Vertiefung: Carta Marina als Hintergrund

Wann hat man schonmal die Gelegenheit, eine (kleine) Vertiefung zu einem Hintergrundbild seiner Webseite anzubieten? Eben! Daher gönne ich mir einen Ausflug in die Welt der historischen Karten, in der die Carta Marina aus dem Jahr 1539 eine besondere Stellung einnimmt. Ich habe sie ausgewählt, weil sie sehr gut zu diesem Magazin passt: Sie steht für Geschichte und Sagenhaftes, für Neugier und Entdeckungen, sie zeigt Hamburg und darüber hinaus die weite Welt der Abenteuer.


Die Anziehungskraft von Karten


Gleich vorweg: Ich liebe Karten! Ich hab schon als Kind gerne Umrisse von Europa gezeichnet oder eigene Länder mit Grenzen, Flüssen und Städten auf dem Papier erfunden. Als wir dann mit Pen&Paper anfingen, mit DSA und D&D, konnte ich stundenlang über den Zeichnungen von Aventurien und Faerun brüten. Es wurde in den 90er Jahren noch schlimmer, als ich das grandiose Kartenwerk von HârnWorld entdeckte. Der Kanadier N. Robin Crossby (1954 - 2008) erschuf damit eine üppige mittelalterliche Fantasywelt, in der man von Kontinenten in Königreiche, von Städten in Burgen und Kerker zoomen konnte. Bis heute (nicht nur) ein kartografischer Schatz für Spielleiter!


Okay, zurück in unsere Welt. Aber ehrlich gesagt wurde es da nicht besser: Ich hab bisher fast jede Folge "Mit offenen Karten" auf ARTE gesehen - es gefällt mir, wie dort geopolitische Zusammenhänge anhand von interaktiven Karten veranschaulicht werden. Es ist also nicht verwunderlich, dass ich auch auf Karten in Videospielen sofort anspringe. Aktuell spiele ich immer wieder gerne Old World. Auch diese (richtig gute) 4X-Strategie von Mohawk Games hat übrigens ein berühmtes Hintergrundbild.


Old World und die Weltkarte des Idrisi



Da schwebt die Kamera nicht über fiktive orientalische Flüsse und Orte, sondern über einer Weltkarte des Mittelalters: Diese "Tabula Rogeriana" hat der Gelehrte Muhammad al-Idrisi im 12. Jahrhundert am Hof des Normannenkönigs Roger II. von Sizilien entworfen. Moment: Nachfahren der Wikinger in Süditalien? Richtig: an der Uni konnte ich tatsächlich mal eine Seminararbeit dazu schreiben. Jedenfalls beruht diese Karte teilweise auf Hörensagen der weit gereisten arabischen Kaufleute, teilweise auf dem Wissen des Griechen Claudius Ptolemäus (100 -160) aus dessen kartografischem Standardwerk: die "Geographie". Idrisis Karte zeigt sogar Klimazonen und galt lange Zeit als die detaillierteste Darstellung Eurasiens. Die oben sichtbare Variante steht auf dem Kopf, deshalb erkennt man ganz oben die afrikanische Küste und ganz unten rechts z.B. Skandinavien und Großbritannien.


Die Carta Marina und der sagenhafte Norden


Zwar ist die Carta Marina aus dem 16. Jahrhundert deutlich jünger, aber auch sie ist eine illustrierte Premiere - nämlich die erste genauere Darstellung der Länder Nordeuropas sowie des Danewerks. Das ist ein vom Dänenkönig im Frühmittelalter errichteter Wall, heute UNESCO-Weltkulturerbe, den man noch in Teilen bei Schleswig besichtigen kann. Hamburg und Buxtehude sind übrigens ganz unten in der Mitte zu sehen, darüber öffnet sich dann die weite Welt bis hoch nach Island und ins ferne Finnland.


Da hat Olaus Magnus bzw. Olof Månsson (1490 - 1557), der Bischof von Upsala, sehr gut auf seinen Reisen in den Norden recherchiert, auch indem er mit Seeleuten und Händlern sprach. Mit der Einführung der Reformation in Schweden musste er allerdings ins Exil nach Italien. Das war für das Füllen der Lücken sogar nützlich: Denn er nutzte ähnlich wie Idrisi wohl die "Geographie"des Ptolemäus. Auf Grundlage dieser Quellen wurde die Karte schließlich in Rom fertig gestellt, 1539 in Venedig gedruckt und veröffentlicht. Diese handkolorierte Version stammt aus dem Jahr 1572:


Kennt ihr die Kinderbücher "Wo ist Walter?" von Martin Handford? So fühlt man sich als Historiker, wenn man mit der Lupe über dieser Fülle an Details nach Hinweisen sucht. Es ist erstaunlich, wie viele kleine Orte und Häfen erkennbar sind, dazu Küstenverläufe und Gewässer oder Namen wie "Tile", also das legendäre "Thule". Hinzu kommen viele Tiere vom Wal über Orkas und Fischotter, dazu Wappen und Namen historischer Könige. Letztlich ist diese Karte auch ein politisches Zeugnis einer turbulenten Zeit, in der sich Religionskonflikte anbahnen, die letztlich zum Dreißigjährigen Krieg (1618 - 1648) führen sollten.


Natürlich ist nicht alles korrekt und manche Siedlung geografisch falsch, aber aus der damaligen Perspektive war das schon eine Art Google Earth. Wenn man genauer hinein zoomt, werden wie in einem Comic kleine Geschichten erzählt: Ein Hamburger Schiff feuert oben links auf eines aus Schottland, jemand in Norwegen misst mit einem Senklot die Meerestiefe, Rentiere werden gemolken und es gibt Sagenhaftes samt Ungeheuern.



Auch ein berühmter Held wie Starkad ist dabei, der im Beowulf, der Gautreks Saga und in der Skaldendichtung erwähnt wird - selbst altnordische Runen wurden auf dieser Karte des 16. Jahrhunderts (!) von einem katholischen Geistlichen (!) eingezeichnet.


Es gibt immerhin noch zwei Exemplare des Originals von 1539; eines in der Bayrischen Staatsbibliothek München, das andere in der Unibibliothek von Uppsala, die sie auch hoch aufgelöst digitalisiert anbietet. Ich könnte noch viel mehr erzählen! Aber bevor das hier zu weit führt: Jetzt versteht ihr vielleicht, warum ich diese Carta Marina für die Spielvertiefung auswählen musste.

Bild oben: Tabula Rogeriana, Aus den überlieferten Einzelblättern zusammengefügte, lateinisch transkribierte Gesamtkarte von Konrad Miller,1926. Bild unten: Handkoloriertes Faksimile der Carta Marina aus der James Ford Bell Library an der Universität von Minnesota, Minneapolis, 1949.