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No Rest for the Wicked: Fantasy im Gemäldestil

Gerade habe ich im Podcast mit Christian Endres über die Anziehungskraft von Bild und Beschreibungen in Magic: The Gathering gesprochen. Dabei erwähnte ich kurz die Brüder Tim und Greg Hildebrandt, zwei der einflussreichsten Illustratoren der Science-Fiction und Fantasy, die nicht nur mit ihren großartigen Kinopostern und Kalendern von Star Wars über Dungeons & Dragons bis Der Herr der Ringe seit Mitte der 70er die Vorstellungen geprägt haben.


Einige ihrer Werke sind ja auch im aktuellen The Lord of the Rings von Magic zu sehen, etwa auf der Waldkarte Seasons Past, wenn Gandalf den Pfeife rauchenden Bilbo in seinem Garten besucht. Noch konnte mich das zwar nicht zum erneuten Einstieg in die Welt der Sammelkarten verleiten, aber als Teenager habe ich den Fantasy-Roman Das Schwert von Shannara von Terry Brooks sofort kaufen müssen, als ich das Cover der drei Abenteurer sah, die staunend vor einem gold glimmenden Schwert verharrten.


Ich mag den malerischen Stil der Brüder Hildebrandt, weil er etwas märchenhaft Episches ausdrücken kann. Und obwohl das Gute hier meist in hellen Farben leuchtet, obwohl man in der klaren moralischen Dualität die Tradition von Disney erkennt, wirken ihre Bilder nicht all zu naiv oder kitschig. Selbst wenn ich heute anderes Fantasy-Artdesign bevorzuge, vermisse ich in den immer realistischer wirkenden Videospielen alternative Gemäldestile - und deshalb hat mich diese Ankündigung von No Rest for the Wicked neugierig gemacht.



Es entsteht gerade bei den Moon Studios, den Machern der zauberhaften Metroidvanias Ori and the Blind Forest (2015) und Ori and the Will of the Wisps (2020). Diesmal inszenieren die Österreicher allerdings ein Action-Rollenspiel, das "das Genre neu erfinden wird". Tja, diese Floskel hätte sich die PR besser sparen sollen, denn manchmal erinnern sich Journalisten an Versprechungen - und laut der bisherigen Beschreibung sowie des Trailers erkenne ich rein spielerisch noch nichts Revolutionäres.


Aber das Artdesign, das macht mich neugierig. Denn man sieht überall diese groben Pinselstriche, in Gesichtern und auf der Kleidung, in der Natur und Architektur. Das gefällt mir richtig gut. Und ein, zwei Szenen vor den riesigen Buntglasfenstern im Thronsaal, oder im goldenen Licht auf der Waldbrücke, erinnerten mich zumindest entfernt an das malerische Flair der Hildebrandts. Allerdings ist der Stil hier ein anderer, farblich verwaschener, auf manchen Bildern wie jenen mit den Sonnenblumen wirkt er fast schon impressionistisch.



Die Kreaturen sind skurril bis alptraumhaft designt, zumal No Rest for the Wicked nicht nur aufgrund des "brutalen Präzisionskampfsystem" alles andere als ein strahlend schönes Märchen werden dürfte. Laut Story wird ein Königreich von einer Seuche heimgesucht, die Menschen verwandelt und mutierte Monster hervorbringt. In den Gesichtern der Protagonisten ist manchmal eine gewisse Traurigkeit zu erkennen, die man auch aus dem Soundtrack heraushören kann. Entsteht hier vielleicht eine melancholisch-düstere Fantasywelt wie in Das Letzte Einhorn? Das ist vermutlich zu weit galoppiert, zumal mythisch-märchehafte Bezüge fehlen. Rein erzählerisch geht es eher um Machtpolitik zwischen den Fraktionen der Rebellen, der Kirche und dem Thron. Nach dem Tod des Königs sorgen sein junger Nachfolger und die Pest für reichlich Konflikte.



Wer weiß, wie sich dieses Abenteuer entwickelt, ob es abseits der Kämpfe und Erkundung auch eine Strategie- oder Survival-Ebene à la Wartales bietet, denn das wird über Mahlzeiten, Fischerei & Co angedeutet. Dass ich überhaupt derartig spekuliere, spricht jedenfalls dafür, dass die Artdirection einen Nerv trifft und meine Fantasie anregt. Und genau das konnten damals auch die besten Magic-Karten. Ich drücke dem Team jedenfalls die Daumen, dass sie die künstlerische Anziehungskraft aufrecht erhalten können. Ob das Spieldesign ebenso interessant ist oder gar innovativ ist, dürfte der 1. März 2024 zeigen, wenn das Action-Rollenspiel ausführlich vorgestellt wird. Es soll im ersten Quartal 2024 auf dem PC in den Early Access gehen und danach für PC, PS5 sowie XBS veröffentlicht werden. Produziert wird es übrigens bei Private Divsion (The Outer Worlds, Rollderdrome), dem Independent-Label von Take 2 Interactive. (Bilder: No Rest for the Wicked, Moon Studios/Private Division, offizelles Material)


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9 Comments


Nach den ersten Gameplayvideos die ich jetzt gesehen habe, muss ich sagen das sieht mir zu frustig aus. Die Souls-Formel in einem Iso-Action RPG brauch ich jetzt nicht wirklich. Noch dazu der recht hohe Preis von 40 Tacken für eine EA-Version in der gerade mal das erste Kapitel spielbar ist. Nö, brauch ich nicht. Noch ne ganze Weile nicht.

Das Artdesign ist schick, keine Frage.

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DECVRIO
DECVRIO
Dec 17, 2023

In einer Zeit, in der die Spielewelt oft nur als Kopie der Realität abgezeichnet wird und mit "ultra realistic 4k 60 fps" beworben wird, ist das sehr erfrischend. Schön, dass hier der Mut zur Kreativität in der Gestaltung gewonnen hat. Jetzt muss nur noch die Geschichte und das Gameplay passen.

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Sermon Hochtlas
Sermon Hochtlas
Dec 16, 2023

Das Artdesign überzeugt auf jeden Fall schon mal vollends - wenn hier noch ein schönes, storylastiges, atmosphärisch dicht erzähltes Einzelspieler-Erlebnis geboten wird, bin ich schon zufrieden. Das Genre braucht's dann meinetwegen gar nicht mehr neu erfinden...

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Dr Kuolun
Dr Kuolun
Dec 12, 2023

Weil das beim name dropping in der Spielevertiefung in den letzten Wochen immer mal wieder aufblitzt:

Hatte ich als Kind LOTR gelesen. Und nun?

Es folgt Shannara. Nichts gezündet.

Später: Elric. Verwirrtes ja.

Noch später: Drachenbeinthron - freudiges ja

Jahre später: Spiel der Götter (Steven Erikson): this is the way


(doch doch, ich hab auch andere Bücher gelesen)


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Jörg Luibl
Jörg Luibl
Dec 12, 2023
Replying to

Sehr schöne Kurzbreitseite, kann ich sekundieren.;)

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Andy
Andy
Dec 12, 2023

No Rest for the Wicked hat mich optisch ebenfalls sofort überzeugt. Ob es das auch spielerisch tun wird, muss abgewartet werden. Es sieht, wie Qugart unten schreibt, schon ein bisschen nach Diablo aus. Aber gegen gepflegtes Hack n' Slay ist eigentlich nichts einzuwenden. Das Spiel behalte ich auf jeden Fall auf dem Radar. Schliesslich sind die beiden Ori-Spiele wunderschön und warum sollte es das Studio dieses Mal falsch machen? Eben.

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