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Rezension: Elric

Heute erscheint Elric als neu übersetzte sowie illustrierte Gesamtausgabe bei Fischer Tor für 69 Euro. Acht Romane von Michael Moorcock befinden sich in dem gebundenen, fast 1200 Seiten starken Buch. Schon ihre Titel öffnen Pforten in eine andere Welt: Elric von Melniboné, Die Festung der Perle, Auf der See des Schicksals, Der Zauber des Weißen Wolfs, Die Schlafende Magierin, Die Rache der Rose, Der Fluch des Schwarzen Schwertes und Sturmbringer.




Bildgewaltige Odyssee


Wer die Romane kennt, wird sofort Szenen vor Augen haben, denn diese Fantasyaga gleicht einer bildgewaltigen Odyssee. Nur dass der tragische Held dieser Reise klassische Muster sprengt: Er ist ein bleicher Elfenkaiser mit blutroten Augen, der zwar auf Drachen reiten, Dämonen beschwören und Schwerter meisterhaft führen, aber im nächsten Augenblick vor Schwäche zusammenbrechen und an der Welt sowie sich selbst verzweifeln kann. Er ist wissbegierig und mutig, aber kein muskulöser Athlet wie Conan, sondern schlank und chronisch krank.


Die Unterschiede zwischen dem vor Kraft strotzenden Cimmerier von Robert E. Howard und diesem dahin siechenden Gelehrten wurden im Kontext der damaligen Zeit noch stärker empfunden. Sehr früh zeigt sich in ihm ein Gegenentwurf zum etablierten Männlichkeitsideal. Allerdings ist dieses Bild ein wenig verzerrt, denn Elric ist alles andere als ein Schmendrick, dem zunächst der Mut fehlt. Zwar verbindet ihn das Melancholische sowie die körperliche Schwäche mit dem Zauberer aus Das Letzte Einhorn (1968), aber er ist ein mächtiger Magier, zieht gnadenlos in den Kampf und gilt als einer der besten Schwertkämpfer seines Reiches. Wenn man so möchte, repräsentiert er auch eine Art tragischen Übermenschen im Sinne Nietzsches.


Trotzdem personifiziert er in erster Linie einen der ersten Anti-Helden, zumindest innerhalb der modernen Fantasy. Sein Widerstand richtet sich gegen sein komplettes Erbe, also gegen gesellschaftliche, religiöse und nationale Konventionen - er stellt quasi alles in Frage, auch sich selbst und seine Familie. Er tauchte das erste Mal im Juni 1961 im britischen Magazin Science Fantasy in der Novelle The Dreaming City auf. Michael Moorcock war da gerade mal 21 Jahre jung, aber schon seit Jahren als Schriftsteller aktiv und im internationalen Austausch, u.a. mit Fritz Leiber (1910-1992). Aus einem Briefwechsel der beiden entsteht sogar die erste Benennung von "Sword and Sorcery" als neue Untergattung im Kontrast zur "High Fantasy" eines J.R.R. Tolkien.


Moorcock selbst hatte übrigens "Epic Fantasy" für Geschichten im Stile von Conan vorgeschlagen, aber Leibers Definition setzte sich durch. Er definierte sie so: "In der Schwert- und Zauberei steht meist etwas Persönliches auf dem Spiel, und die Gefahr beschränkt sich auf den Moment der Erzählung. Die Schauplätze sind in der Regel exotisch und die Protagonisten oft moralisch kompromittiert." Er selbst sollte diesem Subgenre ein paar Jahre später die wunderbaren Geschichten von Fafhrd und dem Grauen Mausling schenken. In diesen Erzählungen um den hünenhaften Barbaren und den kleinen Dieb geht es nicht um heroische Weltrettung oder königliches Pathos, sondern um situative Spannung sowie all zu menschliche Angelegenheiten.


Sword & Sorcery


Offiziell gehört auch Elric in dieses Subgenre der Sword & Sorcery. Und trotz seiner philosophischen Ader folgt er letztlich dem ewigen Kampf zwischen Chaos und Ordnung, schmeißt sich quasi in jede Quest. Er ist zwar ein schwermütiger Grübler, aber auch abenteuerlustig. Er findet Gefährten und erlebt mit ihnen schwankhafte Abenteuer, darunter so einige heikle Situationen in engen Gassen und Katakomben, mit schrecklichen Monstern und verzauberten Katzen, die auch wunderbar in eine Rollenspiel-Kampagne passen würden.


Aber Michael Moorcock sprengt mit seiner Erzählweise noch deutlicher den Rahmen als ein Robert E. Howard oder Fritz Leiber, wenn das Dämonische und Außerweltliche in die Realität des Helden einbrechen, wenn manchmal fast das Utopische am Horizont sichtbar wird. Aber nur fast, denn für finale Gerechtigkeit, soziale Träumerei oder gar persönliche Erlösung hat er diese Fantasywelt nicht erschaffen. Aber letztlich sind Genrebezeichnungen ohnehin müßig, es gibt nur gute oder schlechte Geschichten. Und Elric gehört defintiv in die erste Kategorie.


Die in dieser Gesamtausgabe enthaltenen Geschichten sind in ihren Urfassungen zwischen 1972 und 1991 entstanden. Und ähnlich wie bei anderen Schrifstellern, die über so viele Jahre an ihrem Epos schrieben, man denke etwa an Stephen King und seine Turm-Saga, merkt man den späteren Romanen Moorcocks eine gewisse Reife hinsichtlich des Stils und auch der Gedanken an. In dieser Gesamtausgabe wurden sie in der Reihenfolge ihrer Ereignisse sortiert und auf Grundlage der seit 2013 von Michael Moorcock angepassten Texte von Hannes Riffel ins Deutsche übertragen. Der renommierte Übersetzer wurde für seine Arbeit mehrmals mit dem Kurd-Laßwitz-Preis ausgezeichnet. Und es war wichtig, so einen erfahrenen sowie im Genre der Phantastik bestens belesenen Autor zu engagieren.


Neue Fassungen von Klassikern oder populären Romanen können ja bekanntlich spalten. Man denke an die große Kontroverse um die deutsche Version von Moby Dick, die Friedhelm Rathjen 2004 bei Zweitausendeins vorlegte. Oder an den Unmut über die Verdeutschungen von Das Lied von Eis und Feuer bei Blanvalet, als seit 2010 aus Jon Snow ein Jon Schnee und aus Casterly Rock ein Casterly Stein wurde.


Ich werde jetzt anhand von Beispielen auf die Übersetzung von Riffel eingehen, aber so viel kann ich vorwegnehmen: Elric liest sich wunderbar, eleganter und klarer als anno dazumal.



Vergleich der Übersetzungen


Diese Übersetzung folgt allerdings den 2013 angepassten Texten der Michael Moorcock Collection, so dass meine direkte Gegenüberstellung mit der bisherigen deutschen Version von Thomas Schlück, die er ab 1979 auf Grundlage der älteren Texte Moorcocks anfertigte, vielleicht etwas unfair ist. Aber nur so viel: Ich hab auch diese damals verschlungen. Ich stelle immer erst die bisherige Übersetzung von Schlück voran und lasse dann jene von Riffel folgen:


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Alt, Seite 13:


Es hat die Farbe eines ausgebleichten Schädels, sein Fleisch; das lange Haar, das gut schulterlang herabfällt, ist milchig-weiß. Aus dem schmal zulaufenden schönen Kopf starren schräge Augen rot und bedrückt, und aus den weiten Ärmeln seines gelben Gewandes ragen zwei schmale schlanke Hände, ebenfalls knochenbleich, und ruhen auf den Seitenlehnen eines Sitzes, der aus einem einzigen riesigen Rubin gestaltet ist.


Neu, Seite 8:


Sie hat die Farbe eines ausgeblichenen Schädels, seine Haut; milchweiß fällt ihm das lange Haar bis über die Schultern. Aus seinem schmalen, wohlgeformten Kopf starren, blutrot und mürrisch, zwei leicht schräg stehende Augen, und aus den weiten Ärmeln seines Gewandes kommen zwei zarte, bleiche Hände zum Vorschein, um auf den Armlehnen eines Thrones zu ruhen, der aus einem einzigen riesigen Rubin geschnitten ist.


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Alt, Seite 32:


Cymoril blickte in Elrics bleiches Gesicht, das einen Augenblick lang durch aufzuckendes Himmelsfeuer erleuchtet wurde, und sie spürte eine Kälte im Leibe, einen Frosthauch, der nichts mit dem Wind oder dem Regen zu tun hatte, denn in diesem Augenblick wollte ihr scheinen, als wäre der sanftmütige Gelehrte, den sie liebte, von den Elementen in einen höllenbesessenen Dämon verwandelt worden, in ein Monstrum. das kaum noch menschliche Züge aufwies. Die roten Augen leuchteten im Weiß seines Schädels wie die Flammen der Höheren Hölle; das Haar wurde emporgepeitscht zum Busch eines unheimlichen Kampfhelms, und der Mund schien im trügerische n Licht des Unwetters wie in einer Mischung aus Zorn und Qual verzerrt zu sein.


Neu, Seite 31:


Cymoril erhaschte einen Blick auf Elrics bleiches Antlitz, das vom Aufleuchten des Himmelsfeuers aus dem Halbdunkel gerissen wurde, und sie fröstelte, was nicht Wind und Regen geschuldet war, denn in jenem Moment schien es ihr, dass der sanfte Gelehrte, den sie liebte, von den Elementen in einen von der Hölle gesandten Dämon verwandelt worden war, in ein Ungeheuer, das kaum noch Ähnlichkeit mit einem Menschen hatte. Seine blutroten Augen loderten Flammen gleich in seinem weißen Schädel; seine Haare wurden nach oben gepeitscht, so dass sie der Zier eines Kriegshelms ähnelten. Das Gewitterleuchten hatte seinen Mund zu einer Mischung aus Zorn und Pein verzerrt.


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Alt, Seite 102


Das Schiff bewegte sich sanft im Boden, als befände es sich auf einem Fluss, und die Erde unter dem Kiel wogte zur Seite, als wäre sie vorübergehend zu Wasser geworden. (...) Das Schiff-das-Über-Land-und-Meer-Fährt war nicht besonders groß. Jedenfalls war es um ein Beträchtliches kleiner als eine melnibonéische Kampfbarke und nur wenig größer als eine Galeere aus dem Süden. Aber seine Anmut, der Schwung seiner Linien, die stolze Pracht seiner Umrisse - dafür gab es keinen Vergleich. Schon waren die Gangways herabgelassen worden, und die Vorbereitungen für die Reise liefen an.


Neu, Seite 82:


Das Schiff segelte gemächlich durch den Boden wie auf der Oberfläche eines Flusses, und die Erde unter dem Kiel schlug Wellen, als würde sie vorübergehend in Wasser verwandelt. (...) Das über Land und Wasser fahrende Schiff war nicht besonders groß. In der Tat war es ein ganzes Stück kleiner als eine goldene Kriegskaravelle und nur wenig größer als die Galeeren der Südländer. Aber seine Anmut, die schwungvollen Linien und stolze Haltung - in dieser Hinsicht konnte es kein anderes Schiff mit ihm aufnehmen. Schon wurden die Landungsstege herabgelassen und alle Vorbereitungen für die Reise getroffen.


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Alt, Seite 159/60:


Die Waffen gaben einen singenden Ton von sich. Ihre Stimmen ertönten nur schwach, waren aber deutlich zur hören. Elric hob mühelos die riesige Klinge, drehte sie hierhin und dorthin und bewunderte ihre fremdartige Schönheit.

"Sturmbringer", sagte er.

Und er empfand Angst. Urplötzlich war ihm, als wäre er eben neu geboren worden, als wäre dieses Runenschwert mit ihm auf die Welt gekommen. Es war, als wären sie nie getrennt gewesen.


Neu, Seite 123:


Die Schwerter sangen. Ihre Stimmen waren leise, aber deutlich zu vernehmen. Elric hob die gewaltige Klinge mit leichter Hand, drehte sie hierhin und dorthin und bewunderte ihre fremdartige Schönheit. "Sturmbringer", sagte er.

Und dann empfand er große Angst. Plötzlich war es, als wäre er wiedergeboren worden und dieses Runenschwert mit ihm. Als wären sie nie getrennt gewesen.


+++


Ich denke, dass diese neue Übersetzung sehr gelungen ist. Der Vergleich dieser Passagen zeigte vielleicht ganz gut, wie sich über die Wortwahl auch die Sprachmelodie verbessert hat. Letztlich kann man Elric auch immer noch in der älteren Übersetzung gut lesen. Aber die Beschreibungen fließen hier klarer und eleganter, die Szenen wirken manchmal greifbarer.


Ich habe nur kleinere Flüchtigkeitsfehler gefunden. Auf Seite 19 heißt es: "Bevor er fünfzehn war, hatte er sämtliche Bücher in der Bibliothek seines Vaters verschlugen, manche davon mehr als einmal." Und auf Seite 23: "Wenn die Etikette es erlaubten, würde er ihr den Thron anbieten, aber (...)"


Prominente Fans & Inspirationen


Wer sich einstimmen will, kann übrigens auch prominenten Stimmen lauschen. Jede Geschichte wird mit einem Vorwort eingeleitet, darunter lesenswerte Anekdoten von Neil Gaiman, Tad Williams oder Kai Meyer. Dass sie voll des Lobes sind und diesen 1939 in London geborenen Schriftsteller in den Olymp der Fantasy tragen, liegt an der zeitlosen Anziehungskraft seines einzigartigen Helden, an seiner poetischen Ausdrucksweise und natürlich dem großen Einfluss, den seine Geschichten bis heute auf die Fantasy ausüben. Holly Black hat sich in Elric verliebt, für Tad Williams ist er Religion und Neil Gaiman wurde gar ein anderer Mensch.


Viele von euch werden die Abenteuer des Elric von Melniboné längst kennen. Und nicht wenige werden sich während der Lektüre in ihm wiedererkannt haben; vielleicht mehr noch als in einem Frodo oder Aragorn, einem Geralt von Riva oder Drizzt Do'Urden. Das tragische Echo des bleichen Elfen hallt ja in einigen Charakteren der Fantasy nach, manchmal sind es nur Nuancen des Äußeren, manchmal ist es die innere Zerrissenheit. Er konnte so viele inspirieren, weil er zu seiner Zeit der mit Abstand ungewöhnlichste und bemerkenswerteste Held war. Und wenn man ihn heute liest, mit all seinem Widerwillen gegen Autorität und Tradition, hat er vielleicht an Aktualität gewonnen.


Immerhin stiehlt er mit seinem Charisma und seiner moralischen Ambivalenz, in der auch das Unmenschliche offenbar wird, schon seit über 60 Jahren neugierige Seelen. Er wurde in den 70er Jahren literarisch berühmt und in den 80er Jahren auch in Deutschland bekannt. Gefragt nach der Inspiration nannte Michael Moorcock u.a. Bertolt Brechts Dreigroschenoper, Poul Andersons Das zerbrochene Schwert, Mervyn Peakes Gormenghast und Tolkiens Die Kinder Húrins. Mittlerweile ist er selbst nicht weniger als eine lebende Legende. Der heute über 80-Jährige erhielt zig Auszeichnungen sowie Ehrentitel, wurde im Jahr 2000 für sein Lebenswerk geehrt und gilt vielen als der wichtigste Fantasy-Autor nach dem Oxforder Professor.


Poetischer Schreibstil


Sein Stil ist natürlich ein komplett anderer, er malt regelrecht Szenen, mal in zauberhaft exotischer Art, mal in barock historisierender Pracht. Mal fühlt man sich wie in einem Theaterstück, mal wie in einem Gemälde und für die nötige Bodenhaftung sorgen immer wieder abenteuerliche Szenen voller Kampf und Erkundung, die auch Rollenspieler ansprechen. Und obwohl es sich letztlich um ein Epos handelt, kommt Moorcock immer recht schnell zur Sache. Wer diesen Elric liest, wird jedenfalls nicht erst hundert Seiten benötigen, um in seine Welt einzutauchen und ihn, seine große Liebe und seine Gefährten, seine Feinde und Flüche kennen zu lernen.


Bedenkt man die lange Zeit, in der seine Geschichten mehrere Generationen an Lesern prägen und zig Schriftsteller inspirieren konnten, darunter auch Andrzej Sapkowski und seinen Hexer, ist es schon erstaunlich, wie wenig direkte Spuren man von ihm in der Popkultur findet: Es gibt weder ein Videospiel noch einen Kinofilm. Zwar war beides geplant, Ersteres bei Psygnosis schon in den 90ern, dann Anfang der 2000er eine filmische Trilogie bei Universal Pictures, aber daraus wurde nichts. Wenn man die Pen&Paper-Rollenspiele in seiner Welt mal außer Acht lässt, tauchte Elric lediglich in der Musik, u.a. bei Hawkwind sowie Blind Guardian, und schon seit 1968 des Öfteren im Comic auf.


Dass dieser markante Charakter fast ein mediales Schattendasein führt, mag an seiner Komplexität liegen, vielleicht daran, dass er in konservativen Kreisen nicht Everybodys Darling war oder an einer Welt, die das Epische und Dämonische, das Brutale und Zauberhafte auf surreale Art vereinen und damit schwer abzubilden sein kann. Auch wenn es Königreiche, Drachen und Ritter gibt, Schlachten zur See und an Land, inszeniert sie keine mittelalterliche Low Fantasy à la George R.R. Martin und auch keine High Fantasy à la Tolkien, in der tapfere Gefährten ausziehen, um die Welt vor dem Bösen zu retten.


Was das Epos mit Elric gemein hat, ist allerdings der Tod als ein zentrales Motiv; auch wenn er bei Tolkien nicht sofort als solches spürbar, bei Elric hingegen schnell bis hin zu selbstmörderischen Tendenzen thematisiert wird. Sowohl in Der Herr der Ringe als auch hier wirken die vergangenen Jahrtausende, mitsamt der Taten all der Verstorbenen, bis in die Gegenwart nach. So ähnlich wie die Ringe der Macht sind auch die beiden Schwerter, Trauerklinge und Sturmbringer, nicht nur mächtige Artefakte, die das Schicksal der Gegenwart und Zukunft beeinflussen, sondern Zeugen einer mythischen Vergangenheit.


Phantastik und Rollenspiel


Elric teilt natürlich viele Aspekte mit anderen Gattungen der Fantasy. Und es gibt schon im ersten Roman stimmungsvolle Szenen, die umgehend Assoziationen wecken. Darunter ein Bankett, das an den Tanz der Vampire erinnert, melancholische Momente, die an Das Letzte Einhorn denken lassen, oder explizite Folterszenen, die das Unmenschliche in Elric zeigen. Dann fühlt man sich an einen Zeichentrickfilm von Miyazaki erinnert, wenn ein magisches Schiff über Land segelt und dabei die Erde durchpflügt oder ein Elemantargeist wie ein riesiger Baum erscheint. Und als der Dämon Arioch auftaucht, musste ich unweigerlich an den Erzteufel Raphael sowie den Pakt der Hexenmeister aus Baldur's Gate 3 denken. In einem berühmten Abenteuermodul von Dungeons & Dragons wurden ja auch seine Runenschwerter verewigt - siehe diese Erkundung: Ein Bumerang von Baldur's Gate zum Berg der Weißen Feder.


Elric ist Phantastik im besten Sinne, in der die Natur auf archaische Art von Geistern beseelt ist, Chaosfürsten auf die Geschicke der Menschen einwirken und Zeit sowie Raum von uralten Mächten durchbrochen werden. Aber der Star ist natürlich auch der Held selbst: Hilflos ohne seine Medizin, entwurzelt von seiner Tradition und selbst seinen engsten Vertrauten fremd, irrlichtert dieser schwermütige Philosoph durch Königreiche und außerweltliche Ebenen, auf der Suche nach Antworten und sich selbst. Er trotzt seinem Erbe, er trotzt jeglicher Erwartung und kämpft verzweifelt gegen das Schicksal, das sich in Gestalt zweier Schwerter offenbart. Selbst die Herrschaft dieser magischen Klingen, die wie in germanischen Sagen nach Blut schreien und unglaubliche Macht versprechen, erkennt er nicht an, obwohl es doch so leicht wäre. Er ist als Held ein ebenso trotziger wie träumender Anarchist.


Cover & Illustrationen


Von der Bebilderung habe ich allerdings mehr erwartet, auch vom Cover. Ich frage mich ohnehin, warum deutsche Verlage künstlerisch so selten mit den angelsächsischen Motiven der Fantasy und Science-Fiction mithalten können. Ich mag zwar die kontrastreiche Farbwahl des Covers, mit der tobenden Schlacht im vergilbten Hintergrund, aber Elric hat in seiner schwarzen Rüstung fast gar keinen Ausdruck, wirkt statisch und nicht prägnant genug, zumal er sein Schwert hält, als wäre es ein Fremdkörper. Ja, er war kein Conan, aber er war ein meisterhafter Kämpfer, seit seiner Jugend an der Klinge ausgebildet. Es gibt so viele bessere Portraits, die ihn sowohl in seiner grazilen Art als auch als Kämpfer darstellen.


Es gibt auf den folgenden Seiten über ein Dutzend Illustrationen in unterschiedlichen Stilen, von der eher unspektakulären kleinen Szene in Schwarzweiß bis hin zum farbigen Portrait, mal an ein Metal-Cover der 80er erinnernd, mal als angenehm ausdrucksstarke Zeichnung, wie einige von John Picacio oder jene sehr gelungene von Brom auf Seit 181. Sie passen thematisch nicht immer zu dem, was man gerade gelesen hat oder was noch folgt. Natürlich soll das kein Comic werden, aber ich hätte einen besseren inhaltlichen Bezug von Bild und Text als Bereicherung der Lektüre empfunden; so blättert man zu oft einfach weiter.


Die doppelseitige Farbkarte der jungen Königreiche gefällt mir sehr gut, auch wenn ich den klobigen Schrifttyp für Elric nicht mag und der Kompass zu plump designt ist. Lobenswert ist, dass selbst hier auf der Karte einiges gegenüber der Taschenbuch-Ausgabe von Heyne neu übersetzt wurde: Aus der Seufzerwüste wurde Seufzende Steppe, aus Kochendes Meer wurde Die Sengende See und es gibt sogar zusätzliche Einträge im Süden, wie etwa "Nach Kaneloon und zum Weltenrand". Abgeschlossen wird die Ausgabe von einem Quellennachweis aller Erstdrucke sowie der Vorworte, von denen jene von Markus Heitz sowie Kai Meyer neu angefertigt wurden. Last but not least mag man mich einen Puristen nennen, aber was ich schmerzlich vermisse, ist ein Zeichenband, um Lesestellen zu markieren - so ein Stückchen blutroter Stoff hätte dieser Ausgabe sehr gut zu Papier gestanden.


Comic als Alternative



Abschließend noch eine Empfehlung für Comic-Liebhaber, denn Elric ist 2021 als überaus prächtige Gesamtausgabe bei Splitter erschienen. Das Besondere ist, dass die Geschichte der Romane zwar verkürzt, aber dennoch sehr werktreu erzählt wird; ins Deutsche übersetzt von Tanja Krämling. Das Ganze wird von tollen Zeichungen und Kolorierungen von Didier Poli, Robin Recht und Jean Bastide in düsterer Monumentalität inszeniert, der Comic wurde von Michael Moorcock persönlich abgesegnet. Es macht einfach Spaß, sich durch diese bildgewaltige Fantasy zu schmökern. Wer also zu wenig Zeit für die Lektüre des kompletten Epos hat, aber das Wesentliche erfahren will, liegt mit diesem Band goldrichtig. Er fasst die vier seit 2013 veröffentlichten Teile auf 240 Seiten zusammen und kostet 39,80 Euro.


Fazit


Ich kann diese Gesamtausgabe von Elric nur wärmstens empfehlen. Kaum sah ich den bleichen Elfenkaiser auf Seite 18 in seinem Rubinthron, kaum widersetzte er sich wenige Zeilen später trotzig der Tradition und segelte hinaus, von all den inneren und äußeren Dämonen begleitet, war es wieder um mich geschehen - ich versank komplett im Sessel. Warum wieder? Weil ich einige seiner Geschichten schon vor Jahrzehnten verschlungen habe. Aber der poetische Stil und die Fantasywelt von Michael Moorcock kommen in dieser neuen Übersetzung noch besser zur Geltung. Vielleicht sind sie auch einfach zeitlos unwiderstehlich. Außerdem kann ich endlich die komplette Saga aus einem Guss lesen. Auch wenn ich vom Cover nicht begeistert bin, bei den Illustrationen einige Luft nach oben sehe und als Purist ein Leseband vermisse, wurde dieses Meisterwerk der Fantasy so gut aufs Neue ins Deutsche übersetzt, dass eine elegantere Sprachmelodie spürbar wird. Hannes Riffel hat hier jedenfalls ausgezeichnete Arbeit geleistet. Falls jemand die Abenteuer von Elric nicht kennt, möge er jetzt jubeln, dieses Buch grinsend erwerben und es als magische Pforte nutzen. Aber Vorsicht: Dieser tragische Held bricht auch heute noch mit all zu heroischen Erwartungen.


(Bildquelle: Elric, gebundene Ausgabe, Fischer Tor, eigene Aufnahmen)

12件のコメント


joba
joba
2023年11月06日

Vielen lieben Dank für die schöne Rezension! Ich habe mich an Elric bisher nie heran getraut. Solch tausendseitige Brocken passen nicht mehr zu meinen Lesegewohnheiten. Häufig lese ich heute die englischen Ausgeben oder lasse mir ein Hörbuch vorlesen. Dazu dieser Pile-of-Shame von tollen Büchern, die ich noch lesen möchte. 😉 Aber du hast mich mit diesem Beitrag und dem Vergleich der Übersetzungen doch sehr angefixt. Ist ja bald Weihnachten...

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Ich kann mich nur anschließen, vielen Dank für die Rezension: Ich habe mir die Gesamtausgabe geholt und bin begeistert.

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Farcimen
Farcimen
2023年11月02日

Ich war bislang noch nie in dem Gerne unterwegs. Aber ich war von deinem Bericht und auch eurem Podcast, wo ihr nochmal das Buch angeschnitten habt, wirklich angefixt und habe es mir gekauft. Die ersten Kapitel lesen sich wirklich wunderbar und ich ertappe mich, wie ich immer wieder einzelne Passagen mir auch laut vorlese - die Beschreibungen sind wirklich extrem wortgewaltig. Danke für den großartigen Tipp! Auch hier zeigt sich wieder, dass man nicht an der Neuigkeitenfront mitschwimmen muss - es gibt so viele versunkene Schätze zu bergen! :)

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Jörg Luibl
Jörg Luibl
2023年11月03日
返信先

Super, das freut mich.

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Andy
Andy
2023年10月28日

Obwohl ich schon seit Teenie grosser Fantasy-Fan bin, ist Elric irgendwie total an mir vorbei. Habe ihn und sein Gesamtwerk bis zu deiner grandiosen Rezension überhaupt nicht gekannt.

Das Buch musste ich sofort haben und es liegt nun bereits bei mir. Im Dezember beziehe ich zwei Wochen Ferien, in denen ich als Ferienprojekt das Buch in einem Rutsch durchlesen will. Ich freue mich schon jetzt sehr, in diese Welt einzutauchen.

Auch der Comicband spricht mich sehr an. Den werde ich mir bestimmt auch noch kaufen - aber erst nachdem das Buch gelesen ist. Die Bilder will ich mir zuerst mal selber im Kopf ausmalen.

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Dr Kuolun
Dr Kuolun
2023年10月27日

Vielen Dank für die ausführliche Beschäftigung mit dem Werk! In der sehr bildhaften Beschreibung erkennt man sofort den Elric, der mich damals als Fantasy-Frischling zwischen Michael Ende, Hohlbein und Tolkien mit seiner Melancholie - und Schwierigkeit, ihn zu greifen - ganz schön erwischt und den Vorhang ziemlich aufgezogen hat.


Die sprachliche Gegenüberstellung ist gelungen und liest sich in der neuen Version um Weiten geschmeidiger. Aber so geschwungen die Texte auch klingen, selbst in der neuen Version werden mich die Bandwurmsätze abends müde im Bett lesend herausfordern (Lang lebe das Semikolon). Bei aller Freude: Ob ich immer so einen Wälzer in der Hand haben muss zum Lesen, weiß ich nicht. Das wirkt schon ganz schön wuchtig und unhandlich. Die Comicversion wa…

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