Ein Schiff, viele Bögen und Kid Icarus

Als man das Wrack des englischen Kriegsschiffs Mary Rose barg, das ab 1509 in Portsmouth gebaut wurde und 1545 im Gefecht gegen ein französisches Schiff sank, war die Überraschung groß. Nicht nur ob der genauen Zuordnung und Datierung, sondern auch angesichts der Waffen, die in mehreren Kisten sehr gut erhalten waren: 172 Langbögen aus Eibe, dazu 2303 Pfeile. Ursprünglich an Bord laut Liste sogar 250 Langbögen und 9600 Pfeile.


Warum ist das so besonders? Weil diese "mittelalterliche" Waffe anscheinend bis ins 16. Jahrhundert hinein im Einsatz war, als längst Kanonen und Hakenbüchsen verwendet wurden. Ihre Blütephase lag im Hundertjährigen Krieg (1337 - 1453) zwar nicht zu weit entfernt, aber scheinbar wurde der im Vergleich zu Pulverwaffen oder Armbrüsten viel schwieriger zu beherrschende Langbogen zumindest in der englischen Kriegsmarine sehr geschätzt.


Die Faszination an dieser Waffe, mit der der Mensch die Distanz überwinden und letztlich gefahrloser - also effizienter - töten kann, ist tausende Jahre alt. Ihr Gebrauch reicht zurück in die Steinzeit und hat den Erfolg unserer Spezies vermutlich beschleunigt. Auch in die Welt der Videospiele hielt sie sehr früh Einzug: Eines der ältesten Cover mit einem Bogenschützen hatte Dandy (1983) auf dem 8-Bit-Atari. Wobei es nicht ganz klar ist, ob man auch wirklich mehr als Herzen schießen konnte, um seine Gefährten zu heilen.


Dieser frühe Dungeon-Crawler (in Echtzeit mit vier Leuten!) inspirierte allerdings Ed Logg zum Klassiker Gauntlet (1985). In dieser auch heute bekannten Topdown-Action von Atari ging es dann so richtig mit dem Bogen zur Sache: Der Elf Questor feuerte seine Pfeile schneller als Legolas in großer Reichweite. Er erfreute sich als Charakter großer Beliebtheit - obwohl auch aufgrund des Film Conan der Barbar (1982) damals viele eher den Warrior Thor favorisierten.


Parallel zu dieser stark von Dungeons & Dragons beeinflussten Spielentwicklung wurde der Bogen auch im Sport sichtbar: Track & Field startete zwar 1983 noch ohne Bogenschießen, aber auf dem NES wurde diese (schwierig zu erreichende) Disziplin im Jahr 1985 ergänzt. Dieser Klassiker inspirierte dann wiederum andere Spiele wie etwa das sehr reduzierte Archery für DOS aus demselben Jahr, in dem es darum geht, mit einem Pfeil eine Zielscheibe zu treffen.


Und welcher Held ist mit seinem Bogen wirklich berühmt geworden? Kid Icarus natürlich! Im Jahr 1986 rettet Pit, der tapfere Hauptmann der Palastgarde, mit Pfeil und Bogen bewaffnet, eine Prinzessin aus den Fängen mieser Monster. In einer an die Antike angelehnten Fantasywelt ist er selbst fliegend und mit immer mehr Fähigkeiten unterwegs. Hier schließen sich zwei Kreise: Erstens hat mich der Bogen (wie an dieser Erkundung evtl. zu erkennen ist) seit der Kindheit so fasziniert, dass ich irgendwann selbst Langbögen gebaut habe. An der Uni habe ich mich mit der Geschichte dieser Waffe beschäftigt, so dass es hier irgendwann eine Vertiefung geben wird, in der ich ausführlicher über Bögen in Videospielen spreche. Wann wurden sie wie eingesetzt? Wurden sie jemals "authentisch" digitalisiert? Und ja: In Age of Empires IV werde ich da ebenfalls ein Auge drauf werfen, zumal auch die englischen Langbogenschützen dort bekanntlich eine Rolle spielen.


Zweitens zeigt sich hier erneut der alte Pioniergeist Nintendos, denn wie schon Metroid und Samus Aran stammen auch Kid Icaraus und Pit aus der berühmten Abteilung Research & Development 1, kurz: RD1 - mehr dazu hier. (Bilder von oben nach unten: Mary Rose, 1546, Original by Anthony Anthony, gemeinfrei; Dandy, Promo-Bild, 1983 aus dem Official Magazine Advertisement, Softline, Volume 3 Number 1; Gauntlet, Charakterbildschirm, C-64-Version, 1986; Kid Icarus, Cover-Art, NES, 1986)