Pulp, Helden, Brubaker

Der Begriff "Pulp" ist mir in den letzten Wochen öfter begegnet. Vielleicht erinnert sich jemand an "Auf einen Whisky" mit Daniel Appel, der "Die Blutkathedrale" herausbringt - ein Horror-Pulp-Magazin. Außerdem habe ich für die Vertiefung zu Jules Verne zu früher Science-Fiction recherchiert und bin auf all die Autoren gestoßen, die in diesen Magazinen ihre ersten Geschichten veröffentlicht haben - darunter H.P. Lovecraft, Robert E. Howard, Ed Hamilton, Isaac Asimov, Phillip K. Dick, Ray Bradbury oder George R.R. Martin.


Heute sind das berühmte Schriftsteller, aber ihre ersten Storys erschienen in diesen "Billig-Magazinen" wie Weird Tales, Amazing Stories oder Argosy, benannt nach dem holzhaltigen Papier ("wood pulp"), die man seit den 30er Jahren in Amerika am Kiosk kaufen konnte.


Sie wurden bis weit in die Nachkriegszeit als Trivial- und Schundliteratur abgestempelt. Und in der Schule natürlich nie thematisiert. Aber ihnen verdanken wir einige bis heute sehr bekannte Figuren von Captain Future bis Conan, von Perry Rhodan bis Zorro, dazu erste Detektive, Super- und auch Anti-Helden.



Sie haben - so unterschiedlich sie waren - das Bild des Helden geprägt. Nicht nur für die älteren Generationen, sondern durch Verfilmungen, Zeichentrick und Comics bis in die 70er- und 80er-Jahrgänge. So wurden seit Jahrhunderten durch Mythen bestehende Archetypen verfestigt und neue Vorbilder geschaffen, an denen sich einige, meist unbewusst, orientiert haben. Natürlich befindet sich das männliche Selbstverständnis schon länger im Wandel, außerdem wirken auf die 90er und 2000er ganz andere medienkulturelle Einflüsse, so dass differenziertere Heldentypen entstehen.


Aber wie fühlt sich das an, wenn man als älterer Mann zurückblickt? Wenn man das Gefühl hat, aus einer anderen Zeit zu kommen, in der andere Helden gefragt waren?


Das beantwortet Ed Brubaker (u.a. Criminal, Fatale) in einem wunderbaren Comic namens "PULP". Es handelt sich um eine abgeschlossene Story, die im New York der 30er Jahre spielt. Da versucht Max Winters, der den Wilden Westen noch erlebt hat, verzweifelt von seinen Geschichten aus dieser Zeit zu überleben - doch der Verleger setzt ihn unter Druck, will den billigen Shootout für die Zielgruppe.


Von Sean Phillips illustriert, entsteht hier ein Abenteuer auf zwei Ebenen. Ein wehmütiger Rückblick mit philosophischen Gedanken trifft auf die knallharte Realität der Gegenwart, in der an der Oberfläche andere Werte und Charaktere gefragt sind - man wird in einer rücksichtslosen Masse brutal ausgebeutet. Oder doch nicht? Wiederholen sich bestimmte Konflikte, Vorstellungen von Gut und Böse seit Ewigkeiten? Kehren wir trotz Bildung, Kultur und Fortschritt wie in einer Spirale immer wieder an dieselben Punkte zurück?


Abgesehen davon, dass dieser Comic nebenbei darüber aufklärt, dass es auch in Amerika noch kurz vor Ausbruch des Krieges pompöse Nazi-Aufmärsche mitten in New York gab, demonstriert er auf erzählerischer und zeichnerischer Ebene (mal wieder!) die große Kunst von Brubaker und Phillips. Ich habe diese Geschichte sehr genossen und gratuliere, dass sie in diesem Jahr den Eisner Award als "Best Graphic Album: New" gewonnen hat. Und es ist natürlich auch schön, dass sie mit diesem Titel den Begriff "Pulp" aufwertet und zur Diskussion über diese Literaturgattung anregt.

(Bild oben: Cover for Amazing Stories magazine, August 1930, gemeinfrei; Bild unten: Cover von "PULP"; ist für knapp 13 Euro auf Englisch bei Image erschienen; als Taschenbuch oder gebunden)