Buchtipp: Butcher's Crossing

Dass ich Butcher's Crossing hier vorstelle, hat tatsächlich etwas mit Videospielen zu tun. Sehr lange Zeit habe ich mich nicht für den Wilden Westen interessiert - er schien mir komplett langweilig. Mein Bild wurde geprägt von Karl Mays Fiktion und Hollywoods Klischees. Eine gewisse Abneigung rührte auch daher, dass die alten Männer in den 80ern Bonanza oder Rauchende Colts guckten, während ich Captain Future sehen und Amiga zocken wollte. Cowboys? Comanchen? Was ich im Kindesalter nachgespielt hatte, war für mich als Teenager maximal uncool...


Erst viele Jahre später, als ich mich im Rahmen von Red Dead Redemption 2 mit dem amerikanischen Bürgerkrieg (1861-1865) befasst habe, wurde mein Interesse an der Geschichte dieses Landes geweckt. So konnte ich unter meiner oberflächlichen Sicht und eurozentrischen Fremdeinschätzung ein wenig von der zerrissenen Selbstwahrnehmung erkennen, von den bis heute spürbaren gesellschaftlichen Extremen, die auch mit dem Mythos vom Westen verwoben sind.


Noch bevor es die Vereinigten Staaten oder gar eine "amerikanischen Nation" gab, sorgte er für eine Anziehungskraft, die vor allem Menschen aus Europa aus unterschiedlichen Gründen anlockte. Aber während die politischen und wirtschaftlichen Interessen meist offensichtlich sind, bleiben Abenteuerlust, Eskapismus, Selbstüberschätzung, Abstürze, Gewaltexzesse, Fanatismus oder andere psychologische Antriebe oft ein Rätsel. Richtig gute Literatur kann einen manchmal dorthin führen.


In Butcher's Crossing gelingt es John Williams jedenfalls auf meisterhafte Art, den Leser auf eine Heldenreise der eindrucksvollen Art zu schicken. Aus der Perspektive eines jungen Mannes, der sein Studium in Boston abbricht und etwas Geld hat, erlebt man seinen Weg in den Westen. Dieser Will Andrews wirkt mit Anfang 20 naiv und wird ein paar Jahre nach dem Bürgerkrieg im kleinen Kaff Butcher's Crossing wie ein typisches Greenhorn behandelt, das absolut keine Ahnung vom Leben an der Grenze hat, wo so viele desillusioniert ihrem Tagwerk nachgehen.


Ein Bekannter seines Vaters nimmt ihn nicht ernst, bietet ihm einen Bürojob an. Er soll an seine Zukunft denken, sich auf Business durch die Eisenbahn vorbereiten und will ja wohl nicht wie ein idiotischer Jäger enden. Eine weise Prostituierte warnt ihn sogar vor der anstehenden Verwandlung in der Wildnis: Nicht nur sein Körper, auch seine Seele würde abstumpfen - er würde letztlich wie alle Männer sein. Aber Will wird von etwas angetrieben, das stärker ist als die Aussicht auf Profit oder Spaß. Unter seiner Naivität verbirgt sich eine tiefe Sehnsucht: Er kann sie nicht erklären, er wird seit seiner Kindheit magisch von der Wildnis angezogen, er muss dieses Land kennenlernen - deshalb sucht er Führung.


Also finanziert er mit seinem Geld eine Expedition. Unter der Leitung des erfahrenen, aber glücklosen Jägers Miller, seines saufenden und gottesfürchtigen Kumpels Charley sowie des angeheuerten und eher stumpfen Häuters Schneider zieht der vierköpfige Trek samt Wagen und Ochsen im Jahr 1870 los. Aus der sengenden Prärie von Kansas geht es in die kalten Berge Colorados. Dort soll sich laut Miller in einem versteckten Tal eine letzte große Herde von tausenden Büffeln aufhalten. Seit Jahren sucht er fast manisch nach ihr, während er immer dämonischere Züge annimmt. So einiges an ihm erinnert an Captain Ahab aus Moby Dick von Herman Melville.


John Williams schrieb 1960 zwar präziser, aber mit ähnlicher poetischer Tiefe: Seine Beschreibungen sind beeindruckend, weil sie Landschaften unheimlich klar vor Augen entstehen lassen, und gleichzeitig damit verbundene Gedanken sowie Mühsal abbilden. Man fühlt sich fast vor Ort, schwitzend oder frierend, reitend oder durchs Gras kriechend. Dabei verwendet Williams sehr geschickt Licht und Dunkel als Metaphern. Und beiden nähert sich der Protagonist auf seiner Reise, manchmal zwischen Paradies und Hölle wandelnd. Ohne kitschige Überhöhung kann man sowohl sein Entsetzen über die Brutalität als auch das Gefühl der Erhabenheit im Angesicht der zauberhaften Natur nachvollziehen.


Dabei wird nicht romantisiert, sondern knallhart und realistisch dargestellt: Manche Passagen sind so detailliert mit Handgriffen, Warnungen und Tipps versehen, dass man aus ihnen einen Überlebensführer machen könnte - John Williams schreibt so, als wäre er aktiv dabei gewesen. Will kann als ehemaliger Harvard-Student zwar gut reden, aber praktisch nichts und lernt jeden Tag dazu. Man erlebt den Alltag der Jäger und ihre Charaktere quasi aus der Perspektive eines wissbegierigen Auszubildenden. Gerade weil Will sich in der Hierarchie einordnet, ohne einzugreifen oder sich als Besserwisser aufzuspielen, ist er ein idealer Beobachter.


Als Junge aus der Stadt wird er von der Landschaft überwältigt, bemerkt den Schweiß der Anstrengung, bald die Schwielen und schaut irgendwann in menschliche Abgründe. Aus einem souveränen Vorbild wie Miller wird mit einem Satz ein plumper Killer, der Flussindianer nur deshalb nicht abknallt, weil sie 1870 keine Bedrohung mehr darstellen. Für den Deutschen Schneider geht es um Geld, Fressen und Ficken, während Charley zwischen Whiskey und Bibelzitaten wie ein willenloser Zombie die Ochsen antreibt. In Wills Gedanken treffen sich Respekt und Abscheu, Staunen und Ekel vor der eigenen Spezies - manchmal knistert es derart am Lagerfeuer, dass eine Eskalation zwischen den Männern, vor allem zwischen Miller sowie Will und Schneider, unvermeidlich scheint. Das hat mich stellenweise an Szenen aus dem Film "Der Leuchtturm" von Robert Eggers erinnert.


Bison-Schädelberg in Detroit, Fotografie, 1892, gemeinfrei.

Will hat als Charakter einen moralischen Kompass, aber auf der Handlungs- und Dialogebene wird nicht moralisiert oder lange über Gut und Böse reflektiert, sondern eher dokumentiert. Als Will das unfassbare Abschlachten der majestätischen Büffel miterlebt, als er davor innerlich erschaudert, macht er als Gehilfe dennoch weiter - bis sich die Gewehrläufe vor Hitze biegen, bis zum Erbrechen vor den ausgeweideten Organen. Wird er ähnlich verwildern wie die Männer um ihn herum? Er wird Zeuge von Macht und Ohmnacht, Gier und Wahnsinn, sieht mit an, wie robotisch der Mensch das Leben um ihn herum vernichtet und wie schnell jeder mit all seinen großen Plänen mitten in der Schönheit verenden kann. Obwohl die vier Jäger auf engstem Raum zusammen einen Winter überleben müssen, wird die emotionale Distanz zwischen ihnen immer größer. Und Will verändert sich.


In diesem Wilden Westen geht es also nicht um Schießereien, Revolver und Sheriffs, um Männerfreundschaften, böse Viehbarone oder Rache, sondern um existenziellere innere Fragen und Konflikte, die einen jungen Mann so umtreiben, dass er scheinbar irrational von der Ostküste in den Westen zieht. Nicht ohne Grund macht sich Miller darüber lustig, als Will sagt, dass er schon mal eine Pistole abgefeuert hat. John Williams bedient die heroischen Cowboy-Muster nicht, baut aber sehr geschickt die wesentlichen historischen Merkmale einer Zeit ein, in der auch der Fortschritt dazu beitrug, den Mythos vom Wilden Westen mit jedem Meter der so genannten Zivilisation zu zerstören - als 1869 die pazifische Eisenbahn vollendet wurde, jubelten die Zeitungen. Als Miller die Schienen mitten in der Wildnis entdeckt, sieht er quasi sein Ende.


Aus heutiger Perspektive sind Stereotype zu erkennen - vor allem, was die Rolle der Frau betrifft; sprich: den so genannten Bechdel-Test würde Butcher's Crossing nicht bestehen. Aber der sagt auch nichts über gute Literatur aus. Ich habe die Sprache und Geschichte auf den 365 Seiten einfach nur genossen, hätte mir an einer Stelle vielleicht noch ausführlichere Beschreibungen des harten Winters à la Jack London gewünscht, aber habe weder an der Struktur noch dem Ende etwas auszusetzen.


Was treibt einen Menschen an? Hat man überhaupt die Freiheit, diesem Antrieb zu folgen? Was für ein Charakter wird man im Laufe der Zeit? Will sucht nach sich selbst und muss sich schließlich auf einer Kreuzung entscheiden. Ich zähle Butcher's Crossing zu den besten Romanen, die ich bisher gelesen habe. Wer "Die Abendröte im Westen" von Cormac McCarthy oder Hemingways Stil mag, dürfte sich stilistisch Zuhause fühlen.


PS:


Butcher's Crossing erschien 1960 in den USA und wurde erstmals 2015 ins Deutsche übersetzt, als John Williams zwei Jahre zuvor mit einem anderen Roman, Stoner, hierzulande bekannt wurde. Die zweite Auflage ist als Taschenbuch oder eBook bei dtv erhältlich.


Butcher's Crossing wurde von Gabe Polsky verfilmt, mit Nicolas Cage in der Rolle von Miller. 2021 begannen die Dreharbeiten, der Film soll irgendwann 2022 starten.



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