Vertiefung: Jules Verne und seine Science-Fiction

Nemo's War ist ein gutes Beispiel dafür, wie man ein Spiel auf Grundlage einer literarischen Vorlage so konzipieren kann, dass mehr als ein Rahmen für ein Szenario entsteht. Buch und Spiel gehen eine gewisse atmosphärische Symbiose ein, so dass man Lust bekommt, tiefer in dieses Thema oder vielleicht die Zeit des ausgehenden 19. Jahrhunderts abzutauchen. In der Rezension habe ich schon einige Bezüge angeschnitten. In dieser Vertiefung soll es um Jules Verne, seine Art der Science-Fiction und die Nautilus gehen - es gibt sie auch zum Hören bei Steady oder hier:



Jules Verne schlägt Karl May



In meiner Kindheit wurden mir manche Bücher einfach so ins Regal gestellt. Ich weiß gar nicht mehr genau, zu welchen Anlässen, aber es ging vermutlich auch um so eine Art pädagogische Dekoration - damit der verzockte Junge was zum Lesen hat. Jedenfalls hatte ich irgendwann auch die Gesamtausgabe von Karl May (1842 - 1912) im Zimmer - eine grüne Wand mit goldenen Lettern auf den Einbänden. Als Stöpske hab ich gerne Winnetou geschaut und Old Shatterhand fand ich cool. Aber als ich mich als Jugendlicher in die Bücher zu den Filmen einlesen wollte, gab ich nach einigen Versuchen auf. Was für eine Langeweile!


Ganz anders erging es mir mit den Abenteuern von Jules Verne (1828 - 1905). Die Reise zum Mittelpunkt der Erde (1864) und vor allem 20.000 Meilen unter dem Meer (1869) ließen mich viel eher beim Schmökern versinken. Obwohl der Franzose ein Zeitgenosse von Karl May war, beide also fast schon "ferne Literatur" für heutige Leser sind, verfügte er über eine ganz andere Sprache, besaß den besseren Humor und erzählte die interessanteren Geschichten. Der Vergleich ist vielleicht etwas unfair, denn dass Science-Fiction für einen Jugendlichen der 80er Jahre (hallo, Captain Future!) spannender ist als Western-Romane, dürfte nicht ungewöhnlich sein.



Der Vater und die Mutter der Science-Fiction


Aber heute kann ich sagen, dass der so genannte "Vater der Science-Fiction" aus der Hafenstadt Nantes auch der deutlich bessere Erzähler war. Denn die unglaublichen Ereignisse oder die wundersamen Technologien hätten ohne die greifbaren Charaktere und die spannenden Wendungen nicht diese Wirkung erzielen können. Wobei man betonen muss, dass es eine frühere "Mutter der Science-Fiction" gab, nämlich Mary Shelley (1797 - 1851). Auch wenn ihr Frankenstein als "Gothic novel" dem Horror zugeordnet wird, erfüllte die Britin bereits 1818 einige wichtige Merkmale, die man gemeinhin der Science-Fiction zuschreibt.


Immerhin ging es in dem Schauer-Roman auch um naturwissenschaftliche Experimente an Menschen, die letztlich dazu führen, dass Technologie künstlich Leben erzeugen kann - inklusive aller negativen Konsequenzen, also auch einer gesellschaftskritischen Betrachtung von Fortschritt. Vieles von dem, was Mary Shelley damals beschrieb und was seinerzeit für Empörung unter Zeitgenossen sorgte, ist mittlerweile medizinischer Alltag. Auch die Technologien, Gefährte und Apparate von Jules Verne beruhten meist auf einer glaubwürdigen Basis, die er kreativ erweiterte - und die sich später tatsächlich so entwickelten. Dazu gehört auch die Nautilus. Wer sie mal sehen will, findet übrigens ein schönes Modell sowie einige Hintergründe im Maritimen Museum in Hamburg.


Von der Fiktion zur Realität


Auch wenn Captain Nemo der mysteriöse Held der Geschichte ist, dessen Herkunft im Nebel liegt und dessen Name übersetzt "Niemand" bedeutet, ist sein berühmtes U-Boot natürlich der Hightech-Star. Als Jules Verne die Geschichte veröffentlichte, gab es zwar schon Unterwasserfahrzeuge - aber mit der Nautilus nimmt er einiges von dem vorweg, was erst Versionen des 20. Jahrhunderts kennzeichnen sollte. Selbst Beschreibungen von Kabeln in der Tiefsee gehören dazu. So einiges von dem, was seiner Fantasie entsprang, gehört heutzutage zum Alltag - oder hat sich bewahrheitet. Selbst die Abschussrampen für Raketen in Florida, die chemische Erneuerung von Sauerstoff und Bremsraketen gibt es bereits im Roman Von der Erde zum Mond (1865). Und wie konnte er sich dann so extrem mit der Meerestiefe vertun? Das beruht auf einem Übersetzungsfehler: Im französischen Original geht es um die unter Wasser zurückgelegte Strecke von 20.000 "Leugen" - was sogar 80.000 Kilometern entsprechen würde; aber eben als Reiseroute und nicht hinab.


Jules Verne erfand nicht einfach unglaubliche Geschichten, sondern studierte den Status quo der damaligen Technologie, so dass es plausibel wirkte. Nicht ohne Grund hat er sich in Professor Arronax, dem Erzähler des Romans, selbst als Forscher dargestellt. Es kann sogar sein, dass die ungewöhnliche Form sowie das spezielle Ausstiegssystem der Nautilus auf dem ersten von alleine auftauchbaren U-Boot beruhen. Das konzipierte ein nach Amerika ausgewanderter deutscher Ingenieur namens Julius Kröhl. Er bot es 1863 erfolglos den Nordstaaten im Unabhängigkeitskrieg (1861 - 1865) an. 1869 strandete seine "Sub Marine Explorer" schließlich vor der Küste Panamas. Dieses zwölf Meter lange U-Boot wurde 2005 analysiert und die britischen Experten waren überrascht angesichts der Ähnlichkeiten mit der Nautilus. Es war also nicht utopische Fantastik, sondern eher wissenschaftliche Fantasie, die seine Romane kennzeichnete.


Die Magie der neuen Technologie



Im Gegensatz zur populären Science-Fiction spielten die meisten seiner Abenteuer übrigens in der Gegenwart. Was sie neben den technologischen Spekulationen auszeichnete war durchaus eine gewisse gesellschaftliche Vision. Aus heutiger Sicht, mit dem Klimawandel sowie den schwindenden Ressourcen im Hinterkopf, wirkt die Industrialisierung und totale Vernetzung der Welt mit Schienen, Autos und Flugzeugen eher wie der Anfang vom Ende - und alles andere als romantisch.


Damals sorgten Erfindungen wie Ballone, Zeppeline oder Züge noch für ein Staunen und Träumen, denn plötzlich waren Dinge möglich, vor allem was das Reisen betrifft, die man ja nur aus Märchen oder Mythen kannte, wenn Helden oder Götter auf magischen Teppichen oder mit Sleipnir unterwegs waren.


Eine Reise um die Erde in 80 Tagen (1873)? Das war quasi Lichtgeschwindigkeit. Da fällt mir ein: Falls ihr es noch nicht kennt, empfehle ich euch wärmstens 80 Days von den Inkle Studios, mittlerweile für iOS, Switch und PC erhältlich - ein edel designtes, erzählerisch gehaltvolles und vor allem faszinierend offenes Reise-Abenteuer, das von Jules Verne inspiriert ist.


Ferne Literatur und Heldenreise


Wenn man seine Romane liest, spürt man - bei all dem süffisanten Humor - natürlich auch den konservativen Zeitgeist des ausgehenden 19. Jahrhunderts, der schon lange vor dem Ersten Weltkrieg von Nationalismus, Rassismus und Kolonialismus geprägt war. Jules Verne war ein aufgeklärter Gentleman, der sich auch über seine Landsleute amüsierte. Aber er mochte die Deutschen nicht besonders, Eingeborene sind meist Wilde und es gibt so einige Beschreibungen und Begriffe, die im heutigen Sprachgefühl sowie dem gestiegenen Bewusstsein für die Natur befremdlich wirken - da wird das Meer ausgebeutet und seine Bewohner abgeschlachtet. Nemo hat spezielle Waffen entwickelt, die unter Wasser besonders effizient sind.


Aber man darf den historischen Kontext nicht vergessen, zu dem ganz andere Mentalitäten gehören. Und nichtsdestotrotz ist Nemo ein anarchistischer Kapitän, der auf seine Art gegen den Imperialismus kämpft, der sich mit jedem verwandt fühlt, der gegen Herrscher rebelliert - damit steht er über den Nationen, zeigt mehr als Sympathie für Revolutionäre und Freiheitskämpfer seiner Zeit. Man kann diesen Kapitän nicht wirklich ideologisch festmachen, er vereint humanistische und tyrannische Züge, er bleibt als Charakter mysteriös. Er ist letztlich ein idealistischer Egoist, weltweit im Sinne der Wissenschaft und damit - auch im Bewusstsein seiner damaligen Leser - wesentlich aufgeklärter und globalisierter unterwegs als die beschränkten Nationalisten seiner Zeit. Er will keine Länder erobern oder sie ausbeuten, sondern Erkenntnisse gewinnen.


Jules Verne als großer Spieler


Dafür hat er ja sein ganzes Vermögen in die Nautilus investiert, um dem Alltag zu entfliehen und die Wunder der Welt zu erforschen. Letztlich ist Nemo damit ein Spieler par excellence, ein Egoist auf der Flucht vor dem Alltag, immer auf der Suche nach neuen Abenteuern. Jules Verne bedient in seinen Romanen einige Merkmale der Heldenreise, die in vielen Märchen und Sagen sowie mittlerweile fast überall in Buch, Film und Spiel als Struktur auftaucht - wenn ein Held seine Heimat verlässt, sich auf der Reise einem Geheimnis stellt, sich dabei entwickelt und quasi verwandelt zurückkehrt.


Aber Jules Verne knüpft auch überraschend häufig an Formen des Spielens an, sei es als Wettrennen, Rätsel oder Suche. Er war im Geiste ebenso ein großer Spieler wie manche seiner Figuren. Daher denke ich, dass dem 1905 in Amiens verstorbenen Schriftsteller und Abenteurer ein No Man's Sky ganz gut gefallen hätte.


Diese Vertiefung gibt es auch als Podcast bei Steady.

(Bilder von oben: Jules Verne um 1890, gemeinfrei; Kapitän Nemo nimmt den Höhenstand der Sonne auf, 1874, gemeinfrei; Wrack der »Sub Marine Explorer«, Foto von James P. Delgado auf Wikipedia, 2006; Von der Erde zum Mond, Henri de Montaut,1868, gemeinfrei; Illustration der Nautilus, Neuville/Riou, 1875, gemeinfrei)


 

Literaturhinweise:

Falls ihr euch etwas einlesen oder -hören wollt, findet ihr vieles kostenlos digital und die Auswahl in der Deutschen Nationalbibliothek mit über 2000 (!) Titeln ist riesig. Hier eine kleine Auswahl:


  • 20.000 Meilen unter dem Meer, Roman, dtv, übersetzt von Volker Dehs, 2009.

  • Jules Verne, Romane (4 Bände im Schuber), Anaconda, 2013.

  • Jules Verne und sein Werk: Des großen Romantikers Leben..., DvR, Max Popp, 2017.

  • 20000 Meilen unter den Meeren, Hörspiel, der Hörverlag, bearbeitet von Helmut Peschina, 2003.

  • 20.000 Meilen unter dem Meer, Hörbuch, Audible Studios, ungekürzte Ausgabe (17 Std.), gelesen von Jürgen Kluckert, 2009.

  • 20.000 Meilen unter dem Meer, Hörbuch (hier gratis), Ohrka, gekürzte Nacherzählung (2 Std.), gelesen von David Nathan, 2012.