Nordwasser: Die Bestie Mensch

Ich habe kürzlich in Auf einen Whisky 017 mit dem Philosophen Samuel Ulbricht über Moral und Ethik in Spielen gesprochen - das war eine sehr interessante Diskussion, in der es darum ging, inwiefern man auch das Handeln in einer fiktiven digitalen Welt unter moralischen Gesichtspunkten betrachten kann. Was hätte Immanuel Kant wohl dazu gesagt? Stecken Spieler in einem Dilemma? Eingangs ging es um das Unwohlsein, das selbst harmlos anmutende Situationen bei Spielern auslösen können - ich erwähnte das Jagen von "putzigen" Tieren, das für manche problematischer ist als ein Kill in einem Shooter. Auf einer ganz anderen Ebene können uns Spiele wie This War of Mine oder The Last of Us: Part 2 beschäftigen. Im Laufe der Diskussion ging es um Verbrechen wie Folter oder Vergewaltigung, auf die wir noch emotionaler bis hin zur Abscheu reagieren.


In diesem Zusammenhang erwähnte ich ein Buch namens "Nordwasser", das ich zur Seite legen musste, um einige Szenen sacken zu lassen. Der Roman von Ian McGuire erschien 2019 auf Deutsch bei Goldmann, nachdem er drei Jahre zuvor als Bestseller der New York Times gelistet war. Ich kann ihn wärmstens empfehlen, wenn man Autoren wie Cormac McCarthy (All the Pretty Horses, No Country for Old Men, Die Straße) und ihren knallharten Stil mag.


Aufmerksam geworden bin ich auf darauf, weil ich mich mit dem Klassiker Moby Dick beschäftige. Auch in "Nordwasser" geht es um ein Walfangschiff, das 1853 von Manchester aus in See sticht, als der Walfang mit Seglern und Harpunen durch Dampfschiffe und der Bedarf an Tran so langsam durch Elektrizität ersetzt wurde. Die Besatzung jagt kein weißes Ungeheuer, sondern hat es an Bord: das Monster Mann.


Obwohl man durchaus einige Gemeinsamkeiten zu der Erzählung von Herman Melville finden kann, zeigen sich die Unterschiede in der Figur des Harpuniers: Konnte der Polynesier Queequeg als exotischer Held empfunden werden, sorgt Henry Drax gleich zu Beginn des Romans dafür, dass man die Perspektive einer eiskalten Bestie teilen muss. Erst danach wechselt man in die Sicht eines irischen Arztes, der vor seiner blutigen Vergangenheit in der britischen Armee flieht - und der dachte, er habe im Krieg alles gesehen.


Auch wenn ich in der Überschrift von der "Bestie Mensch" spreche, geht es nicht um Gewaltexzesse. In seinem Kern ist "Nordwasser" eine Kriminalgeschichte, in der markante Charaktere mit eigenen Vorstellungen von Moral und Ethik aufeinander treffen. Auch wenn es überaus stimmungsvolle Schilderungen gibt, die Hafen, Schiff und Wetter lebendig werden lassen: Ian McGuire romantisiert nicht, sondern lässt die Zeit der Industrialisierung, Kolonialkriege und Ausbeutung in all ihrer Konsequenz sichtbar werden - es geht um Mord, Bereicherung und vor allem um Terror.


Dass mir unwohl wurde, lag nicht einfach an der Brutalität einiger Situationen: In meinen Regalen schlummert nahezu alles an Horrorliteratur. Aber Ian McGuire beschreibt die Gewalt, die gegen Mensch und Tier ausgeübt wird, so eindringlich, dass ich das Buch wie erwähnt zur Seite legen musste - das letzte Mal ist mir das in "Die Straße" passiert. Ähnlich wie Cormac McCarthy übertreibt er nicht plump, sondern nutzt eine klare Sprache, die das Grausame und Monströse unserer Spezies entlarvt. Dieser Roman ist stilistisch sehr gut, inhaltlich spannend, überraschend und regt zum Nachdenken über Mensch sowie Moral an.


Mehr Lesetipps findet ihr im Forum, dort tauschen sich Steady-Abonnenten auch über Literatur und Comics aus. Vielen Dank an alle, die sich seit dem Start von Spielvertiefung beteiligen - ich hab schon einige Schätze entdecken können.