Rezension: Arcade Paradise (PC, PS4/5, XBS, SW)


Erinnert sich noch jemand an das Spielejahr 1993? Hier eine Auswahl: Ambermoon, Doom, Lands of Lore, Mortal Kombat, NBA Jam, Syndicate, The Chaos Engine! Das klingt selbst nach dreißig Jahren wunderbar. Allerdings würde Ashley wohl am liebsten eine Zeitmaschine anschmeißen und verschwinden. Denn in Arcade Paradise soll den Waschsalon seines Vaters führen, der als Geschäftsmann auf seiner Yacht herum schippert. Aber weil Arbeit bekanntlich nervt, hat der 19-jährige Zocker eine coole Idee: Könnte er den Laden nicht in eine Spielhalle verwandeln?




Das letzte Aufbäumen der Arcades


Das ist der ebenso knifflige wie faszinierende Plan, den ihr in Arcade Paradise verwirklichen könnt, während ihr in Egosicht aktiv seid, um anzupacken, aufzuräumen, Waren zu bestellen oder selbst aktiv an über 30 Automaten zu spielen. Aber bis es so weit ist, muss er selber alles managen: Ein Smartphone gab es damals noch nicht, aber Ashley hat einen alten PC im Büro und ein PDA zur Verfügung, das er mit Touchpen bedienen kann.



Das Vorhaben ist schwierig, weil er mit der Wäsche kaum genug Geld verdient und die Zeit der Arcades ja fast vorbei ist. Die in der Einleitung erwähnten Spiele gab es natürlich für PC und Konsole, die damals boomten, während klassische Automaten wie Pong, Pac-Man, Space Invaders & Co in den 70er und vor allem 80er Jahren ihre Blütephase erlebten - einige davon werdet ihr hier als Replikate wiedererkennen.


Aber es besteht auch im Jahr 1993 noch Hoffnung: Denn Anfang des Jahrzehnts gab es sie ja noch überall, von der Pommesbude bis hin zur großen Spielhalle: Titel wie Virtua Fighter oder Sega Rally waren technologisch cool und sehr beliebt. Warum soll es also nicht mit Ashleys Spielhalle in der fiktiven britischen Stadt Grindstone klappen?


Zurück in die 90er


Dort treiben sich genug Ladies und Gentlemen rum, die Videospiele mögen und ähnlich ticken wie er. Es gelingt Arcade Paradise jedenfalls über Mode und Musik das Flair der 90er einzufangen: Man sieht Typen in Football-Jacken, glänzenden Trainingsanzügen und im Radio läuft tatsächlich etwas, das verdammt nach Cypress Hill klingt - die ich heute noch gerne höre.



Wer damals in einem ähnlichen Alter war, dürfte einige nostalgische Flashbacks erleben. Trotzdem sieht der Waschsalon von außen erstmal trostlos aus. Und von der Qualität eines Virtua Fighter sind die Automaten im Hinterzimmer des kleinen Ladens weit entfernt. Sie machen Ashley natürlich mehr Spaß als der berufliche Alltag, aber er kommt ja kaum zum Zocken.

Malochen unter Zeitdruck


Denn er muss jeden Tag in stark vorgespulter Echtzeit schmutzige Klamotten von A nach B und C bugsieren, damit sie gewaschen, getrocknet und abgeholt werden können. Und das auch noch unter Zeitdruck, denn sobald eine Maschine fertig ist, wird er über sein PDA alarmiert. Und dabei kann er ins Schwitzen geraten.

Denn falls er trödelt, bekommt er weniger Punkte und der Laden nimmt weniger Geld ein. Während die Maschinen mit der Wäsche rödeln, muss er sich auch noch um den Müll und das verstopfte Klo kümmern sowie vor Feierabend die Geldbehälter leeren, um die Erlöse in den Safe zu packen - warum er dabei jedesmal die blöde Kombination als Minispiel neu eingeben muss, bleibt ein Geheimnis der Entwickler.


All das frisst jedenfalls Zeit, die er effizient ausfüllen muss. Manchmal merkt er gar nicht, wie schnell es Abend wird und trottet erst spät zur Bushaltestelle, um den Tag endlich abzuschließen. Aber Vorsicht: Es gibt sogar einen Burnout, wenn man zu viel und lange im Laden malocht! Wieso kann das passieren?

Vielleicht, weil einige Arbeiten selbst wie ein Minispiel angelegt ist: beim Entfernen von Kaugummis, dem Bedienen des Pömpels oder dem Einwerfen von Abfall ist meist etwas Geschick und Timing auf einer Leiste gefragt, was maximal mit Rank S belohnt werden kann - was einen natürlich freut, weil direkt mehr Cash bringt.


Big Daddy is watching you


Aber die Arbeit nervt deshalb so richtig, weil sein Vater Gerald ständig anruft, klugscheißt und nach Umsatz fragt. Außerdem weiß Ashley, dass er weder sein Aussehen, seine Musik noch seinen Plan mag, den Waschsalon in eine Spielhalle zu verwandeln. Zwar schickt er ihm voller Eifer die positiven Umsätze der Automaten, aber davon will sein Vater erstmal nix wissen. Innerhalb der Beziehung und der Story gibt es allerdings noch Überraschungen.



Immerhin hat Ashley eine Verbündete: seine ältere Schwester Lesley. Mit ihr chattet er über seine Idee, sie gibt ihm Tipps und Ratschläge, wie er sich verhalten soll. Also bilden die beiden ein konspiratives Paar und legen los. Die ersten Automaten werden bestellt und dann wird tatsächlich renoviert, damit mehr davon stilvoll platziert werden können.


Und auf einmal verwandelt sich das Grau des Waschsalons tatsächlich in die neonfarbene Ausstrahlung einer vor Bildschirmen funkelnden Arcade. Das sind die schönsten Momente dieses Spiels, wenn sich der Laden immer weiter in ein Paradies für Zocker verwandelt. Dem Vater erzählt der Sohnemann übrigens, dass er in dem Raum mit Waschmaschinen expandieren will. Tja, da vertut er sich...

Automaten bestellen - yeah!


Ashley bestellt nämlich auf der Webseite Arcademania immer mehr Automaten, von denen es über 35 gibt. Sehr cool: Sie werden morgens spektakulär per Laster geliefert und als XXL-Holzpaket vor den Laden bugsiert. Strike Gold kostet z.B. 500 Dollar, hat eine anfängliche Beliebtheit von 140 und simuliert ein abwärts scrollendes Minenabenteuer. Zombat 2 kostet schon 1135 Dollar, aber ist ein Zombie-Shooter in der Draufsicht, der schon eine Beliebtheit von 180 vorweisen kann.



Und das Beste ist: Man kann sie alle selbst spielen! Racer Chaser ist z.B. eine Art Pac-Man mit GTA-Flair. Es gibt Puzzles, Action, Logikrätsel und so ziemlich jedes Genre. Allerdings können diese Minispiele, so nett sie teilweise sind, nicht mehr die Erstfaszination der Spielhallenzeit auslösen. Das ist natürlich mehr als verständlich. Und es macht auch so Spaß, anhand dieser Replikate die Vorbilder aus der Videospielgeschichte zu recherchieren.

Automaten manipulieren


Aber wie soll man mit Arcades reich werden? Indem man die Automaten clever manipuliert. In dieser Hinsicht kommt das Spiel der damaligen Realität insofern nahe, als dass der hohe Schwierigkeitsgrad durchaus System hatte - zumal die Spiele meist so kurz waren, dass man mit frühen Bildschirmtoden sowohl mehr Geld als auch Spielzeit schinden konnte. Allerdings hatte man damals kein cooles PDA, um seine Automaten so bequem einzustellen.



Man kann nicht nur den Schwierigkeitsgrad in drei Stufen von leicht bis schwer, sondern auch den Preis darüber regeln. Hinzu kommen informative Statistiken wie etwa die allgemeine Beliebtheit, die sich dynamisch ändert, sowie die Sitzungen sowie Einnahmen eines Spiels pro Stunde. Und Letztere hängen sowohl mit Kosten, Preis und Spaß als auch mit dem Standort des Automaten zusammen, denn besonders beliebte Spiele strahlen quasi auf die Nachbarn aus. Leider sieht man aber nie, dass sich regelrechte Trauben um beliebte Automaten bilden, man hört kein Jubeln oder Fluchen.


Automaten beliebter machen

Apropos Beliebtheit, ihr Einsatz wirkt unlogisch: Sie steigt nicht etwa durch das Feedback der Kunden, sondern indem Ashley selbst zockt und Ziele erreicht. Im Fall von Pong aka Video Air Hockey gibt es drei: Spiele fünf Runden, gewinne eine Runde, erziele drei Eigentore. Das klingt nicht nach viel und ist optional, aber angesichts des Zeitdrucks weiß man gar nicht, wann man das alles spielen soll - zumal manche Minispiele eher nerven als unterhalten. Plötzlich wirkt das Zocken selbst wie Arbeit, womit sich das Spieldesign ein wenig konterkariert.



Zunächst ist übrigens Video Air Hockey eines der beliebtesten Spiele des Waschsalons, das nach wenigen Tagen mit 5,2 Dollar pro Stunde fast das Vierfache der anderen Erlöse bringt. Daneben stehen nur ein paar Automaten, aber mit der Zeit kann man ja mehr einkaufen, wobei man die Beliebtheit vorher ablesen kann - meist sind diese dann auch etwas teurer. Dennoch wurde der Spaß durch dieses Freischalten zur Erhöhung der Beliebtheit unnötig gedämpft - das erinnerte mich eher an moderne Spielesünden als an die damalige Unbeschwertheit.

Zwei Kontostände


Leider kommen irgendwann weitere Zwänge durch die Upgrades über ein simuliertes Ebay hinzu: Theoretisch ist das durchaus keine schlechte Idee, dass man dort etwa coole Sneaker, Müllbeutel, Jukeboxen oder Radiowerbung einkaufen kann, um z.B. mehr tragen oder höhere Einnahmen über mehr Attraktivität und Kunden erzielen zu können. Schließlich kann man sich und sein Geschäft auf diese Weise stückweise verbessern.


Aber plötzlich muss man zwei Kontostände berücksichtigen. Einmal in Dollar für den Kauf der Automaten, dann in Pfund Sterling für diese Upgrades, denn sie werden über den Vater finanziert. Und der stellt plötzlich jeden Tag weitere Aufgaben über das PDA: Man soll etwa drei bestimmte Automaten-Spiele zocken, in Racer Chaser fünf Polizisten zu Fuß besiegen oder Llama drei Minuten spielen, um jeweils 15 Pfund Sterling zu bekommen.


Diesmal wird man also fast gezwungen, diese Trophäenjagd mitzumachen, die je nach Spiel mühselig sein kann. Trotzdem spürt man den Erfolg: Zu Beginn sind die Einnahmen aus dem Waschsalon sowie der Wartung aka Müllentsorgung noch am größten, aber langsam steigert man den Gewinn über Arcades von 100 auf 150, dann auf 200 und viel mehr Dollar. Wenn das Geschäft erstmal läuft, macht das auch Laune. Ein Lob verdient zudem die Lokalisierung der Texte, denn sowohl Menüs, Nachrichten als auch die Spiele selbst sind zumindest teilweise ins Deutsche übersetzt. Und der englische Synchronsprecher des Vaters hat immerhin auch Hexer Geralt seine Stimme geliehen.

Die Illusion des Alltags


Man merkt Arcade Paradise trotzdem schnell an, dass es im wahrsten Sinne des Wortes ein kleines Spiel für 25 Euro ist. Es ist um eine Illusion des Alltags bemüht, die es nicht lange aufrecht erhalten kann - manches ist auch gar nicht schlimm: etwa dass unsichtbare Wände um den Waschsalon eine weitere Erkundung der Nachbarschaft verhindern; man kann quasi nur zur Bushaltestelle gehen, um den Tag zu beenden. Es passiert in dem kleinen Areal mit seinem Hinterhof und den von Graffiti besprühten Häuserfassaden allerdings nichts weiter, außer dass man ab und zu irgendwo sitzende oder wartende Leute sieht.



Diese Beschränkung ist auch eine weise Entscheidung, zumal man sich dann auf das Wesentliche konzentrieren kann, das ja in den Räumen stattfinden könnte. Auch dort sind die Kunden allerdings trotz unterschiedlicher Outfits letztlich nur leblose Statisten. Sie warten auf den Bänken oder vor dem WC, oder stehen schweigend an den Automaten, aber man kann sie nicht ansprechen und sie geben auch kein Feedback, so dass kein lebendiges Milieu mit Charakteren entsteht. Wenn man sich ihnen nähert, pixeln sie auf und verschwinden wie Trugbilder.


Sie hinterlassen zwar Abfall wie Pizzakartons, Flaschen, Kaugummis oder Socken, aber der wird nicht an ihren Aufenthalt gebunden, sondern beruht auf eigenen Zufallsroutinen - was ebenfalls an der Illusion eines glaubwürdigen Alltags nagt. Da hat man am Abend extra noch den Laden sauber gemacht, schließt am Morgen auf, schaut sich einmal um - und schon ist wieder alles vermüllt, obwohl nur ein Kunde da ist. Schade auch, dass man in den wenigen Räumlichkeiten einiges an Copy & Paste an die Wände geklebt hat. Das mögen Peanuts sein, aber da man dort sehr viel Zeit verbringt, fällt das irgendwann ebenso negativ auf wie die Uhren, die nicht richtig laufen, oder die Wasch- und Getränkeautomaten, die nie benutzt werden.



Fazit


Ich musste dieses Spiel einfach besprechen, weil es mich für einige Momente zurückbeamt in eine schöne Zeit. Ich war 1993 so alt wie Ashley, habe dieselbe Mucke gehört und natürlich nichts lieber gemacht als zu zocken - und zwar sehr gerne in der Pommesbude oder in Spielhallen. Und es ist schon erstaunlich, dass die Briten hier über 30 Arcades simulieren, indem sie spielbare Replikanten von Pong bis Pac-Man anbieten. Es gibt einige tolle Momente, manche Arcades machen Laune, aber so faszinierend wie sein Szenario ist das Spiel leider nicht geworden. Arcade Paradise ist letztlich mehr nostalgischer Schein als lebendiges Sein, denn wenn sich die anfängliche Coolness der Inszenierung legt, wird bis auf die Arbeit leider zu wenig reaktiver Alltag und Milieu inszeniert - stattdessen sorgen Zufallsmechanismen für Statik und Wiederholungen für Ermüdung. Der Zwang zum Freischalten durch das Zocken kann ebenso nerven wie die doppelte Kontoführung und so manche unlogische Kleinigkeiten. Trotzdem: Wer sich reinfuchst und Zeit investiert, kann von dieser Management-Simulation durchaus solide unterhalten werden und vielleicht einige Déjà-vus erleben.


(Bilder: Arcade Paradise, PC, eigene Aufnahmen; Preis: 25 Euro)