Rezension: South of the Circle (PC, PS4/5, XBS, SW, iOS)


Wie verhält man sich als Mann, wenn es um Leben und Tod geht? Wenn man von Vorgesetzten zum Chauvinismus genötigt wird? Oder wenn die Karriere zum Verrat an einer Frau führen würde? Und inwiefern kann die Liebe in den gesunden Krieg gegen gesellschaftliche Konventionen führen? South of the Circle entführt als Erzählspiel zwar in die 60er Jahre, aber stellt zeitlose Fragen über das Rollenverständnis, Gewalt und Beziehungen, die bis heute aktuell sind. Zuerst über Apple Arcade veröffentlicht, ist es mittlerweile für etwa 13 Euro für PC und Konsolen verfügbar.




Absturz im Kalten Krieg


Die Reise ins Ich beginnt für Peter Hamilton mit einem Flugzeugabsturz. Im Jahr 1964 sitzt der britische Akademiker in einer kleinen Propellermaschine, die ins Eis der Antarktis kracht. Zwar überlebt er zusammen mit dem Piloten Floyd, aber der stöhnt vor Schmerz - sein Bein ist hoffnungslos eingeklemmt. Zu allem Unglück gibt es auch keinen Funkkontakt. Was soll man bloß machen?


Schon nach wenigen Sekunden muss man als Spieler in dieser Extremsituation reagieren. Aber South of the Circle ist kein Survival-Abenteuer mit nützlichen Handgriffen, sondern ein Erzählspiel, das sehr wenig praktische, sondern vor allem kommunikative und emotionale Reaktionen erfordert. Der erfahrene Pilot gibt Anweisungen und macht Vorschläge.


Alles übrigens auf Englisch, von sehr starken Stimmen eingesprochen: Dazu gehören u.a. Anton Lesser aus Game of Thrones, Gwilym Lee aus Bohemian Rhapsody oder Richard Goulding aus The Crown. Die Texte wurden sauber ins Deutsche übersetzt, auch wenn es hier und da mal Fehlerchen gibt. Während sie erscheinen, tauchen oben am Bildschirm in Echtzeit ein bis drei farbige Symbole auf, über die man antworten kann.



Gespräche über Symbole


Es gibt also keine klassischen Dialoge, sondern lediglich rote Kreise, graue Quadrate, lila Punkte, hellblaue Ringe oder gelbe Sonnen. Ihre Bedeutung muss man herausfinden, indem man sie ausprobiert. Damit hat man nie die volle Kontrolle über die Antwort, aber schnell wird man bemerken, dass sie für eine Haltung oder Emotion stehen, die je nach Symbol von einfühlsam bis kritisch, von ängstlich, optimistisch bis pragmatisch reicht.


Zwar bleibt das manchmal etwas schwammig und bietet nicht immer eine Auswahl, was ärgerlich sein kann. Aber es macht Spaß, damit im Smalltalk zu experimentieren. Hier erinnert South of the Circle entfernt an die Gespräche aus Firewatch. Auch wenn es letztlich nicht so kreativ designt ist, ist man hier ähnlich intuitiv fühlend und weniger analytisch lesend, auf ein Ziel hin fixiert eingebunden. Man kann quasi auch mal wild quatschen und nichts falsch machen, weil man statt A entweder B oder C gewählt hat.


Blauer oder roter Kreis? Wie soll man antworten? Es gibt keine Texte zur Auswahl.

Nach ein paar Versuchen wird man z.B. bemerken, dass der verletzte Floyd die schnelle Tat bevorzugt: Als Peter seine Sorge um dessen Gesundheit ausdrückt oder gar Angst zeigt und bei ihm bleiben will, wird er ungehalten. Er appelliert an ihn, dass er sich jetzt zusammenreißen und beweisen müsse. Also wählt man irgendwann das einzig übrige Quadrat, antwortet pragmatisch und verlässt das Flugzeug. Schließlich ist man ja kein Weichei, oder? Irgendwo im Schneegestöber leuchtet ein rotes Licht, da muss die britische Station sein, also Abmarsch.


Mann oder Memme?


Die uralte Frage nach Mann oder Memme wird nicht nur im Einstieg gestellt: Sie ist ein Leitmotiv, das sich neben dem Krieg und der Liebe durch das Abenteuer zieht. Wenn Peter im ewigen Eis nach Hilfe sucht, hat er entweder mit Floyd per Funk Kontakt, der ihn streng antreibt, oder er wird von Flashbacks eingeholt. Sie führen zurück bis zu seiner ersten Begegnung mit Clara im Zug, die zum Schmunzeln köstlich inszeniert wird. Oder bis in seine Kindheit, als sein autoritärer Vater ihm Auge um Auge, Zahn um Zahn predigte. Dort entstehen eher beklemmend realistische Szenen, die den psychologischen Druck auf Peter samt der Hilflosigkeit der Mutter ausdrücken.

Die Kulisse ist reduziert, aber stimmungsvoll.

Für seinen Vater ist der einzige Sohn, der sich eher für Bücher als Sport interessiert, ein hoffnungsloser Schwächling. Selbst an der Universität in Cambridge wird er diese männlichen Rollengeister nicht los, denn auch sein Doktorvater und einige seiner Kommilitonen erwarten von ihm Härte und Rücksichtslosigkeit. Auch gegenüber Frauen, die im akademischen Betrieb höchstens als Sekretärin oder Flirtobjekt taugen. Erfolg und Macht heiligen letztlich jedes Mittel - selbst wenn es in den Verrat oder Krieg führen würde.


Filmische Regie


Obwohl das Team von State of Play bisher nur kleine, aber feine Puzzle-Games für iOS entwickelt hat, überrascht es mit einer markanten Ästhetik, die sich über Pastellfarben auf klare Formen beschränkt, und einer reifen filmischen Präsentation. Sie wechselt immer wieder geschickt die Perspektive und zeigt ansehnliche Kamerafahrten, die einen mitnehmen in schummrige Büros oder an helle Uferpromenaden, in die schottischen Highlands und natürlich die weiße Einsamkeit der Antarktis.


Dort fährt man auch mal aktiv, kann den Wagen nach links oder rechts lenken, oder stapft durch den Schnee, wobei man lediglich ein fernes Ziel anklicken muss. Diese Phasen der einsamen Reise, in der man einen Gipfel am Horizont sieht und nur von dezenter Klaviermusik begleitet wird, erinnern fast ein wenig an Journey. Zwar ist South of the Circle wesentlich schlichter designt, es gibt auch einige technische Defizite wie Ruckler oder Clippings, aber die teils abstrakte Kulisse wirkt mit ihrem reduzierten Zeichentrickstil angenehm harmonisch.

Liebe im Kalten Krieg


Dazu trägt auch die Regie bei, denn sie wechselt die Zeitlinien in eleganten Überleitungen, so dass sich durch Peters Blicke auf markante Gebäude oder Gegenstände plötzlich Fenster in die Vergangenheit öffnen. Und dort begegnet man neben der Frage der Männlichkeit einem weiteren Leitmotiv: dem Krieg bzw. dem Patriotismus, der über Soldatenspielzeug und die britische Flagge stets als Symbol im Hintergrund präsent ist.

Obwohl Story und Kulisse dazu animieren, gibt es kaum Erkundungen.

Zumal die Briten in der Antarktis eine sowjetische Aggression vermuten, weshalb Peter dort nicht nur an seinem Wolkenthema forschen, sondern als Agent der Regierung die Augen offen halten soll. Schließlich ginge es für ihn darum, ob er für oder gegen Großbritannien sei. Also schon wieder Mann oder Memme. Und was sagt er eigentlich dazu, dass seine frische Flamme Clara mit einer kommunistischen Agentin befreundet ist? Will er sie nicht besser verlassen?

Gefangener seiner Zeit


So zieht die von Luke Whittaker geschriebene Story geschickt eine Linie vom familiären zum politischen Konflikt. Zu ihren Stärken gehört, dass die Liebe ein Ausweg aus dem Dilemma sein kann, eine zeitlose Hoffnung. Denn mit ihr kann man sich ja vielleicht von den toxischen Wurzeln trennen, die bis in die Kindheit zurückreichen - aber die von der eigenen Intuition sowie einer weisen Frau hinterfragt werden. Allerdings kann man als Spieler nicht wirklich frei und konsequent handeln. Dass Peter ein Gefangener seiner konservativen Zeit zu sein scheint, wird durch das Dialogsystem noch verstärkt, wenn es, wie erwähnt, manchmal nur eine Antwort bietet.

Clara hilft Peter bei seiner Doktorarbeit - und ist seine große Liebe.

Zwar darf man kritisch reagieren und versuchen seinem Professor ordentlich Paroli zu geben, aber man kann nicht wirklich rebellieren oder gar ausbrechen. Das wäre von diesem kleinen Spiel allerdings erstens zu viel verlangt und ist zweitens im Kontext der Story sogar unrealistisch. Und immerhin gibt es Schlüsselsituationen, in denen die Antwort wie ein charakterliches Merkmal gespeichert wird - etwa was Peter in der ersten Begegnung mit Clara sagt, ob er eitel auf seinen Doktortitel verweist oder ihr etwas feierlich verspricht. All das fließt als Symbol in eine Leiste an Schlüsselerlebnissen ein.

Zu wenig Erkundungen


So gut South of the Circle vielleicht sogar sensibilisiert, so gut es seine Leitmotive Männlichkeit, Krieg und Liebe verwebt und so souverän es all das filmisch präsentiert, erreicht es als Erzählspiel letztlich nicht die Anziehungskraft eines What Remains of Edith Finch oder Firewatch. Das liegt nicht daran, dass es mit seinen wenigen Interaktionen nicht weit von der Statik einer Visual Novel entfernt ist, sondern dass es letztlich zu wenig Erkundungen am Rande zulässt.


Nach dem Flugzeugabsturz erlebt Peter eine Reise ins Ich - mit vielen Rückblicken.

Dieses gefühlte Defizit entsteht nur deshalb, weil die Story ja auch ein Mysterium konstruiert, in dem es um verlassene Stationen und geheime Außenpolitik geht. Aber obwohl das stark nach Krimi riecht und obwohl einige Situationen in den Forschungsgebäuden fast danach schreien, darf man nie investigativ sein. Zwar schaut man sich auch mal in Räumen um, kann gerade zu Beginn einige Gegenstände ansehen und Notizen lesen, so dass man geködert wird. Aber das wird irgendwann komplett aufgegeben und es gibt letztlich keine Rätsel. Manchmal wird man regelrecht weiter gescheucht, scheint alles durchschaut zu haben, aber mit jeder Etappe steuert die Story selbst auf ein finales Mysterium zu.

Fazit


Dass ich letztlich sehr gut von South of the Circle unterhalten wurde, liegt daran, dass der Kern dieses emotionalen Erzählspiels, also die Geschichte von Peter, mit all seinen Erinnerungen an seine Kindheit, sein Studium und seine Liebe, noch eine Überraschung parat hat. Die Story verwebt nicht nur geschickt familiäre und politische Konflikte, sondern ist bis hin zur Auflösung gelungen. So entsteht mit der filmreifen Präsentation ein harmonisches Erlebnis, das mit seinen Leitmotiven der Männlichkeit, des Krieges und der Liebe zum Nachdenken anregt. Und es ist verblüffend, wie nachvollziehbar und natürlich die Dialoge über die vier Stunden wirken - gerade jene mit Clara, in denen es nicht in erster Linie um Politik geht, sondern auch um Zwischenmenschliches und die kleinen Dinge. Aber schon die können bekanntlich sehr wichtig sein, vor allem in einer Beziehung, in der es manchmal gar nicht um das Gesagte, sondern eher um die emotionalen Untertöne geht. (Bilder: South of the Circle, offizielle Screenshots, iPad. Zuerst über Apple Arcade veröffentlicht, ist es mittlerweile für etwa 13 Euro für PC und Konsolen verfügbar.)