Rezension: Crusader Kings 3 (PS5, XBX)

Seit dem 29. März kann man sich auch auf der Konsole in die historische Strategie von Crusader Kings 3 stürzen. Ich werde die Spielmechanik in dieser Rezension nur anreißen, also einige Pros und Kontras erwähnen, und mich auf die Steuerung konzentrieren. Denn wer die ebenso komplexen wie verschachtelten Spiele von Paradox kennt, dürfte angesichts der Vorstellung eines Gamepads in der Hand umgehend Fluchtreflexe entwickeln. Wie soll man das denn bitte ohne Maus und Tastatur bewältigen? Ich hab es mal auf der PlayStation 5 versucht.




Game of Thrones als Game of Geduld


Eines vorweg: Ohne Geduld kommt man in Crusader Kings 3 ohnehin nicht weit. Wer diese Tugend nicht besitzt, sollte gar nicht erst in dieses Mittelalter reisen. Denn das Spiel der Könige ist auf eine sehr lange Strecke ausgerichtet, die man ganz anders erlebt als klassische Rundentaktik oder 4X-Strategie, zumal nicht das Militär, die Wirtschaft oder ein Technologiebaum, sondern die Personen im Mittelpunkt stehen. Und dann bewegt sich da noch dieses riesige Rad an Zufallsereignissen. Hier geht es also nicht um eine Schlacht oder eine Kampagne, sondern um den Aufbau einer Dynastie über zig Generationen, vom 9. Jahrhundert bis ins Spätmittelalter des 15. Jahrhunderts - inklusive aller Rückschläge und Niederlagen.


Crusader Kings 3 erschien 2020 auf dem PC und wurde jetzt für Xbox und PlayStation umgesetzt.

Es gibt einen authentischen Rahmen, so dass bekannte Ereignisse wie die Gründung des Danelag durch die Wikinger in England oder die Kreuzzüge tatsächlich stattfinden, aber Crusader Kings 3 gleicht letztlich einem historischen Sandkasten voller Algorithmen und Zufälle. Zwar gelten auch hier die Prinzipien der Taktik und Strategie, aber man hat als Herrscher nicht die volle Kontrolle und muss stets auf Ereignisse aus dem privaten oder politischen Umfeld reagieren. Selbst der Hausarzt ist wichtig! Wie in einem Rollenspiel gilt es daher Beziehungen zu pflegen und Rivalitäten zu erkennen, man kann Romanzen beginnen oder Mordkomplotte schmieden, Vasallen erpressen oder über das Verheiraten seiner Kinder mächtige Bündnisse eingehen. Aber kaum fühlt man sich stark und schlau, wird man altersschwach, überrumpelt oder selbst das Opfer eine Intrige. Ich empfehle allen Einsteigern dringend die Wahl eines Königs bzw. Startlandes wie Irland, das als "einfach" beschrieben wird, sonst wird man vielleicht zu früh frustriert. Meine favorisierten Normannen konnten sich zwar historisch in Italien durchsetzen, wie ich in dieser Vertiefung erläutert haben, aber ich bin mit ihnen früh gescheitert...


Geschichte mit dem Gamepad schreiben

Der große Historiker Jakob Burckhardt sagte mal: "Das Antizipieren eines Weltplanes führt zu Irrtümern, weil es von irrigen Prämissen ausgeht." Das passt wunderbar zu Crusader Kings 3, denn man ahnt nach dem Tutorial noch gar nicht, wie viel Spieltiefe hier vor einem lauert und fällt verwirrt in ein Loch voller Möglichkeiten. Mit mehr Erfahrung und Erfolgen kann man allerdings empor steigen, um irgendwann als irischer Kleinkönig mit Blick auf die Weltkarte, die Rivalen und seine Armee etwas Geniales auszuhecken. Falls es tatsächlich klappt, falls man endlich Großkönig wird, trifft ein zweites Zitat von Burckhardt vielleicht den Kern der Faszination, der diesem Spiel zu weltweit zwei Millionen Verkäufen verholfen hat: "Die Geschichte liebt es bisweilen, sich auf einmal in einem Menschen zu verdichten, welchem hierauf die Welt gehorcht."


Muss man das Tutorial spielen? Oh ja!

Ja, das kann passieren. Dieses Gefühl kann man hier haben. Aber dann klopft der englische König an, um seinen Anspruch auf ganz Großbritannien auch in Irland durchzusetzen. Und wenn dessen Tochter mit dem französischen König verheiratet ist, helfen einem die verbündeten Waliser auch nicht mehr. Crusader Kings 3 lockt jedenfalls mit faszinierenden Möglichkeiten, die Geschichte nach seinem Willen umzuschreiben. Aber Jakob Burckhardt kannte die Tücken des Gamepads noch nicht. Denn bevor man Königreiche kontrolliert, muss man erstmal mit der vollen Belegung desselben fertig werden: Egal ob Analogsticks, Steuerkreuz, Schultertasten, Knöpfe oder Touchpad - alles hat eine Funktion. Selbst das Drücken von L3 und R3 ist dabei, so dass man schon fast froh ist, dass nicht noch eine Bewegungs- oder gar Sprachsteuerung hinzu kommt.



Zwei Kreismenüs lassen sich einblenden.

Volle Belegung, dichter Menüwald


Allerdings blieb den Entwicklern von Lab42 Sumo Digital nichts anderes übrig, als ohne die direkte Macht der Maus so viel Feedback wie möglich zu fragmentieren. Und sie haben das durchaus sinnvoll aufgeteilt: An der Oberfläche ist das Wichtigste zu erkennen, die Symbolsprache ist klar und über das Steuerkreuz sowie die Schultertasten kann man alles schnell erreichen - vor allem was den eigenen Rat betrifft, also die wichtige Schaltzentrale der Macht. Man kann zudem von links und rechts zusätzlich ein Kreismenü einblenden, um über den Analogstick entweder auf spezielle Funktionen der Dynastie oder weitere Karten zuzugreifen. Schmerzlich vermisst habe ich hier eine über die Kontrolle in den Herzogtümern, denn das ist der Wert für Unruhen, den man sich nur lokal über die zoombare Karte holen kann.


Man muss zunächst viel lesen und lernen.

Wer alles an Informationen links und rechts einblendet, fühlt sich allerdings schnell wie in einem Menüwald. Sehr schön ist daher, dass man diesen über das längere Drücken der Kreistaste wieder lichten kann. Hilfreich sind auch die zwei Spalten auf der rechten Seite, in denen man links Tutorials aktivieren und rechts wichtige Spielaktionen anzeigen kann. Allerdings gibt es da kleine Bugs, denn manchmal kann man diese Hinweise nicht bis zum Ende befolgen, weil Einblendungen nicht funzen. Das ist nicht tragisch, weil optional, aber genauso ärgerlich wie die Rechtschreibfehler der deutschen Version, die es leider schon auf dem PC gab.


Rechtschreibfehler und Wappenwirrwarr


Nicht alle Texte sind davon betroffen, man kann Crusader Kings 3 auch auf Deutsch spielen, aber manche sind missverständlich formuliert und gerade Groß- und Kleinschreibung sowie die Anrede sind häufig falsch. Zudem gibt es zu viele Schrifttypen und man kann weder die Belegung des Gamepads noch die Göße der Schrift anpassen. Immerhin ist diese in den meisten Menüs und Einblendungen auf großen Fernsehern gut zu lesen - da gab es schon wesentlich schlimmere Konsolenumsetzungen.


So viele Menüs? Den Wald kann man mit der Kreistaste lichten.

Was jedoch richtig nervt, ist das frickelige Anwählen der Armeen im Gelände sowie die dort fehlende Information über die Truppen: Sobald es zum Krieg kommt, marschieren Wappenträger herum, die man mit dem Cursor regelrecht treffen muss, um endlich einen anderen Bewegungsbefehl zu geben. Mit der Maus ist das kein Problem, aber hier vertut man sich schonmal und klickt daneben. Außerdem ist es unverständlich, dass man nicht komfortabler Infos zu all den anderen Standartenträgern bekommt, die da teilweise durchs eigene Reich marschieren. Ja, sie tragen Wappen, aber die kennt man nicht alle auswendig und vor allem in größeren Schlachten mit fünf, sechs oder mehr Konfliktparteien wäre eine einfache Färbung in Blau für Verbündete und Rot für Feinde sinnvoller gewesen. Erst wenn eine Schlacht entbrennt oder Belagerung stattfindet, wird es wieder übersichtlicher, weil dann alles mit Verlusten in einem Menü angezeigt wird.


Sinn und Unsinn der Tooltips


Hat man die grundsätzliche Steuerung verinnerlicht, will man natürlich mehr wissen und jedes Symbol sowie jede Zahl ergründen. Einerseits geht das über das Durchforsten mit dem Steuerkreuz, das ganze Leisten wie etwa die Charakterwerte erfasst - das wurde gut und übersichtlich gelöst. Andererseits wird einiges ignoriert, wie etwa schon ganz oben links das wichtige Gold oder Informationen in der Mitte des Charaktermenüs über Ansprüche, Titel sowie manche Zahlen. Zwar bekommt man die Hintergründe dazu an anderer Stelle, aber man wundert sich, dass man diese nicht wie alles andere sofort ansteuern kann.



Vieles wie die Eigenschaften kann man über das Steuerkreuz einsehen.

Wer direkt etwas über diese Details wissen will, kann zwar die Tooltips aktivieren, indem man den Analogstick drückt, um dann einen Panzerhandschuh wie einen Cursor zum Ziel zu bewegen - eine gute Idee, die die Maus quasi direkt simuliert. Allerdings erläutern diese dann auch nicht alles, so dass man diese Funktion mit offenen Fragen meist wieder deaktiviert. Nur um dann festzustellen, dass plötzlich auch ohne Tooltips bei jedem Anwählen von Funktionen nach einer Sekunde eine Hinweisbox aufpoppt, was wiederum richtig nervt, wenn man sie schon kennt. Auch hier gibt es Abhilfe: Noch einmal den Analogstick drücken und es ist wieder Ruhe. Lobenswert ist auch, dass man die Verzögerung der Anzeige von Tooltips zeitlich anpassen kann.


Das Auswählen der Armeen im Gelände ist fummelig.

Diese Beschreibungen deuten schon an, dass die Steuerung so einige Tücken hat und so einiges an Geduld erfordert. Das war natürlich zu erwarten, denn die Menüs und Informationen in Crusader Kings 3 sind so verschachtelt wie das Lager eines Schuhverkäufers. Angesichts dieser Herausforderung hat man das solide bis gut gelöst. Das Touchpad wird übrigens verwendet, um die Zeit anzuhalten sowie über das Streichen nach links bzw. rechts die Zeit langsamer bzw. schneller ablaufen zu lassen. Über weite Strecken kann man sich auch an der Konsole zurechtfinden und mit der Steuerung arrangieren, aber es fehlt manchmal an Konsequenz in der Navigation, an Komfort in der Auswahl sowie Information und es gibt kleinere Bugs. An der Technik hinsichtlich Ladezeiten, Bildrate & Co gibt es nix zu meckern, aber angesichts der simplen Inszenierung werden aktuelle Konsolen natürlich nicht gefordert. Zwar sind Gesichter und Figuren leicht animiert, aber schon auf dem Rechner wurden vor allem die Landkarten viel zu spartanisch visualisiert - man erkennt kaum Architektur, Landmerkmale oder eine Brandung.


FAZIT


Wer die Wahl hat, spielt Crusader Kings 3 natürlich mit Maus und Tastatur - das ist direkter und viel komfortabler, so dass ich dieses Spiel am Rechner eine Stufe besser einordnen würde. Aber wer das Experiment eingehen und von der Couch aus eine Dynastie gründen will, kann das durchaus bewältigen. Die Steuerung hat ihre Macken, man braucht etwas mehr Geduld, aber wenn man diese Hürden überwunden und sich mit dem voll belegten Gamepad angefreundet hat, entfaltet sich auch auf der PlayStation 5 die faszinierende Spieltiefe in diesem Mittelalterepos. Bei allem Lob, das diesem Strategiespiel neben der Abbildung des so genannten "Personenverbandstaates" des Mittelalters, all seinen politischen Möglichkeiten und vor allem für die kreativen Rollenspielelemente mit Affären, Anspannung und Lebenswandel gebührt, seien Kriegstaktiker, Händlernaturen und auch Diplomaten gewarnt, denn all das feine Justieren und Taktieren geht im großen Räderwerk der Geschichte manchmal etwas unter, so dass man nach einem Thronwechsel wieder die altbekannten Mechaniken in Gang setzen muss. Hier ist der Weg das Ziel, auf dem immer wieder köstliche Anekdoten des Scheiterns erzählt werden. Ich werde jedenfalls nochmal versuchen, von Irland aus zum Kaiser aufzusteigen. (Bilder: Crusader Kings 3, PlayStation 5, eigene Aufnahmen)