Elden Ring: Über Einflüsse, Mythologie und Stile

Noch sind die Tore ins Zwischenland nicht geöffnet. Noch muss man abwarten, welche Art von Fantasywelt sich dahinter verbirgt. Aber schon die offiziellen Trailer sowie Interviews und der Netzwerk-Test haben einiges offenbart. Auf welchem Fundament wird dieses Dark Souls in offener Welt beruhen? Welche Symbole sind erkennbar? Welche Einflüsse sind spürbar? In dieser kleinen Erkundung versuche ich diesen Fragen nachzuspüren, auch wenn ich sie noch nicht final beantworten kann.


Der Ring von John R.R. Tolkien


Der offensichtlichste Bezug scheint schon im Namen des Spiels erkennbar: Der "Eine Ring" aus der großen Saga von J.R.R. Tolkien; zumal im Netzwerk-Test elfisch anmutende Runen auf dem Boden sichtbar waren, wenn man Magie wie "Holy Ground" wirkte. Und Runen werden bekanntlich auch statt der Seelen gesammelt. Allerdings hat Hidetaka Miyazaki auf Nachfrage im Interview mit der Edge betont, dass es keinen direkten Bezug zum Herrn der Ringe geben würde: "(...) there is no direct link to The Lord Of The Rings or any of Tolkien's work."


Welche mythologischen Einflüsse kann man in Elden Ring erkennen?

Es ist zwar immer das eine, was Entwickler sagen und was ihre Spiele letztlich an Einflüssen offenbaren - denn nicht alles geschieht bewusst. Und ich sehe durchaus noch einen, denn letztlich ist man ähnlich wie die Gefährten an einen mächtigen Ring gebunden. Nur muss man ihn nicht in Mordor vernichten, sondern seine Überreste im Zwischenland suchen. Miyazaki betonte allerdings, dass es sich beim Elden Ring nicht um ein Artefakt handeln würde, das wie von Gollum und Frodo an einem Finger getragen werden kann, sondern eher um ein metaphysisches Prinzip.


Repräsentieren seine Bruchstücke also lediglich die Zerstörung der Welt? Aber sucht und sammelt man sie nicht physisch, um als Elden Lord die Goldene Ordnung wieder herzustellen? Es gibt einige vermeintliche Widersprüche, die erst das finale Abenteuer auflösen kann. Angesichts des Titels ist übrigens auffällig, dass Ringe eine weniger bedeutende Rolle als bisher für den eigenen Charakter spielen: Es gibt sie zwar als sichtbare Artefakte im Inventar, man ruft Sturmwind z.B. über die Spektralrosspfeife, die wie ein Ring geformt ist. Aber diesmal rüstet man am Charakter selbst Talismane statt Ringe aus, um sich z.B. magisch gegen Feuer zu stärken.


Die Wurzel von George R.R. Martin


Nicht nur, aber vor allem im letzten Abenteuer der Soulsreihe spielte Feuer ja eine große Rolle: als urtümliche Energie, als Quelle der Magie und mächtiges Symbol von Leben und Tod. Das Lagerfeuer der Rast war auch vorher ein Leuchtfeuer der Hoffnung in Welten, die in Dunkelheit versanken. Dieses Element wurde im Abenteuer rund um den Feuerlink-Schrein erzählerisch bis zur letzten Metapher genutzt, quasi von der Glut bis zur Asche. Auch wenn Licht und Dunkel auch in Elden Ring relevant sind: Diesmal ist das Leitmotiv der Welt nicht das Feuer, sondern ein Baum. Im Original wird er bezeichnender Weise "Erdtree" und in der deutschen Version "Erdbaum" genannt.


Nicht Feuer ist das Leitmotiv, sondern ein Weltenbaum - der "Erdtree".

Dieser Weltenbaum und seine Sprösslinge thronen immer noch weithin sichtbar im Zwischenland. Sie bilden ein strahlendes Firmament und wirken wie ein Nachhall der Goldenen Ordnung, in der Godfrey, der erste Elden Lord, mit Königin

Marika verheiratet war. Aber ihr heller Schein trügt: Mit einer Bluttat und der Zertrümmerung des Elden Rings wurde das alte Reich zerstört und verflucht. Seine in alle Richtung verstreute Saat und sein goldenes Licht soll den "Befleckten" als Hilfe und Orientierung dienen. Nicht an Leuchtfeuern, sondern an "Orten der Gnade" kann man rasten.


Ein religiöser Unterton schwingt in der Bezeichnung "Befleckte" für Spieler mit, darunter der Gedanke an Unreinheit, der übrigens bis heute stark in den Ritualen des japanischen Shintoismus erkennbar ist, zu denen immer Reinigung gehört. Jemand hat also in der Vergangenheit Schuld auf sich geladen, mit Mord und Verrat, es gibt eine morbide Familiengeschichte - genau dieses erzählerische Wurzel samt der Symbole und wichtiger Figuren hat G.R.R. Martin gelegt. Und während Motive wie die Tafelrunde direkt aus dem Arthus-Mythos stammen, erinnert einiges andere an die germanische Mythologie, an die Erzählungen vom Weltenbaum Ygddrasil, an Asen und Wanen sowie Ragnarök als apokalyptischer Prophezeiung. Auch in Elden Ring gelten Riesen als Bedrohung der Ordnung, auch hier rifft man auf Seherinnen.


Auch wenn das ein "Großer Alter" sein könnte: Es gibt keine direkten Lovecraft-Bezüge.

In der Figur von Godwyn dem Goldenen, dem strahlenden Sohn von Godfrey und Marika wird der Bezug ebenfalls erkennbar, denn er erinnert an den germanischen Gott Balder, den „Strahlenden“, mit dessen Tod das Weltende nahte. Auch seine Mutter Frigg machte sich Sorgen um ihn, deshalb sollte ihn nichts verletzen können. Nach bisherigen Aussagen von Miyazaki zerbrach Marika an seinem Tod und danach war nichts mehr wie es war. Und auch im Namen ihres Gatten Godfrey steckt ein bekannter Gott der Germanen: Freyr. All das sind nur lockere Verbindungen neben anderen. Natürlich wird Elden Ring nicht die Edda nacherzählen, sondern letztlich ein Patchwork aus mythologischen Motiven anbieten - aber sowohl der Macher von Game of Thrones als auch Miyazaki haben sich schon öfter von diesen nordischen Sagen inspirieren lassen.


Die Großen Alten von H.P. Lovecraft?


Was H.P. Lovecraft wohl zu einer alptraumhaften Kreatur wie Margit The Fell Omen gesagt hätte? Auch wenn man grotesken Horror oft mit ihm verbindet: Es gibt bisher keine direkte Anknüpfung an seine Literatur oder den daraus konstruierten Cthulhu-Mythos mit den Großen Alten. Man könnte höchstens Motive wie im Verborgenen waltende Mächte, die Ausweglosigkeit im Angesicht eines nicht abwendbaren Schicksals oder grotesker Kreaturen vergleichen. Götter und Halbgötter, Ordnung und Chaos treffen aufeinander. Aber da ist man schnell bei Themen, die relativ zeitlos in Mythologien behandelt werden. Selbst wenn man auf einzelne Wesen wie Menschen fressende Kreaturen mit Tentakeln schaut, wie die bizarren Land-Oktopusse in Elden Ring, die am Strand wie riesige Fleischbälle vor sich hin kriechen, mit einem tückischen Maul nach Beute suchend: die Bestiarien der Menscheit sind gefüllt von Ausgeburten der Fantasie. Und From Software gelingt es immer wieder meisterhaft, neue daraus entstehen zu lassen.


Die eigene Soulstradition


Nicht zu vergessen, die eigene Tradition: Mittlerweile kann sich die Soulsreihe selbst zitieren, sie hat eine ganz eigene Art der Fantasy, einen Kosmos abseits bekannter Genreschubladen etabliert, kann an ihre eigenen Motive und Figuren anknüpfen und diese abwandeln - entweder direkt oder genau so, dass Kenner sich erinnert fühlen. Man wird also Spuren von Demon's Souls bis Bloodborne finden, gerade was die Ästhetik des Alptraumhaften betrifft. Elden Ring wirkt im ersten Gebiet von Limgrave rein künstlerisch wie eine zauberhaft verwunschene Fantasywelt, fast märchenhaft im goldenen Licht, aber gleichzeitig tückisch und bedrohlich, ausgedrückt schon in der ersten Figur "Varré", der einen spöttisch mit blutigen Händen begrüßt. All das erinnerte an die Atmosphäre aus "Das letzte Einhorn", in dem ja ebenfalls eine gewisse Erhabenheit und Melancholie auf Verzweiflung und Brutalität treffen.


Aber genug gestöbert und spekuliert, bald könnt ihr selbst nach Antworten suchen: Elden Ring wird eine Fantasywelt inszenieren, die Mittelalterliches und Sagenhaftes, Könige und Ritter, Trolle und Magie so mit dem Grotesken und Alptraumhaften verbindet, dass sich Fantasy und Horror mal wieder gefährlich eng umschlingen werden.


Welche Kraft sie diesmal entwickeln, ob From Software erneut so stark binden kann, ob die offene Welt eher Segen oder Fluch ist, versuche ich bald zu ergründen. Vermutlich wird die Rezension wie schon jene zu Horizon Forbidden West für alle Steady-Unterstützer in mehreren Teilen erscheinen.