Rezension: Dorfromantik (PC)

Dorfromantik? Das hört sich eher an wie ein Stil in der Malerei als ein Spiel. Außerdem klingt es schon fast exotisch, weil kaum ein Spiel abseits der seltsam erfolgreichen Alltagssimulationen einen Namen in unserer Sprache trägt. Vielleicht ist es ja sogar hinsichtlich seines Charakters typisch deutsch? So eine Art naives Anno? Oder ist es digitale Stadtflucht? Ich versuche zu ergründen, warum das simple Auslegen einer Landschaft für fast meditativen Spielspaß sorgt.



Unvollständiges Gemälde

Dorfromantik macht auf den ersten Blick mit seiner schlichten, aber eindringlichen Ästhetik neugierig. Man schaut zwar auf eine Landschaft im Nichts, aber dass sie nicht einfach steril und leer, sondern schon in Ansätzen lebendig und einladend wirkt, liegt an der idyllischen Präsentation: Man wird von freundlichen Farben und dezenten Klavierklängen begrüßt, winzige Vogelpaare gleiten über den Horizont. So entsteht das Gefühl, ein unvollständiges Gemälde zu betrachten.


Alles fängt klein an, mitt im pastellfarbenen Nirgendwo.

Außerdem ist es ein sehr einfaches Spiel, das sofort zum Mitmachen animiert. Um ein einsames Hexfeld herum ist noch viel Platz, während an der Seite ein Stapel mit vierzig Kärtchen wartet. Also schnappt sich eines davon und legt es an eine der sechs freien Seiten an. Es ist eigentlich egal wo, allerdings kann man es vorher drehen. Irgendwann gibt es keine Karten mehr und dann heißt es Game Over. Das war es schon. Natürlich erinnert das umgehend an das Brettspiel Carcassonne, mit dem Klaus-Jürgen Wrede im Jahr 2000 einen Klassiker konzipierte.

Entspanntes Puzzeln

Toukana Interactive gelingt es jedoch, aus der Inspiration heraus etwas Eigenes zu erschaffen. Sie kopieren nicht plump, sondern knüpfen an und lassen das territoriale Erobern über Bauern z.B. komplett weg. Sie entwickeln kreativ weiter, so dass dieses Auslegen von Teilen und Vervollständigen einer Landschaft auf ganz andere Art unterhält - zumal der Effekt der Entspannung aufgrund der digitalen Inszenierung deutlich dominanter ist als am Tisch. Aber warum macht dieses simple Puzzeln spielmechanisch Spaß?

Die Landschaft wächst, aber kann man die 32 Teile frühzeitig über das Erfüllen von Aufgaben erweitern?

Vielleicht, weil sich so bestehende Flüsse, Wälder oder Siedlungen erweitern lassen, damit zusammenhängende Areale entstehen, während man fast nebenbei belohnt wird. Erweitert man einen Fluss auf zwei oder ein Dorf auf drei Teile, klingeln die ersten Bonuspunkte und man bekommt mehr Karten - verlängert also die Spielzeit. Hinzu gesellen sich langfristige Aufgaben, die man irgendwann meistern kann. Es gibt also sowohl Trophäen als auch Punkte, aber diese offensichtliche Berieselung ist nicht so penetrant wie in manchen mobilen Spielen.

Bob Ross lässt grüßen

Man fühlt sich fast wie ein Maler, der mal hier oder dort einen anderen Farbtupfer setzt, nur um dann ein paar Meter zurückzugehen und dann zu schauen, was sich als Nächstes ergibt. Es fehlt nur noch Bob Ross, der das naive Bild zwischen Flüssen und Wiesen mit aufmunternden Sprüchen kommentiert. Schon nach wenigen Teilen merkt man, dass man nicht wirklich etwas falsch machen kann, denn selbst wenn man den einen Bonus nicht einheimst, wartet ja schon der nächste. Und man ertappt sich dabei, wie man einfach um der Harmonie und nicht um der Punkte willen etwas anlegt.

Nur 5590 Punkte? Da geht aber noch mehr - über 20.000 sind möglich.

Trotzdem wird der Ehrgeiz gekitzelt, denn es gibt zum einen perfekte Platzierungen, wenn tatsächlich sechs Ecken eines Teiles in eine offene Lücke passen - das wird dezent visualisiert, indem passende Seiten hell leuchten. Also lohnt sich auch das vorausschauende Auslegen, zumal es auch durch den Zufall begünstigt Sackgassen geben kann, so dass eine Zuglinie nicht weiter geführt oder Weizenfelder nicht mehr wachsen können. Immerhin gibt es eine Undo-Funktion und wer jederzeit frei entscheiden will, legt einfach im Kreativ-Modus los.

Kompetitive und freie Spielmodi

Nur im Standard-Modus sowie im schnellen sowie kniffligeren Modus, in dem etwas mehr ungewöhnlichere Teile im Stapel warten, wird die Höchstpunktzahl gespeichert. Nach den ersten drei, vier Versuchen fragt man sich jedenfalls, ob man so eine Landschaft nicht noch besser gestalten könnte. Dass das nicht zu schnell langweilig wird, liegt auch an den freischaltbaren Plättchen. Zunächst hat man lediglich Ebenen, Wälder, Felder, Dörfer sowie alle möglichen Mischformen, also auch wenige Häuser mit Bäumen oder Flüsschen oder Wiesen mit etwas Zugstrecke zur Verfügung - hier wird die Auswahl immer größer.

Also noch ein Versuch...es gibt übrigens drei Biome: Standard, Lavendel und Fjord.

Nach dem Tutorial schaltet man umgehend die Windmühle frei, bald kommen weitere Spezialkarten wie Wasserbahnhöfe, Lavendelbiome, Fjorde & Co hinzu. So wird der Aquariumeffekt zwar immer stärker, also das genüssliche Beobachten kleiner Abläufe. Aber die taktischen Möglichkeiten beim Auslegen halten sich in Grenzen und selbst wenn kleine Animationen wie Segelboote oder Dampfloks für mehr Leben sorgen, ist das über Unity inszenierte PC-Spiel letztlich kein Kandidat zum grnüsslichen Reinzoomen in einen Mikrokosmos voller Details; es wirkt eher wie ein richtig gut designtes mobiles Spiel, das übrigens auch wunderbar auf dem iPad funktionieren würde. Und es bietet im Kreativ-Modus so viel Raum zur freien Gestaltung, dass man z.B. die Karte der Sieben Königslande oder reale Landschaften nachbilden kann - die Community hatte schon in der Phase der Early Access einige Kunstwerke angefertigt.

FAZIT

Dorfromantik ist Zen-Gaming für Landschaftsarchitekten: Von Kuhmuhen, Hahngekrähe und Klavierklängen begleitet fühlt man sich fast wie ein Maler, wenn man meditativ Landschaften gestaltet - es fehlt nur noch Bob Ross, der das naive Gemälde kommentiert und zu waghalsigen Experimenten wie etwa einem Wasserbahnhof mitten im Wald animiert. Auf den ersten Blick lässt zwar Carcassonne spielmechanisch grüßen, aber die Berliner haben einen ganz anderen Schwerpunkt gesetzt als der Brettspielklassiker. Hier geht es trotz der Aufgaben und Punkte eher um die Harmonie und die Ästhetik einer Landschaft, deren Anblick trotz der Schlichtheit einfach Freude bereitet. Auf lange Sicht mag dem Auslegen von Teilen die Puste ausgehen, außerdem wird das Hineinzoomen nicht von einem lebendigen Gewusel belohnt. Aber Dorfromantik ist ein richtig gutes Spiel, mit dem man wunderbar entspannen kann. (Das PC-Spiel von Toukana Interactive kostet knapp 12 Euro, wurde beim Deutschen Computerspielpreis ausgezeichnet und am 28. April auf Steam und GoG veröffentlicht. Bilder: eigene Aufnahmen.)