Breitseite #1: Sechs Spiele, sechs Kurzkritiken


Vorsicht, ihr steht kurz davor von einer Breitseite getroffen zu werden! Was ist das? Ein neues Format, mit dem ich all das anvisieren möchte, das es nicht in eine Rezension schafft. Das liegt nicht immer an der Qualität, sondern meist an der Zeit.


Mary Rose, englisches Kriegsschiff, Anthony Roll, ca. 1546 (gemeinfrei)

Es ist eine Sechserfolge an Kurzkritiken zu Spielen, die ich mindestens eine Stunde gezockt habe. Das heißt, dass sie schon irgendwie in mein Beuteschema gepasst haben - ich werde also nichts einordnen, das schon im Vorfeld kein Interesse wecken konnte.

Ob ich mit diesen oberflächlichen Einschätzungen den Kern treffe, ist natürlich nicht sicher. Aber wer weiß, vielleicht ist ja für euch etwas dabei. Ich versuche übrigens auch ältere Titel und mindestens einen Geheimtipp einzubinden.

Falls ich die Breitseite als Format etablieren kann, gibt es vielleicht noch zwei Varianten: eine für Spiele innerhalb eines Subgenres wie etwa Stealth-Action oder Soulslikes und eine für kommende bzw. Early-Access-Titel.

Um die Spannung ein wenig zu erhöhen und zumindest eine Gewichtung anzubieten, werde ich mich jeweils vom schwächsten bis zum stärksten Eindruck hochschießen. Okay, denn man tau und Feuer frei - hier kommt die erste Breitseite zum Hören und Lesen:



Kamiwaza: Way of the Thief...

...ist für PC, PS4 und SW erschienen; es kostet knapp 40 Euro. Warum ich das spielen musste? Weil es Stealth-Action im alten Japan der Edo-Zeit inszeniert. Und weil es von Acquire kommt, die bekanntlich Tenchu, Shinobido und The Way of the Samurai gemacht haben. Allerdings ist Kamiwaza kein neues Spiel, sondern das Remaster eines PS2-Spiels, das 2006 erschien - hätte ich das gekannt, hätte ich vielleicht früher einen Bogen um dieses Spiel gemacht. Die grobe 3D-Kulisse ist hier gar nicht das größte Problem. Aber nahezu alles an diesem Abenteuer ist spröde, plump oder unfreiwillig komisch.

Das Spieldesign geht in eine bizarre Arcade-Stealth-Richtung, die mich als Genrefan komplett kalt lässt: Man schleppt als Dieb einen Sack voll Beute rum, der auch noch wie ein Kirby anschwillt. Und den kann man dann wie einen XXL-Ballon tatsächlich Feinden ins Gesicht schießen. Außerdem schlägt und tritt man auf Schätze ein, bis deren Lebensbalken aufgebraucht ist, um sie einsacken zu können. Zwar kann man auch rudimentär schleichen und kriechen, aber dann muss man vor schrecklich robotischen KI-Wachen und aller Augen mehrfache Timing-Kombos hinlegen, indem man im richtigen Moment vor ihnen ausweicht. Wer das alles erträgt und sich im wahrsten Sinne des Wortes durchschlägt, trifft irgendwann auf etwas Rollenspielflair in einer Geschichte, die sich verändert, je nachdem ob man sich zwischen Ehre und Familie oder Gier und Macht entscheidet. Plötzlich bekommt das arcadig Groteske auch noch einen seltsamen Ernst. Nein danke, das ist absolut nicht mein Fall und hinterließ nach einer Stunde nur Ernüchterung.

Dolmen...

...ist für PC, PlayStation und Xbox erschienen; es kostet knapp 40 Euro. Da es sich um ein Soulslike in außerirdischer Welt handelt, musste ich mal reinzocken. Und ja, einiges macht zum Start neugierig, manches an Dolmen ist solide. Aber ich habe noch nie so schnell die Lust auf einen weiteren Abklatsch der From-Soft-Formel verloren, denn so vieles fühlt sich generisch und unausgereift an. Es gibt in diesem Science-Fiction-Szenario keine kreativen Ideen und das, was man von Dark Souls & Co kopiert, wurde auf dem PC auch noch recht verbuggt inszeniert, so dass weder Kämpfe noch Erkundung wirklich Laune machen.

Man verspricht leider auch noch kosmischen Horror, so dass auch Lovecraft-Freunde vor der Regie die Flucht ergreifen wollen. Kürzlich hatte ich ja Steelrising sowie Thymesia als mittelmäßige Soulslikes kritisiert. Ersteres schätze ich eine, Letzteres zwei Stufen besser ein als das in jeder Hinsicht ernüchternde Dolmen. Da spiel ich lieber das Demake von Bloodborne in PlayStation-Grafik. Falls es unbedingt Shooterflair und Soulslike in einem sein soll: Zockt lieber das viel bessere Remnant from the Ashes, da kracht es auch kooperativ!

Soulstice...

...ist für PC, PlayStation und Xbox erschienen; es kostet knapp 40 Euro. Dieses Spiel hatte ich nicht auf der Uhr, weil es wie Dark Souls klingt, sondern weil die Fantasywelt in ihrem Animestil recht interessant aussieht. Es ist auch kein Soulslike, sondern ein schnelles Action-Rollenspiel, das sich mit seinen Kombos und Ratings wie ein Devil May Cry oder Bayonetta anfühlt. Allerdings kommt Soulstice als Hack'n Slay nicht an deren Qualitäten heran.

Interessant ist, dass man quasi einen Zwillingscharakter spielt, der aus zwei miteinander verbundenen Schwestern besteht, wobei eine ein riesiges Schwert schwingt und die andere wie ein Geist auf ihrer Schulter sitzt. Diese Charaktere sowie die Story machen durchaus neugierig, außerdem hat mir der Anspruch im Bosskampf gefallen. Aber schon recht früh zeigen sich auch so einige Wiederholungen, die Level laden nicht gerade zum Erkunden ein und die Kamera ist mit ihren wechselnden Perspektiven so gewöhnungsbedürftig, dass es ein wenig braucht, bis Spielfluss entsteht. Mein bisheriger Eindruck war solide, aber ich hatte nicht viel Lust, es weiterzuspielen.

Moonscars...

...ist für PC, PlayStation, Xbox und Switch erschienen; es kostet knapp 20 Euro. Auf diesen Kampf-Plattformer hatte ich mich gefreut, denn ich mochte das düstere Artdesign auf Anhieb. Außerdem erinnert Moonscars als 2D-Soulslike umgehend an Salt and Sanctuary oder Blasphemous. Und wer Spiele dieser Art mag, wird in den düsteren Labyrinthen auf seine martialischen Kosten kommen. Als Irma die Graue schlägt und schlitzt man sich durch eine Kulisse, die wie eine mittelalterliche Hölle anmutet. Es gibt einige akrobatische Plattformpassagen sowie wegbrechende Böden, so dass Absprungtiming notwendig ist. In den grauschwarzen Fluren verbergen sich einige Geheimnisse, aber es geht vor allem um den Kampf samt Konter, den man unbedingt verinnerlichen muss - das klappt auch gut auf Distanz, aber sobald mehrere Feinde da sind, ist er zu träge und es kann zu frustrierenden Toden kommen. Hack'n Slay-Fans, die einen flotten Spielfluss à la Dead Cells mögen, werden hier also eher ausgebremst.

Moonscars spielt sich langsamer, aber es kann durchaus ein Flow entstehen, wenn Spezialattacken mit dem Speer für Schaden aus der Distanz sorgen und schwere Hiebe gleich mehrere Feinde in die Dornen gespickten Wände treiben. Die Animationen sind ansehnlich, man setzt wuchtige Hiebe an, so dass Schädel rollen und reichlich Blut spritzt. Man sammelt Seelen und investiert sie in einen üppigen Talentbaum, um Gifte, Waffen und Fähigkeiten freizuschalten. Das Spiel ist fordernd und man verliert seine Beute recht schnell; ärgerlich ist, dass der tote Schatten dann manchmal so platziert wird, dass man bei der Rückholung nur sterben kann. Ohne Geduld und Wiederholungen geht hier also gar nichts, zumal man nur so seine Schlagkraft verbessert, um die mittleren sowie großen Bosse überhaupt besiegen zu können. Die Story ist rätselhaft, aber vielleicht etwas zu verkopft. So gut unterhalten wie damals in Salt and Sanctuary wurde ich nicht; außerdem schätze ich das vergleichbare Blasphemous etwas besser ein. Moonscars hinterließ in den ersten zwei Stunden einen soliden Eindruck.

Kaiju Wars...

...ist für PC, PlayStation, Xbox und Switch erschienen; es kostet knapp 20 Euro. Alles, was auch nur entfernt an das geniale Into the Breach erinnert, muss ich natürlich zocken. Und Kaiju Wars knüpft als Rundentaktik an einige Elemente an, die ich sehr gemocht habe: Also geschicktes Bewegen von Einheiten in engen Arealen. Und weil der Name Kaiju im Japanischen Bestie bedeutet, kämpft man nicht gegen konventionelle Armeen, sondern sofort gegen Godzilla und seine monströsen Verwandten.

Die sind cool designt und sorgen für fürchterlichen Schaden in den kleinen Stadtarealen, so dass man seine Panzer, Flugzeuge etc. samt Schussfolge und Nachschub sehr clever managen muss - das gefällt mir richtig gut. Aber das Spiel wird von einer derart abgedrehten Präsentation im Neon-Atompilz-Stil umrahmt, dass sich die anfängliche Coolness angesichts der Retro-Kulisse irgendwann in Kopfschmerzen verwandeln kann. Manchmal zündet die Over-the-top-Inszenierung, manchmal wirkte es mir zu überdreht. Also: Es gibt lustige Momente, das Artdesign ist unheimlich markant und es entwickelt früh angenehm taktisches Potenzial. Vor allem, wenn man schräge B-Movies und Riesenmonster mag, könnte man hier solide bis gut unterhalten werden.

Strange Horticulture...

...ist für PC und Switch erschienen; es kostet knapp 15 Euro. Bisher hatte diese Breitseite vor allem Action und Kampf im Visier, aber es gibt auch ruhigere Ziele. Dazu gehört Strange Horticulture: Das ist ein kleines Adventure, in dem man eigentlich nur fiktive Pflanzen sammelt, identifiziert und verkauft. Es entwickelte mit der Switch auf der Couch allerdings eine mysteriöse Anziehungskraft. Das lag nicht an der schnurrenden Katze im Bild, sondern an der stimmungsvollen Präsentation, die ein wenig viktorianisch anmutet und für gemütliches Fantasy-Krimiflair sorgt.


Auf einem ganz einfachen, aber angenehmen Niveau. Man erledigt Aufträge für Kunden, die ein Mittelchen gegen eine Krankheit oder gar ein Gift suchen. Nur hat man entweder eine Beschreibung der Wirkung oder lediglich des Aussehens der Pflanze - falls sie überhaupt im Archiv vorhanden ist. Manchmal gibt es bloß eine Notiz zu ihrem möglichen Aufenthaltsort, wie etwa "westlich des Waldes von XYZ". So entsteht eine Art Spielgefühl von Prof. Layton light plus Harry Potter. Man muss Indizien sammeln und logisch kombinieren.


Und spätestens als ich die vergilbte Karte mit ihren Koordinaten öffnete, die ein wichtiger Teil dieser Rätsel ist, war ich angefixt. Also hab ich pausiert und mir vor Freude über diese kleine Entdeckung direkt eine Kanne Tee aufgesetzt. Während der dampfte, gab es die ersten unsympathischen Besucher im Blumenladen, sogar seltsame Morde und schließlich baten Hexen um Hilfe. Strange Horticulture hat überraschend Spaß gemacht und bekommt von mir eine gute Einschätzung. Vor allem wenn es draußen schüttet, blitzt und donnert, ist das ein ideales Spiel zum Schmökern und Knobeln. Ich weiß nicht, wie es sich nach drei, vier Stunden entwickelt. Aber falls ich die Zeit finde, wäre das ein Kandidat für einen Nachtest am Ende des Jahres.

Das war die erste Breitseite, in der ich sechs Spiele vorgestellt habe. Ich hoffe, ihr wurdet gewarnt oder habt etwas Interessantes gefunden!


(Bilder: Offizielle Screenshots von Steam sowie den Spiel-Webseiten)