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Mit Armored Core VI in die Antike

Weil mich die Kampfroboter ganz unverhofft dazu gebracht haben, ein wenig historische Recherche zu betreiben, und ich mich dabei wie ein Kind auf einer Schatzsuche gefühlt habe, das viel gestöbert, sich dabei halb verirrt und letztlich zu wenig Verwertbares gefunden hat, gibt es einen Nachtrag zur Rezension von Armored Core VI.


Aus der habe ich nämlich einiges gestrichen, weil es mir zu viel oder zu sperrig für die Argumentation erschien. Oder anders: Das las sich sehr schlecht und seltsam fragmentiert. Ich war froh, als ich endlich einen besser lesbaren Zugang gefunden hatte, auch wenn ich all den gestrichenen Passagen ein wenig hinterher trauerte.


Es geht ja in der Einleitung um zwei Traditionen, an die FromSoftware anknüpft, darunter neben der eigenen Firmengeschichte und der Soulsreihe die antiken Vorstellungen. Ich gehe dann nur kurz auf das Feuer als Metapher und den so genannten Weltenbrand ein, der bei den Griechen Ekpyrosis genannt wurde - ich kannte bis dahin nur Ragnarök. Apropos: Die Podcast-Reihe zur germanischen Mythologie liegt nur auf Eis, weitere Folgen sind geplant.


Eine Welt in Flammen passte jedenfalls gut zu den einleitenden Worten des Spiels, zu "Feed the Fire." und "Let the last cinders burn.", denn laut Story ist Rubicon ein ehemals (vor 50 Jahren) verbrannter und erneut gefährlich glimmender Planet, dem je nach Entscheidung des Spielers erneut ein überaus zerstörerisches Schicksal bevorsteht.


Zwar reichen die Vorstellungen eines Weltenbrandes wohl weiter zurück als bis zu den Griechen, vielleicht bis ins alte Babylon oder als religiös apokalyptische Vorstellungen zu den iranischen Zarthustriern, bei denen sich der heute so etablierte Gegensatz zwischen Gut und Böse herausbildete. Aber diese Pfade führten viel zu weit weg von der Story des Spiels.


Heraklit, Hendrick ter Brugghen (1628), gemeinfrei.

Zunächst kam ich über das Feuer und die Weltvortsellung zum griechischen Philosophen Heraklit (520 - 460 v.Chr.), den ich ohnehin sehr mag. Oder zu dem, was Clemens von Alexandria (150 - 215 n.Chr.) ihm viele hundert Jahre später in einem Fragment mit der Nummer B30 zuschreibt. Da heißt es:


"Diese Weltordnung, dieselbige für alle Wesen, hat kein Gott und kein Mensch geschaffen, sondern sie war immerdar und ist und wird sein ewig lebendiges Feuer, nach Maßen erglimmend und nach Maßen erlöschend."


Ein schöner Satz. Der hätte zwar zu (mindestens) einem der drei Enden von Armored Core VI gepasst (was ich da noch nicht wusste), aber war damit eher für das Finale als den Einstieg der Rezension geeignet. Und vielleicht hätte er zu viel verraten? Ich hab es später versucht, aber es klappte nicht mit dem Text und schließlich mussten Göttervater Zeus und der Titan Prometheus im Einstieg herhalten.


Genauso wenig wie Heraklit hat es übrigens Caesar in den Text geschafft, obwohl eine viel offensichtlichere Spur aus Armored Core VI über antike Namen direkt nach Rom führt. Und auch ohne Feuermetaphern passen sie gut zur Story, in der es ja um Machtkonflikte und Gier, um fehlende Lernfähigkeit des Menschen und die daraus resultierenden Folgen für die Welt geht.


Der Rubikon war bekanntlich ein Grenzfluss zwischen dem Kernland Italiens mit seiner Hauptstadt Rom und dem stückweise eroberten Norden mit den Südalpen, aus dem bald die Provinz Gallia cisalpina wurde. Und diese Bezeichnung hat sich (in Anspielung an die dort vermuteten Kelten) während der Herrschaft Sullas (139 - 78 v.Chr.) etabliert.


Dem schrieb man wiederum als Feldherr und Diktator eine gewisse Grausamkeit und Härte zu, um seine etablierte Macht zu erhalten. Und, Überraschung: Sulla heißt auch ein feindlicher und überaus aggressiver Kampfroboter-Pilot, der dem Spieler als "armseligen Hund" in diesem Konflikt recht früh den Tod prophezeit. Damit wollte ich einen Bezug herstellen. Allerdings ist das kein Leitmotiv der Namengebung, denn andere Piloten heißen einfach Rusty oder Nosaac, haben also keine Verbindung zur Antike. Sprich: Miyazaki & Co haben auch einfach wild gemischt - und auf Bezeichnungen aus alten Armored Cores zurückgegriffen.


Es blieb nur noch der Rubikon selbst. Mit diesem Fluss wird die bis heute etablierte Metapher für eine Grenzüberschreitung gebildet, den Caesar 49 v.Chr. illegal mit seinen Legionen überquerte, um mit diesem Tabubruch sowohl Rom als auch dem Senat den Krieg zu erklären. Als ich die Story damit verbinden wollte, hätten sich aber zwei mögliche Grenzüberschreitungen angeboten.


Einmal die der Menschheit hin zur Auslöschung von Planeten, und einmal die des Spielers, der irgendwann als Kampfroboter so stark ist, dass er wie Caeasar die etablierte Macht herausfordern und sogar vernichten kann. Und so wie sich aus der antiken Metapher ein psychologisches Modell aus vier Handlungsphasen (Heinz Heckhausen, 1987) ergeben hat, steht auch der Spieler ab dem dritten Kapitel vor Abwägungen und Entscheidungen, die für den Ausgang der Story wichtig sind und nach denen es kein Zurück mehr gibt.


Aber als ich das irgendwie einflechten wollte, hatte ich mich schon hoffnungslos zwischen der Argumentation und Spoiler-Problemen verloren. Aber was ich zu dem Zeitpunkt noch gar nicht ahnte, weil ich es einfach nicht freigeschaltet hatte: Der Kreis zur Antike schließt sich ganz wunderbar mit dem Namen eines von drei möglichen Enden. Es heißt: Alea lacta Est. Der Würfel ist geworfen. Diese berühmten Worte legte Sueton dem Caesar in den Mund, als dieser den Rubikon überschritt und noch nicht sicher sein konnte, wie sein gefährliches Spiel ausgeht. Tja, das hätte hervorragend gepasst. FromSoftware beweist hier mal wieder ein gutes Gespür für die Relevanz der Namen, die genau so wie Videospiele wunderbare Tore in die Vergangenheit öffnen können. Aktuell geht es mir so mit Book of Hours, aber das ist eine andere Geschichte.


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1 Comment


Qugart
Qugart
Aug 29, 2023

Platon ging ja nur minimal später den zu Heraklit entgegengesetzten Weg. Er war ein bekennender Fan (könnte man so sagen) des Kataklysmos: Die große Überschwemmung, die die Welt beendet. So berichtet er im Timaios ja doch ausführlich über den Untergang von Atlantis.

Und auch die späteren Aramäer gedachten der Sintflut. Die wird dann in der Septuaginta (Gen 6,17) auch mit Kataklysmos (κατακλυσμὸν) übersetzt.

Wobei bei den Griechen das Weltende nicht zwangsweise als endliches Endergebnis zu sehen war, sondern eher der Abschluss eines Zyklus. So folgte nach dem Kataklysmos bzw. der Ekpyrosis sehr oft eine Palingenese, eine Wiedergeburt.

Selbst in der neueren Physik (erst 2002) hat sich nun auch ein ekpyrotisches Universum zu den bestehenden kosmologischen Modellen gesellt (Steinhart/Turok; der Südafrikaner,…


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