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H.G. Wells und die Lust am Kriegsspiel

Ich recherchiere gerade für einige große Themen, die ich gerne in einer fortlaufenden Reihe auf Spielvertiefung anbieten würde - falls ich dieses Magazin etablieren kann. Zwar sieht es dank der Unterstützer auf Steady ganz gut aus, aber nach knapp zwei Monaten der Selbständigkeit bereiten mir einige finanzielle und private Umstände noch Sorgen. Dazu werde ich Anfang Februar einen Podcast aufnehmen und in einer Art "Logbuch" alles erläutern.


H.G. Wells, Foto von G.C. Beresford, 1920, gemeinfrei.

Was mir hingegen einfach nur Spaß macht, ist die komplett freie Beschäftigung mit dem Spiel, in die auch kulturgeschichtliche Perspektiven einfließen können. Eines dieser "großen" Themen ist das Kriegsspiel.


Zum einen die Frage, warum ich als Kind so fasziniert war von Cowboys, Indianern, Rittern, Soldaten, Panzern, Gefechten und Schlachten. Bevor mich C64 und Amiga digital rockten, war ich im Playmobil-Fort oder Castle Grayskull unterwegs, hab mit Truppen von Revell den Zweiten Weltkrieg nachgespielt - meist auf dem Teppich liegend oder im Sandkasten.

Tja, als man in den frühen 80ern im Zuge der Friedensbewegung alles Militärische einsammeln und entsorgen wollte, weil es nicht gut für Jungs ist, bekam ich einen Schreianfall. Auch in der Schule waren Plastiksoldaten nicht gerne gesehen.


Als Erwachsener, der um den Schrecken realer Kriege weiß, blicke ich manchmal grübelnd zurück. Auch heute spiele ich gerne Krieg, egal ob auf dem Tisch oder dem Bildschirm. Ist das ein persönlicher Tick? Oder eine (zumindest mehrheitlich) männliche Obsession? Können wir nicht anders? Und wenn ja, warum und seit wann?


Little Wars, Originalausgabe, 1913, gemeinfrei.

Was mich einigermaßen beruhigt hat, war die Erkenntnis, dass selbst ein bekennender Pazifist wie H.G. Wells (1866 -1946), der große britische Autor der Science-Fiction (u.a. die Zeitmaschine), gerne Krieg gespielt hat.


Noch als junger Mann lag er auf dem Boden und hat Soldaten quasi im simulierten Gelände aufgebaut. Und um das Ganze interessanter zu gestalten, hat er 1913 ein Buch namens "Little Wars" geschrieben. Dort erläutert er Regeln, wie man seine Infanterie, Kavallerie und Artillerie wann bewegen bzw. angreifen lassen darf. Damals hat man aus Blei gegossene Miniaturen von W. Britain eingesetzt (die Firma gibt es immer noch) und eine Spielzeugkanone feuerte darauf.


Zum Schmunzeln regt übrigens der vollständige Titel an, er lautet: "Little Wars: a game for boys from twelve years of age to one hundred and fifty and for that more intelligent sort of girl who likes boys' games and books". Also scheint es auch Anfang des 20. Jahrhunderts interessierte Kriegsspielerinnen gegeben zu haben...


H.G. Wells spielt Krieg mit Blei-Soldaten, gemeinfrei.

Abschließend zwei interessante Aspekte zu diesem Buch: Zum einen benutzt H.G. Wells im Anhang das deutsche Wort "Kriegspiel", als es um komplexere Regeln geht. Zum anderen gibt es in der Neuauflage von 2004 ein Vorwort von Gary Gygax. Was haben die Deutschen und was hat der Vater von Dungeons & Dragons damit zu tun? Für eine Erkundung würde das zu weit führen. Aber all das werde ich in einer Vertiefung beantworten.

8 Comments


Andy
Andy
Jan 21, 2022

Wenn ich mir das Bild, wo H.G. Wells mit Bleisoldaten Krieg spielt, so anschaue, bin ich fest davon überzeugt, dass er heute wohl grosser Warhammer-Fan wäre ;-)

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Unknown member
Jan 17, 2022

Krieg ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. (von Clausewitz)

Eine nüchterne Feststellung und doch meist absolut zutreffend.

In seinem Buch „Vom Kriege“ geht von Clausewitz freilich noch viel tiefer.

Und doch betrachten wir Krieg heute oft aus einer historisch begrenzten Sicht und die Gründe für kämpferische Auseinandersetzungen variieren stark.

Heute und im historisch überschaubaren Zeitraum seit von Clausewitz und heute stimmt seine Aussage zumeist. Selbst das römische Reich und seine Feldzüge waren eher politisch motiviert.

Eine weitere wichtige Motivation oder sagen wir eher Rechtfertigung waren und sind religiös motiviert.

Je weiter man in die Vergangenheit geht, umso mehr sind es andere Gründe, oft ganz profan das Überleben, Besiedlung neuer Gebiete aufgrund wachsender Populationen oder auch klimatische Veränderungen, die…


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fan0schor
fan0schor
Jan 16, 2022

In dem Kontext ist auch "Brief an meinen dreijährigen Sohn" von Umberto Eco (ein erklärter Pazifist, hat auch "Der Name der Rose" geschrieben) interessant. Darin beschreibt Eco, dass eine Tabuisierung von Gewalt nicht weiterhilft. Im Spiel setzen sich die Kinder mit Gut und Böse auseinander und erkennen irgendwann das in der Realität das ganze Grau und nicht Schwarz/Weiß ist. Daher freut er sich, wenn sein Sohn endlich alt genug ist, dass er ihm "Gewehre. Doppelläufige. Mit Repetiermechanik. Schnellfeuer- und Maschinengewehre. Kanonen. Bazookas. Säbel. Kriegsstarke Heere von Bleisoldaten. Burgen mit Zugbrücken. Festungen zum Belagern. Kasematten, Pulvertürme, Panzerkreuze, Düsenjäger, MPs, Dolche, Trommelrevolver, [...]" schenken kann. Er will seinem Sohn allerdings "nicht lehren, auf die Indianer zu schießen", sondern auf "die Schnaps- und Waffenhändler,…

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Jörg Luibl
Jörg Luibl
Jan 16, 2022
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Sehr schöne Ergänzung, danke für den Hinweis auf Eco!

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Astmeister
Astmeister
Jan 14, 2022

Verdammt ich sollte auch im Stresemann Wargames spielen. Früher hatten die noch Stil!

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Jim Pacificus
Jim Pacificus
Jan 14, 2022

Die Frage habe ich mich auch schon öfters gestellt. Ähnlich wie du habe ich schon als kleines Kind mit Plastiksoldaten die napoleonischen Kriege oder den 2. Weltkrieg nachgespielt. Ein Ritter zu sein war auch für mich eine sehr coole Vorstellung. Tja, woran liegt das?

Ich glaube da spielen verschiedene Faktoren eine Rolle. Eine ganz wichtiger Faktor ist das Gefühl von Ehre, Stolz und Ansehen. Ein Ritter war jemand besonderes in der Feudalgesellschaft. Er war hoch angesehen, ehrenhaft und Loyal. Jemand zu dem man aufgeschaut hat.

Diese Sichtweise lässt sich teilweise auf moderne Soldaten in ihren schicken Uniformen übertragen. Soldaten haben auch heute noch in vielen Ländern eine besondere Stellung. Man betrachtet sie ähnlich wie einen Ritter als loyal…

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Jörg Luibl
Jörg Luibl
Jan 14, 2022
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Strategie und Taktik sind übrigens eine Wurzel, die noch weiter reicht - dazu bald mehr. Allerdings hat das Ansehen des "Kriegers" (im weitesten Sinne) in der Gesellschaft rapide abgenommen; aus vielen Gründen. Begriffe wie "Ehre" oder "Stolz" und deren historischen Wandel werde ich hier auch nochmal beleuchten.;)

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