Vorschau (Teil 1): Elden Ring

Ab 12. November können etwa 50.000 Spieler für einige Tage am geschlossenen Netzwerk-Test von Elden Ring teilnehmen. Vielleicht hattet ihr Glück und seid dabei? Dann wünsche ich euch viel Spaß! Falls nicht: Ich durfte bereits durch das verfluchte Reich ziehen. Was mir in der offenen Welt von From Software widerfahren ist und welchen Eindruck das Action-Rollenspiel bisher hinterlässt, erzähle ich in einer dreiteiligen Vorschau - es gibt sie auch zum Hören.



Warum nicht in einem Text? Zum einen spiele ich selbst noch weiter, zum anderen kann ich so spezielle Bereiche des Spieldesigns etwas fokussierter beleuchten. Ich beginne heute im ersten Teil mit dem Wichtigsten: dem Spielgefühl. Anhand von ausgewählten Szenen, die mich besonders neugierig gemacht oder fasziniert haben, geht es um die situative Anziehungskraft von Elden Ring, um Rätselhaftigkeit und Mysteriöses. Gibt es mehr als Kampf und Beute in dieser offenen Welt? Also hinein in die erste Szene...


Szene 1: Der Riese


Ich spaziere über eine Hochebene, windumtost und schroff. Eine Ruine ragt wie ein schiefer Zahn aus der Erde. Überall liegen seltsame Trümmer, bleich und wie Knochen geformt. Was ist hier passiert? Gab es eine Schlacht? Bis auf ein paar Schafe ist nichts zu sehen. Aber ich kann die lauernde Gefahr spüren. Trotzdem zieht mich dieser Ort magisch an. Ich muss ihn weiter erkunden.



Als ich näher heran gehe, beginnt die Erde zu beben - und eine Kreatur erwacht. Aus den Trümmern, aus Wirbelsäulen, Gebein und Fingern, formt sich ein Riese. Er richtet sich auf, hoch wie ein Turm und schwingt eine Sense, die über Flüsse reichen würde. Jetzt muss es schnell gehen: Ich pfeife, unter mir materialisiert sich sofort Torrent, mein treues, an ein Yak erinnerndes Streitross. Ich zücke mein Schwert, weiche aus und suche eine Taktik.

In dieser Szene, als ich voller Adrenalin aus der Reichweite des Riesen galoppiere und dabei versuche, mir seine Angriffsmuster einzuprägen, hallt eine Erinnerung nach, fünfzehn Jahre alt, aber immer noch voller Kraft…


Shadow of the Colossus lässt grüßen


…ich sitze auf einem schwarzen Rappen namens Agro. Wir weichen im vollen Galopp einem Koloss aus, uralt und mächtig. Auch damals entwickelte sich zwischen dem Helden und der Kreatur ein ähnlicher Tanz. Damals überkam mich auf PlayStation 2 zum ersten Mal dieses besondere, unheimlich intensive Gefühl aus Ehrfurcht und Gänsehaut.


Auch wenn die beschriebene Szene nicht diese Wirkung erreicht, zumal man nicht auf den Steinriesen springen kann und nach Shadow of the Colossus einige andere Abenteuer ähnliche Momente hervorriefen, ist sie dennoch stark. Sie wirkt wie eine Hommage von Hidetaka Miyazaki an Fumito Ueda - diesen genialen Schöpfer digitaler Kunst und Wesen.


Netzwerk-Test mit viel Abenteuer


Warum erzähle ich das? Weil schon in diesem Netzwerk-Test, der eigentlich dazu dient, die Abläufe unter Last zu prüfen sowie Fehler und Probleme im Multiplayer zu finden, der epische Charakter dieses Abenteuers und die künstlerische Vision von From Software sichtbar werden.



Die Anziehungskraft entsteht aufgrund der sofort erkennbaren Ähnlichkeit zu Dark Souls & Co nicht unmittelbar. Es gab noch einige technische Defizite, dazu Abstürze und manches wirkte grob geschnitzt. Aber ich wurde im ersten Gebiet namens Limgrave sehr gut unterhalten - und was noch wichtiger ist: immer wieder neugierig auf mehr gemacht.

From Software inszeniert zwar keine üppige Fantasy-Welt im Stile eines Skyrim oder The Witcher, an der an jeder Ecke etwas passieren kann oder in der es große Siedlungen mit Quests gibt. Aber die Japaner sind sehr geschickt darin, einen über Orte oder Situationen anzulocken und grübeln zu lassen. Dazu vier weitere Beispiele - keine Bange, ich verrate die Auflösung nicht und stelle bewusst die Fragen, die mir durch den Kopf schwirrten (auch wenn ich sie beantworten könnte).


Szene 2: Die Insel


Als ich den Strand unterhalb der Festung erkunde, erkenne ich eine Insel - nicht weit weg. Laut Karte wird sie aber von tiefem Wasser umgeben. Und wie die Blutflecken zeigen, sind schon mehrere Abenteurer ertrunken. Könnte man mit Torrent galoppieren und hinüber springen? Zumal er einen Doppelsprung hat? Müsste man etwa die Nacht abwarten, weil es Gezeiten gibt? Das wär cool, denn Elden Ring bietet drei Tageszeiten, die man am Lager einstellen kann. Oder existiert etwa ein unterirdischer Weg hinüber?


Szene 3: Der Unsichtbare


Das nächste Beispiel: Ich fliehe im Galopp vor einem Verfolger und plötzlich spricht mich jemand in der Nähe eines Wäldchens an. Als ich Ruhe habe, kehre ich zurück und schon wieder ertönt die Stimme, aber ich kann niemanden sehen. Immer wieder spricht mich jemand an. Ist es der Wolf, der da scheinbar verwundet liegt? Versteckt er sich jemand oben in den Bäumen? Ist es ein Wicht, ganz winzig im Gebüsch versteckt? Als ich es herausfinde, war es natürlich klar - und die Freude ob der daraus resultierenden Ereignisse groß.


Szene 4: Spuren im Sand


Das letzte Beispiel ist ein Rätsel, das einfach so in der Landschaft auf einen wartet: Irgendwann entdeckt man leuchtende Fußspuren, die sich recht schnell im Kreis bewegen - als würde jemand unsichtbar davon reiten. Soll man sich in die Spur bewegen und sie verfolgen, da eine Musik dann scheinbar mitschwingt? Soll man jemanden im richtigen Moment angreifen? Oder geht es um etwas ganz anderes?


Ich könnte noch weitere Situationen beschreiben, aber das soll für diesen ersten Teil der Vorschau genügen. Ich war nicht sicher, inwiefern From Software neben dem Kampf auch das Rätselhafte und Mysteriöse inszenieren wird. Noch muss man abwarten, in welcher Dichte und Qualität diese Erlebnisse auftauchen. Aber die bisherigen Erfahrungen stimmen mich optimistisch, dass die Japaner diesen überaus wichtigen Teil nicht vernachlässigen.


(Diesen Text gibt es auch als Podcast über Steady)