Elden Ring: Blaidd, die Kelten und Werwölfe


Rannis Quest ist nicht nur ein Paradebeispiel für den besonderen Erzähl- und Spieldesignstil von Elden Ring, sondern auch eine der besten Geschichten innerhalb dieses großartigen Abenteuers. Keine andere hat mich so neugierig gemacht, mir so viel Geduld abverlangt, aber auch so viel Spaß gemacht, weil ich Orte und Personen selbst suchen musste. Das fühlte sich tatsächlich an wie eine mittelalterliche Heldenreise im Stile der Gralssuche.


Sie begann in Limgrave und führte mich bis in die Ruinen von Nokron, sie war heroisch und tragisch. Recht früh im Spiel bekommt man beim ersten Händler Kalé einen Hinweis: Er erzählt von einem Nebelwald, in dem nachts ein Wolf heult. Er beschreibt ihn als etwas grob, aber gutherzig. Man solle sich nicht fürchten und dort eine bestimmte Geste vollziehen. So lernt man Blaidd kennen, den hünenhaften Halbwolf.


Blaidd, der Halbwolf


Wer ihm hilft, gewinnt einen treuen Freund, der immer wieder auftaucht. Man lernt die Hexe Ranni, den Riesenschmied Iji und den Magier Seluvis kennen, kann an Blaidds Seite gegen den in ein Gefängnis verbannten Bluthund-Ritter Darriwil und später in einer epischen Schlacht gegen den Halbgott Radahn kämpfen, um nicht weniger als die Sterne zu befreien. Und mit diesem mythologischen Akt zieht diese Quest weitere spannende Kreise - mit bösen Überraschungen, aber auch sehr schönen Momenten.


Blaidd, der Halbwolf. Elden Ring, PS5, eigene Aufnahme.

Dabei wird die Rolle Blaidds als Beschützer und Stiefbruder seiner Lady Ranni immer klarer. Wie Iji kennt er sie seit seiner Kindheit, ist per Eid an sie gebunden - und folgt ihr bedingungslos. Allerdings ist er letztlich auch eine tragische Figur auf einem politischen Schachbrett. Kaum erfährt man mehr über den Konflikt zwischen Ranni und den Zwei Fingern, steckt Blaidd selbst, angeblich zu seinem eigenen Schutz, in einem Gefängnis. Iji warnt davor, ihn zu befreien. Was tun? Ich habe tatsächlich mehrere Tage gegrübelt...


Spurensuche von Wales bis Irland

...und die Zeit für eine kleine Spurensuche genutzt, die es nicht in die Rezension geschafft hat. Der Name Blaidd stammt ja aus dem Walisischen und bedeutet Wolf. Ich habe ein wenig in der keltischen Überlieferung zu diesem Thema recherchiert. Im Gegensatz zur altnordischen Mythologie sowie der Sagaliteratur, in der der Wolf als Motiv sehr präsent ist (Geri und Freki begleiten Odin, Fenrir bedroht die Asen, Berserker kleiden sich in Wolfsfelle, Egils Großvater galt als Werwolf etc.), gibt es aus inselkeltischen Quellen wie dem Mabinogion oder den verschiedenen Táin weniger Geschichten.


An einer Stelle verflucht die Göttin Morrigan den berühmten Helden Cuchulain und droht ihm in der Gestalt einer Wölfin; außerdem wurde der spätere König Cormac mac Airt als Kind von einer Wölfin zusammen mit ihren Welpen großgezogen - sie dürfen später an seinem Hof in Tara leben. Allerdings gibt es sonst wenig direkte Bezüge, auch in der Archäologie sind Spuren von Wölfen wie auf dem Kessel von Gundestrup selten. Zwar sind Verwandlungen in Tiere normal in den fantasievollen Geschichten der Iren, Schotten und Waliser, aber der Wolf war zumindest in der erhaltenen Überlieferung der Inselkelten nicht so beliebt wie etwa Eber oder die dominierenden Hirsche. Auch auf dem Kontinent, etwa bei den Galliern, wurden andere Tiere stärker und teilweise als Götter verehrt, wie etwa der Hirsch in Cernunnos - der vielleicht im Boss "Ancestor Spirit" in Elden Ring nachhallt.


Das Königreich Osraige und die Werwölfe


In der mittelalterlichen Überlieferung gibt es die erste Nennung von Werwölfen in Irland in der "Topographia Hibernica": Der normannische Geistliche Gerald von Wales (1146 - 1223) berichtet davon, dass ein durchs Land reisender Priester zwei "gute" Werwölfe, Mann und Frau, aus dem Kleinkönigreich Osraige trifft, mit ihnen spricht und sie schließlich von ihrem Fluch der Verwandlung erlöst, in der sie Vieh rissen. In seiner Geschichte kommen die Iren als primitive Barbaren allerdings nicht besonders gut weg und die Wolfsgestalt ist letztlich auch das Symbol ihres Heidentums.


Werwölfe von Ossory, aus: Topographia Hiberniae (1196 - 1223), gemeinfrei.

Eine weitere Nennung gibt es in der mittelirischen "Cóir Anmann" aus dem 14. bis 15. Jahrhundert: Dort wird ein Held namens Laignech Fáelad erwähnt, immerhin Bruder des Königs Feradach Finn mac Duach von Osraige (6.Jh.n.Chr.), der sich in einen Wolf verwandeln und in dieser Gestalt erfolgreich jagen konnte - und von dem die Werwölfe aus der Gegend angeblich abstammen. Nur bedeutet der altirische Name Osraige wiederum "Leute des Hirsches"...

Wolfskrieger und Wulver

Trotzdem könnte das tatsächlich auf einer älteren Quelle beruhen, nämlich den Geschichten über die Fianna. So nannte man im vorchristlichen Irland die Kriegsbanden, mit denen junge Männer umher zogen, um sich auf der Jagd, bei Überfällen und als Söldner zu beweisen. Sie lebten ohne festen Stamm in der Wildnis, galten als furchtlos, kleideten sich in Felle und wählten neben dem Hirsch ein weiteres Tier als Maskottchen: den Wolf.


Im keltischen Volksaberglauben der Neuzeit zeigt sich sogar eine positive Tendenz, in der Wolfsmenschen oder Werwölfe als hilfsbereite und treue Wesen dargestellt werden. Sie bedanken sich bei Menschen, wie etwa dem Bauern Conner, der als Kind ein Wolfswelpen vor dem Tod bewahrte. Die sympathischste Figur eines Werwolfs stammt vielleicht von den Shetland Inseln: der Wulver.


Falls Lady Jessie Saxby (1842 - 1940) ihn nicht erfand, handelte es sich laut ihrer "Shetland Traditional Lore" um einen Mann mit Wolfskopf, der in einer Höhle lebte, Wanderern den Weg wies und armen Menschen so freundlich gesinnt war, dass er ihnen bei seinen Streifzügen Fisch auf der Fensterbank hinterließ. Von Vollmond, Ansteckung durch Biss sowie Transformation à la Hollywood ist zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch nichts zu lesen.


Wolfsmaske, Elden Ring, PS5.


Der Halbwolf Blaidd zeigt jedenfalls, mit etwas gutem Willen, durchaus Charakterzüge der keltischen Überlieferung: Er ist hilfsbereit wie ein Wulver, aber auch verflucht und so wild wie ein Krieger der Fianna. Heutzutage kann man ruhmreiche Heldentaten, von denen anno dazumal die Barden sangen, in Elden Ring erleben - und dabei selbst ein Halbwolf sein: Mit der Black Wolf Mask sieht man zumindest aus wie Blaidds kleiner Bruder. Ich hab sie gern getragen.


Literaturtipps: Demons, Druids and Brigands on the Irish High Crosses, Sally Tomlinson, 2019. Werewolves in Ireland, John Carey, 2002. Lexikon der keltischen Mythologie, Sylvia und Paul F. Botheroyd, 1995. Lexikon der keltischen Religion und Kultur, Bernhard Maier, 1994. Tales of the Ancients: Colonial Werewolves and the Mapping of Post-Colonial Ireland, Catherine Karkov, 2003. The Celtic Werewolf, Shannon Sin, 2012. The real story behind the Shetland wulver, Brian Smith, 2021. The White Devil: The Werewolf in European Culture, Matthew Beresford, 2013.



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