Sonne und Mond auf Mittelerde, aber auch zum düsteren Schicksal der Elben, die ihre eigene Sippe ermorden, so dass ein Fluch auf den kommenden Zeitaltern liegt.


Wenn man so möchte, strahlt das Silmarillion mit seinen Motiven bis in unsere fiktiven Welten, bis weit hinein nach Elden Ring. Am 2. September sollen die "Ringe der Macht" das Zweite Zeitalter in einer TV-Serie beleuchten. Ich bin sehr gespannt, ob etwas von der altertümlichen Anziehungskraft erhalten bleibt.


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