C64, Amiga & Cracker

Ein kleiner Nachtrag zum Podcast "Auf einen Whisky" mit Fabu: An einer Stelle des Gesprächs geht es um unsere C64- und Amiga-Zeit, auch um Cracker-Gruppen, auf die wir dann nicht ausführlicher eingehen. Ich hab nochmal etwas recherchiert und als die ersten Intros von Genesis, Dynamic Duo, Skidrow, Crystal, Paradox & Co auf YouTube liefen, wurde ich sofort zurückgebeamt ins Kinderzimmer.


Zwar fing alles in den USA Anfang der 80er mit dem früher veröffentlichen C64 an, aber in Deutschland gab es schon ab 1983 eine lebendige Szene - auch im Ruhrgebiet, wo ich aufgewachsen bin. Es wird immer noch gestritten, wer das erste Crack-Intro produzierte. Aber GCS (The German Cracking Service) aus Dortmund waren sehr früh dabei. Auch das Dynamic Duo kam aus der Gegend.


List, Load & Run


Peinlich, aber hilft ja nix: Damals am C64 dachte ich zuerst noch, die coolen Einleitungen stammen von den Entwicklern. Okay, ich war grade mal elf, zwöf Jahre alt, es gab kein Internet und ich hatte keine Ahnung von Raubkopien. Ich war nur stolz wie Oskar, dass ich etwas Basic konnte, um diese Spiele endlich aus der Datasette bzw. Diskette zu befreien. Und wie oft etwas nicht klappte! Da war man aufgeschmissen, wenn man nicht einen zockenden Kumpel hatte.


Meine Eltern staunten natürlich, wenn ich irgendwas mit "List", "Load" oder "8,1" tippte - und sich dann tatsächlich was auf dem blauen Bildschirm bewegte: Ah, der wird mal Informatiker! Oder Astronaut! Aber ich wusste zwei Dinge. Erstens: Ich konnte nix. Zweitens: Ich wollte nur schnell zocken, anstatt Hausaufgaben zu machen. Also war "Run" mein Lieblingsbefehl. Trotzdem kokettierte man unter Kumpels natürlich gerne mit dem Coden, trotzdem waren diese Cracker unsere Helden. Ich weiß nicht, wie viel Schulschreibtische ich mit ihren Namen und Logos voll gekritzelt habe!


Anonyme Helden


Vor allem das Dynamic Duo sorgte ja in den 80ern für eine Fülle an Spielen, darunter Alley Cat, Ghosts 'n Goblins, Green Beret, Yie Ar Kung-Fu. Und jedesmal, wenn man mit seinen Kumpels vor der Kiste saß, brannte sich das Intro aufgrund der coolen Musik ein. Das waren anonyme Helden für uns, so etwas wie die ersten digitalen Graffiti- und Beat-Künstler. Wenn jemand einen von ihnen kannte? Wenn er eine direkte Quelle hatte? Dann war er Gott. Er hatte Zugang zum digitalen Segen, manchmal sogar mit der ausgedruckten Kopie der Anleitung. Wenn man dann mit dem Fahrrad nach Hause jagte, konnte man gar nicht mehr aufhören zu grinsen. Die nächsten Tage hieß es einfach nur Schule und Stress vergessen, ab an den Schreibtisch, Amiga an und Vorhang auf für die große Pixelshow!


Natürlich war das alles illegal - und kein Kavaliersdelikt. Gerade die späteren Amiga-Spiele wie Ambermoon & Co litten schwer unter den Raubkopien. Es gab nicht nur in den USA zahlreiche FBI-Fahndungen, auch hierzulande stand bei einigen irgendwann das BKA vor der Tür. Zwar gab es Gruppen, in denen es Rollen wie Cracker, Coder, Fixer, Swapper bis zum Trader gab - also aus der Sicht der Behörden letztlich organisierte Kriminalität. Trotzdem waren das keine mafiösen Strukturen mit dem Ziel der finanziellen Bereicherung. Eine Untersuchung aus den USA kam (zumindest 1984) zu dem Ergebnis: "The primary motivation of warez groups is not monetary gain, but the excitement of breaking rules and beating competitors." Spiele wurden ja nicht nur gehackt und mit einem Intro versehen, sondern auch inhaltlich erweitert - sei es um "Trainer", mit denen man unendlich Leben etc. hatte, oder sogar um Bugfixes. Daher ist es kein Wunder, dass manche Cracker selbst in der Spiele-Entwicklung landeten oder dass der Weg hin zur Modding-Szene nicht weit war.



Die Geburt der Demoszene


Es entstanden mit den Jahren einige Abweichungen und Sonderwege, es gab auch einige Konflikte innerhalb dieser immer bunteren Szene. Schließlich ist aus der eher anarchistisch, aber von Spielen faszinierten Subkultur, die einen starken Fokus auf Raubkopien hatte, irgendwann Mitte bis Ende der 80er die komplett grafisch und musikalisch interessierte Demoszene entstanden - die bis heute wunderbare digitale Kunst erschafft. Falls Bobic hier mitliest, der 4Sceners betreut: herzlichen Gruß! Du hast da in all den Jahren viele schöne Reportagen von den Festivals mitgebracht.


Aber genug zu C64, Amiga und Crackern an dieser Stelle. Vielleicht wäre das ja ein interessantes Thema, wenn Fabu nochmal zu Gast ist. Oder Bobic. Denn unsere Generation (also in den 70ern geboren, schwer Ü40) hat diese Pionierzeit in der 80ern und 90ern vermutlich besonders intensiv miterlebt. Das könnte man mal vertiefen.


Wer jetzt schon neugierig geworden ist: Es gibt mittlerweile viel Literatur, darunter "Nerd Attack" von Christian Stöcker oder "NO COPY - Die Welt der digitalen Raubkopie"von Jan Krömer und William Sen; es gibt auf YouTube ein Video dazu.

(Bild oben: C64, Startbildschirm, gemeinfrei; Bild unten: Präsentation einer Demo auf der Breakpoint 2005, einem jährlichen Treffen der Demoszene, gemeinfrei)