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Pentiment: Rollenspiel-Adventure im 16. Jahrhundert

Wenn man sich das Portfolio von Hannah Kennedy anschaut, denkt man vielleicht nicht sofort an mittelalterliche Manuskripte oder Buchmalerei. Allerdings erkennt man schon, dass die Künstlerin ein Händchen für klassische Fantasy hat. Das hat sie 2016 als 2D-Artist bis nach Obsidian Entertainment geführt, wo sie zunächst für die Kartentaktik Pathfinder Adventures zeichnete.


Mittlerweile ist sie als Art Director für ein ungewöhnliches Spiel namens Pentiment verantwortlich, das aus mehreren Gründen sofort auffällt: Ein altes Buch wird aufgeschlagen, ein Andreas mit Schlafmütze wird von einer Ursula gekitzelt, erwacht, spaziert im groben Zeichentrickstil durch ein bayerisches Fachwerkdorf namens Tassing und spricht in englischen Textboxen über seine "Wanderjahre" - hier der Trailer.


Je nachdem, ob er im Dialog Basel, Flandern oder Italien wählt, oder sich als Hedonist, Handwerker, Bücherwurm, Halunke oder Geschäftsmann vorstellt, ändert sich sein Charakter und auch die Geschichte, in der es über einen Zeitraum von 25 Jahren um den Mord an einem Prominenten im 16. Jahrhundert gehen soll - der dem Freund von Andreas angelastet wird. Also begibt er sich auf Spurensuche, während er nebenbei weitere Fälle löst, wobei Zeugen befragt, Leichen seziert und Verhandlungen geführt werden.


Wüsste man nicht, dass dieses Rollenspiel-Adventure von Obsidian Entertainment stammt, die immerhin Fallout: New Vegas und Pillars of Eternity gemacht haben, würde man vielleicht das staatlich geförderte Projekt eines kleinen Studios vermuten, in dem ein verkopfter Historiker seine Vision eines anspruchsvollen Detektiv-Spiels verwirklichen will - eine Art oberbayerisches Ace Attorney, aber bitte ernster und lehrtauglicher.



Tja, Josh Sawyer hat nicht nur einen B.A.-Abschluss in Geschichtswissenschaft, er hat auch deutsche Wurzeln und seit Darklands (1992) ein Faible für das europäische Spätmittelalter. Dieses Rollenspiel von Microprose hat auch mich damals so fasziniert, dass viele Jahre das Poster über meinem Bett hing. Was war so anziehend? Es war das erste digitale Fantasy-Abenteuer mit "historischem" Hintergrund, spielte nämlich im Deutschland des 15. Jahrhunderts, war dazu komplex angelegt und konnte hinsichtlich seines Questsystems immerhin Bethesda beeinflussen.



Mit diesem von Kennern hoch gelobten, jedoch wirtschaftlich gefloppten Klassiker hat Pentiment zwar spielerisch wenig zu tun. Aber dass Josh Sawyer sein davon inspiriertes Soloprojekt dreißig Jahre später verwirklichen kann, ist schon eine tolle Geschichte. Allerdings steckt in ihr auch die Wahrheit, dass er um das Go der Geschäftsführung um Feargus Urquhart, Chris Avellone & Co sehr lange kämpfen musste. Denn natürlich wussten die alten Haudegen, dass ein Andreas in Oberbayern nicht ganz so cool ist wie die Apokalypse in Vegas - egal wie ausgefeilt die Story von Josh sein mag.


Aber irgendwann konnte er sich durchsetzen, was wohl auch am Interesse von Hannah Kennedy lag, die das Ganze künstlerisch visualisieren wollte. Anstatt einer isometrischen Kulisse à la Pillars of Eternity wird hier alles zweidimensional dargestellt, vom Stil der Buchmalerei und Holzschnitten der Renaissance beeinflusst. Das erinnert ein wenig an Inkulinati, nur dass Obsidian nicht so radikal eine Perspektive innerhalb eines vergilbten Manuskriptes wählt, sondern das Ganze weitgehend als Zeichentrick-Adventure von außen darstellt - und nur manchmal direkt in der Buchmalerei animiert.



Ich bin jedenfalls sehr neugierig, was da im Kopf von Josh Sawyer und mit den Stiften von Hannah Kennedy gereift ist. Ich habe ausnahmslos alle Rollenspiele von ihm gezockt, habe sein historisches Gespür für Manuskripte und Quellen schon in Pillars of Eternity geschätzt und weiß, was er vor allem erzählerisch drauf hat. Als Obsidian 2018 von Microsoft gekauft wurde, war Pentiment jedenfalls auf einem guten Weg, wurde von einem vergrößerten Team betreut und schließlich konsequent finalisiert, inklusive umfassender Lokalisierungen. Es soll am 15. November 2022 für Xbox und PC erscheinen. (Pentiment, Obsidian Entertainment, offizielles Bildmaterial)


Vielen Dank an alle Steady-Unterstützer, die dieses kleine Spiele-Magazin mit ihrem Abo möglich machen. Es würde mich freuen, wenn ihr auch an Bord kommt!

7 Comments


Olaf
Olaf
Sep 12, 2022

Wenn sie es übersetzen, dann hoffentlich in irgendein mittelalterliches Alt-Deutsch :)


Ansonsten bin ich gespannt, wie sich die Personengestaltung auf den Mittelalterkrimi auswirken wird.

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DeVTOL
DeVTOL
Sep 09, 2022

Schade, das es wohl MS Exklusiv wird. Ich mein das jetzt nicht negativ, ganz im Gegenteil, aber für mich wäre es wohl das perfekte Spiel zum einschlafen. Gäbe es eine Switch-Version, hätte ich vermutlich zugeschlagen. Schön abends im Bett, ein Stündchen "lesen" und gemütlich wegknacken. Auf dem großen Fernseher komme ich mit so extrem textlastigen Spielen leider nicht zurecht.

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Old Shatterhand
Old Shatterhand
Sep 08, 2022

Toll. Ich mag Spiele mit interessantem Design und Konzept. Das hundertste Assassins Creed oder Call of Shoot me Dead ist gern für andere.

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Qugart
Qugart
Sep 08, 2022

Ich weiß gar nicht mehr, wann das heuer angekündigt wurde, aber da hat es mir schon gut gefallen.

Da es rein auf Microsoft-Plattformen (vorerst) läuft, werd ichs eher nicht holen.

Insgesamt steht und fällt es halt mit dem Adventure- bzw. Rollenspiel-Teil. Wenn da die Story gut ist, dann könnte das richtig Spaß machne. Soll ja auch für nur 20 Euro hergehen.

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Marco Achat
Marco Achat
Sep 08, 2022

Auch ich habe das Spiel auf meiner „Beaobachtungs-Liste“; mal sehen, wie das fertige Spiel abschneidet…


Weil ich auch in diesem Text keinen Hinweis darauf finde, meine Frage: Gibt es schon Infos zu der Sprach-, bzw. Textausgabe? Konkret: Wird es deutsche Texte geben? Ist diesbezüglich schon etwas bekannt?

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Thalion0109
Thalion0109
Sep 08, 2022
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Ich habe Pentiment bei der gamescom kurz angezockt und das Personal dort hat bestätigt, dass es mit Veröffentlichung eine Übersetzung ins Deutsche geben wird. Hoffentlich waren sie gut informiert ;).

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