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Rezension: The Talos Principle 2 (PC, PS5, XBS)

Ein schmächtiger Roboter steht vor einem antiken Koloss, der in Ketten gefesselt ist. Er erinnert an Prometheus, der den Menschen das verbotene Feuer brachte und von Zeus in den Kaukasus verbannt wurde. Allerdings sucht ihn hier, im Hauptmenü von The Talos Principle 2, kein Adler auf, um von seiner Leber zu fressen, sondern ein Androide mit einer kleinen Lampe, um ihn zu studieren. Oder will er ihm helfen wie einst Herkules? Und falls ja, was befreit er da?



Vertrautes und Unbekanntes


Schon hier zeigt sich eine der großen Stärken dieses Spiels: Es weckt mit seinen monumentalen Bildern, mit dem Kontrast aus mythologisch Vertrautem und futuristisch Unbekanntem sofort die Neugier. Und das auf eine überaus elegante und ästhetisch anziehende Art. Der Spieler schlüpft in die Rolle des hoch entwickelten, aber staunenden Kindes, das vor einem uralten Geheimnis der Welt steht. Auch später fühlt man sich im Angesicht von übergroßen Statuen und brutalistischer Architektur oft wie ein Zwerg auf Sinnsuche. Aber man wird davon nicht überwältigt, sondern regelrecht angelockt, zu spielerischer Erkundung und Interaktion eingeladen.


Dieses Abenteuer spannt zwar einen gewaltigen Bogen von den Ideen der Antike bis zu einer Zukunft, in der die Menschheit längst körperlich ausgestorben ist und als Geist in Maschinen weiterlebt. All das wirft natürlich Fragen nach der Art des Untergangs sowie der Unsterblichkeit auf, die schon Mythologien, Religionen und Philosophien stellten, und die im so genannten Transhumanismus bis heute diskutiert werden. Zwar wird das auch angesprochen, zumal die Geschichte ja an den ersten Teil anknüpft. Aber man muss The Talos Principle (2014) oder diese Theorien nicht zwingend kennen, denn man wird stückweise an das Vergangene erinnert und langsam auf das Neue vorbereitet.


Man beginnt die Reise als frisch geborener Androide, der wie ein PC mit Betriebssystem gestartet wird, während man von der altväterlichen Stimme eines gewissen Elohim begrüßt wird, der schon im Vorgänger einer von nur zwei sprechenden Charakteren war. Falls man ihn nicht mehr kennt, wird man schon hier zur Recherche animiert. Laut der hebräischen Bibel ist sein Name neben Jahwe eine Bezeichnung für den Schöpfer. Also stellt man sich in der Gestalt eines humanoiden Hightech-Roboters die bizarre Frage: Spricht da ein Gott mit mir? Oder die KI eines Rechenzentrums? Elohim stellt sich zunächst nur als Freund vor. In seinem Garten darf man dann die ersten Schritte in Ego- oder Schultersicht machen, um sich an Rätseln zu beweisen.


Die Geburt im Rätselgarten


In diesem Tutorial knobelt man in einer ägyptisch wirkenden Tempelanlage mit Statuen von Anubis. Aber das ist nur ein kleiner Vorgeschmack auf die spektakulären Bauwerke und Landschaften, die man in den folgenden 30 Stunden erkundet. Das sporadische Flackern sowie die gefühlte Sterilität deuten ohnehin darauf hin, dass das kein realer Ort ist; als störend empfand ich übrigens die QR-Codes an Wänden und ich war froh, dass man später darauf verzichtet. Elohim bekräftigt dann mit gutmütiger Stimme, dass das nur ein Traum sei. Hier erlernt man das Spielprinzip, indem man auf Kisten springt und diese bewegt, Laser sowie Umwandler einsetzt, Schalter bedient und Luftschleusen benutzt. Im Vergleich zum ersten Teil wirkt die Steuerung durchdachter und bietet sinnvolle visuelle Hilfen, wie z.B. Zielorte in Form roter Fußabdrücke - sobald man sie sieht, springt man automatisch hinauf.


Man lernt zunächst die Grundprinzipien der Rätsel.

Man bewegt sich auf PlayStation 5 flott und präzise, kann sprinten und springen, zwischen Ego- und Schultersicht wechseln und überwindet versperrte Wege zu den glitzernden Belohnungen. Kaum ergattert man eine, wird man wie ein gelehriges Kind gelobt. Die an Tetris erinnernden Steine öffnen als Set von drei, vier oder fünf Teilen neue Areale, falls man sie korrekt sortiert in ein Raster einfügt. Sie sind eine kleine Hommage an den Vorgänger, die laut Elohim den Prozess der Schöpfung "seiner Leute" symbolisieren sie. Diese "Brüder und Schwestern" würden in New Jerusalem schon darauf warten, die historische Geburt des Spielers zu feiern. An dieser Stelle fühlt man sich vielleicht noch wie das robotische Versuchskaninchen einer esoterisch-digitalen Sekte.


Aber man ist nicht irgendwer, sondern die Nr. 1000, kurz 1K genannt. Man ist quasi der letzte Neuankömmling, mit dem die Evolution beendet und die Zivilisation vollständig sei. Aber warum muss man erst durch diese Rätselsimulation? Warum ist die Stadt nach Jerusalem benannt? Und wieso ist man überhaupt der letzte Androide? Wartet da irgendwo ein Raumschiff mit begrenzten Plätzen? Der Rucksack an Fragen wird voller, wenn man in seiner neuen Heimat ankommt. Sie wirkt wie eine in Weiß strahlende futuristische Utopie, wie ein letztes Reservat oder ein neuer Vorposten nach der Apokalypse. Unter der gigantischen Kuppel müssten laut Adam Riese 999 weitere Androiden leben. Und diesmal ist es nicht das Hauptmenü, auch kein göttlicher Name, sondern diese sauber geordnete Science-Fiction-Siedlung, die umgehend anlockt.


Schöne neue Welt


Man sieht dort nicht alle Androiden auf einmal, sie bewegen sich nur einzeln oder in kleinen Gruppen, aber sie tragen neben der Nummer, die quasi ihr Alter verrät, auch eigene Namen. Manche wandern über die breiten Alleen, manche stöbern in Museen mit Ausstellungstücken, spielen sitzend Musik oder verkaufen etwas. Man beobachtet hier keine belebten Straßen, es gibt kein robotisches Gewusel und man kann nicht jeden ansprechen, aber sie grüßen und zeigen eigenen Charakter; es gibt sogar Katzen. Und je nachdem, was man grübelnden Androiden in einem Gespräch rät, ob sie sich z.B. beruflich verändern sollen oder nicht, wirkt sich das aus, wenn man New Jerusalem ein weiteres Mal besucht - es lohnt sich also auch, achtsam zu erkunden und zu antworten.


Man kann in New Jerusalem auch Gesprächen zuhören.

Dass diese schöne neue Welt nicht ganz so harmonisch tickt wie sie aussieht, und dass es unterschiedliche Meinungen gibt, merkt man nicht nur bei der Begrüßung durch den Bürgermeister, sondern auch an kleinen Protestaktionen und in Gesprächen - es scheint sogar schon Intrigen zu geben. Schnell stellt sich heraus, dass es eine gewisse Unsicherheit angesichts des Verschwindens der Statdtgründerin Athena, der Nr. 0001, gibt und dass sich politische Fraktionen gebildet haben, die ihr Vermächtnis unterschiedlich deuten. Rund um den Bürgermeister wollen die Leute den Status quo bewahren und sich nicht weiter ausbreiten. Denn die Ausbeutung der Erde hat die alte Menschheit ins Verderben der Erderwärmung getrieben - deshalb also die Begrenzung auf 1000. Gleichzeitig gibt es streng religiöse Gruppen, die Athena so absolut wie eine Göttin verehren, hinzu kommen einige freiheitliche Strömungen, die weiter forschen, expandieren oder aus der Kuppel ausbrechen wollen.


Dann sorgt ein ungewöhnlicher Zwischenfall auf der eigenen Geburtstagsfeier für weitere Brisanz: Denn plötzlich manifestiert sich die Gestalt des Prometheus am Himmel. Der gefesselte Titan aus dem Hauptmenü spricht als körperlich geformte Partikelwolke zu den Bewohnern, man solle sein Feuer suchen und sich auf weitere Herausforderungen einstellen. Dass gerade dieser rebellische Freund der Menschen hier auftaucht, der sich gegen Zeus' Verbote auflehnte und ihnen das Wissen in Form des Feuers brachte, sorgt übrigens für einen tollen Bezug zu aktuellen Diskussionen. Denn Peter Sloterdijk thematisiert genau das in seinem Buch Die Reue des Prometheus: Von der Gabe des Feuers zur globalen Brandstiftung.


Auf der Geburtstagsfeier erscheint ein Überraschungsgast...

Aber in diesem Spiel muss man sich nicht nur seine eigenen Gedanken machen, sondern sie flexibel anpassen und verbiegen, denn schon bald muss man so richtig um die Ecke denken. Denn kaum hat man den Ursprung des Signals und eine seltsam starke Energiequelle auf einer Insel weit weg von New Jerusalem geortet, soll dieser mysteriöse Ort erkundet werden. Alles ist in Aufregung, denn eigentlich sollte es außerhalb von New Jerusalem keine Zivilisation geben. Wartet vielleicht Athena dort? Ist das ein Zeichen? Man fragt den Neuankömmling 1K, ob er daran teilnehmen will. Und man kann dieses Angebot tatsächlich ablehnen, um eines der vier möglichen Enden zu erleben. Aber natürlich ist man neugierig auf diese Insel, will Antworten - und dann beginnt ein wunderbares Spiel.


Symbiose zwischen Spiel und Story


Ich hatte in meiner Rezension zum sehr guten ersten Teil kritisiert, dass es manchmal einen gefühlten Bruch zwischen den Knobelaufgaben und der Story gibt. Zwar nicht so deutlich wie in The Witness, aber spürbar. Doch Croteam hat die Spielmechanik und das Storytelling jetzt besser verzahnt, so dass das Lösen der anspruchsvollen Aufgaben und die interessante erzählerische Ebene harmonischer ineinander übergehen. Es entsteht nicht nur aufgrund der unbekannten Insel viel stärker als im Vorgänger das Gefühl eines lebendigen Abenteuers mit Erkundungsflair. Und das liegt vor allem an einem dramaturgischen Kniff: dem Expeditionsteam.


Man ist nicht alleine unterwegs, sondern als Mitglied einer kleinen Gruppe. Man ist als Rätselspezialist dabei und die anderen Teilnehmer besitzen nicht nur unterschiedliche Rollen wie Anführer oder Ingenieur, sie erforschen auch selbstständig die Insel. Zunächst sind sie alle verblüfft und erstaunt angesichts der riesigen Anlagen und der Technik, die es außerhalb New Jerusalems gar nicht geben dürfte. Man sieht wie sie die Umgebung scannen, sie lösen sogar manche Rätsel, kommentieren per Funk ihre Funde oder die Aktionen des Spielers, lassen sich auf Smalltalk ein und werden so als Charaktere immer greifbarer. Man lernt sie über die Stunden besser kennen, baut ein Verhältnis zu ihnen auf wie in einem Rollenspiel und erfährt fast beiläufig mehr über die verschiedenen Ansichten und Strömungen ihrer Gesellschaft.


Auf der Insel gibt es von mediterran bis tropisch oder arktisch diverse Klimazonen.

Man fühlt sich wie der Teil einer Pfadfindergruppe, die ein magisches Labyrinth im Wald gefunden hat und immer tiefer hinab steigen will. Flankiert wird diese angenehm interaktive Kommunikation von stationären Texten und Sprachnachrichten sowie Hologrammen, die hinsichtlich der Vergangenheit noch mehr ins Detail gehen und die eigentliche Geschichte, also das Geheimnis rund um die plötzlich verschwundene Athena und ihr Vermächtnis, langsam vorantreiben. Neben Prometheus begegnen einem auf der Insel mit Pandora und der Sphinx zwei weitere antike Gestalten als riesige Projektionen, die ebenfalls unerschiedliche Positionen vertreten: Pandora warnt den Spieler vor dem Feuer des Prometheus, die Sphinx stellt einen wiederum mit philosophischen Fragen auf die Probe.


Sie wirken nicht wie akademische Fremdkörper, sondern greifen manchmal die oben erwähnten Fragmente auf und beziehen sich auf die Rolle des Spielers sowie die Welt und Ansichten um ihn herum. Worin liegt z.B. die Perfektion, im Schöpfer oder im Erschaffenen? An anderer Stelle ging es um die Büchse der Pandora und die Frage, warum Zeus neben all dem Schlechten der Welt auch die Hoffnung darin aufbewahrte. Weil sie letztlich auch ein Übel ist? Wollte er die Menschen bestrafen? Oder wollte er sie damit retten und neugierig machen? Man hat mehrere Antworten zur Auswahl, die übrigens kommentiert werden, und falls man mit Zuschauern spielt, ergeben sich daraus vielleicht Diskussionen. Aber bevor sie zu einem sprechen, muss man ihre Türme erreichen. Und auf dem Weg dorthin gilt es jeweils acht Rätsel zu lösen.


Nummerierte Rätselwege


Sie sind nummeriert und es gibt Wegweiser, so dass man in aller Ruhe bei Nummer 1 beginnen kann. Falls man nicht spazieren möchte, kann man auch dorthin sprinten. Man betritt durch eine lila Wand, die keine Gegenstände durchlässt, ein abgetrenntes Areal. Dort wird meist ein neuer Apparat oder eine neue Technologie eingeführt. Es beginnt recht simpel mit der ersten Anwendung, aber dann steigt der Anspruch bis zu Rätsel Nummer 8 langsam an. Neben Kisten, Druckplatten, Schaltern, Störsendern, Ventilatoren und Kondensatoren hantiert man bald mit Akkus, RGB-Umwandlern, Bohrern, Tauschstationen und Teleportern, mit Klonen sowie der Schwerkraft und kann sogar über Kopf an Wänden kraxeln.


Die kombinatorische Vielfalt und der Anspruch dieser Aufgaben übertrifft selbst den sehr guten Vorgänger. Aber keine Bange, all das kommt nicht auf einmal zum Einsatz und die Level sind hervorragend auf das Wesentliche hin designt. Sprich: Hat man ein Areal betreten, gibt es auf dem Weg in den Zielraum keinen Überschuss an Aktionen oder Apparaten. Denn alles ist letztlich so sinnvoll platziert, dass man es gebrauchen sollte - was ähnlich wie der Name des Rätsels schon ein indirekter Hinweis auf die Lösung sein kann. Im Idealfall beobachtet man alles genau und prüft, was sich bewegen und mitnehmen lässt, denn man kann z.B. die Ventilatoren aus den Luftschleusen entfernen. Dann beginnt man mit den Experimenten, wobei neben Logik und Physik auch die Geometrie sehr relevant ist, denn meist muss man einen Laserstrahl in bestimmter Farbe clever ins gleichfarbige Ziel leiten, das dann wie ein Schalter einen Zugang öffnet oder einen Mechanismus aktiviert.


Acht Rätsel muss man lösen, um zum Turm zu gelangen. Drei Türme muss man aktivieren, um einen der vier Schächte der Pyramide zu öffnen.

Zwar fragt man sich oftmals, wie das angesichts all der Barrieren bloß gehen soll, aber in der Regel ergeben sich Schritt für Schritt weitere Möglichkeiten und Kombinationen. Man kann Apparate direkt als Druckmittel nutzen, Gegenstände durch Löcher transportieren und Laserleiter nicht nur auf Kisten stapeln und so in die Höhe schießen, sondern auch vorprogrammieren und sogar wie Schalter einsetzen. Das ist ein geniales System, denn so kann man ihre idealen Linien erkennen, selbst wenn der Weg zum Ziel noch versperrt ist. Und man kann sie quasi aus der Distanz aktivieren. Es gibt neben weitläufigen Arealen mit mehreren Etagen, mit Fahrstühlen und beweglichen Plattformen, auch unheimlich schlank designte Rätsel auf engstem Raum.


Alternative Aufgaben


Manchmal waren das allerdings die, die besonders knifflig waren. Ich erinnere mich ungern an eines namens Quersperre, das mich völlig verzweifeln ließ. In diesen Situationen denkt man sich, dass da vielleicht ein Apparat fehlt, dass das ein Bug oder unmöglich zu lösen sei. Meist hab ich das einen Tag ruhen lassen, was oft geholfen hat. Und umso befriedigender ist es natürlich, wenn man es endlich löst. Aber wenn man eine Station partout nicht schafft, gibt es es zwei Alternativen: Entweder man findet die beiden nicht nummerierten Rätsel, die irgendwo in der Landschaft zu finden sind, denn es gibt jeweils zehn pro Areal. Oder man setzt ein Feuer des Prometheus ein, um das zu schwere Rätsel zumindest als gelöst zu markieren. Es gibt also kein schrittweises Hilfesystem, und der Lösungsweg wird auch nicht angezeigt. Doch der Vorteil ist: Falls man später zurückkehrt, kann man es nochmal versuchen und bekommt auch das Feuer zurück.


Pandora warnt vor Prometheus und stellt Fragen.

Aber diese rot glimmende Energie des Prometheus muss man erstmal in der Landschaft finden, außerdem warnt Pandora vor ihrem Einsatz. Nicht ganz klar ist zudem, wo man diese im Menü als auffindbar gekennzeichneten Sterne bekommt und was man mit ihnen machen kann. An Statuen des Prometheus heißt es nur, dass man seinen Wesen folgen soll. Außerdem findet man an Statuen der Pandora seltsame Tafeln, die manchmal wie Landkarten mit Markierungen aussehen. Was findet man an den Stellen mit dem markierten X? Schließlich stößt man noch auf goldene Tore mit Bildern und Symbolen, die man nicht öffnen kann, aber die das Lösen versteckter Rätsel anzeigen. Was verbirgt sich dahinter?


Auf jeden Fall ist es schön, dass The Talos Principle 2 deutlicher als der Vorgänger das Rätseln über die nummerierten Areale hinaus in die Landschaft trägt, wobei die über weite Strecken verbundenen Laser an The Witness erinnern. Auf dem Weg zum Turm trifft man z.B. wieder auf Tetris ähnliche Steine, aus denen man Brücken über Abgründe bauen muss, indem man sie richtig dreht und wendet. All das lädt natürlich auch zum Erkunden ein, selbst in der Stadt gibt es Rätsel und sogar kleine Text-Adventures, und man findet in der Wildnis einiges mehr. Es gibt z.B. alte Labore, die in die Tiefe führen, seltsame Strukturen und Apparate mitten in der Wildnis, die man manchmal aus einem Rätselareal heraus anvisieren kann. Über die weite Distanz scheint das zunächst abwegig, aber wenn man erstmal einen Gravitationsstrahl zu einem Canyon hinauf aktiviert, will man sofort hinauf und nachsehen. Nicht immer wird man sofort belohnt, so manches mal muss man hartnäckig suchen.


Ansehnliche Routine


Und angesichts der klar erkennbaren Struktur, die offene Areale und Aufgaben in einem nach Himmelsrichtungen geordneten Diagramm zeigt, kann sich eine gewisse Routine einstellen. Schließlich weiß man ja, dass man in jedem der vier großen Gebiete jeweils drei Laser akivieren muss, indem man mindestens acht Rätsel löst - also 24 pro Gebiet, 96 auf der Insel. Man wird zwar nicht derart erschlagen wie in The Witness mit seinen über 500 Aufgaben, aber es gibt auch mal Leerlauf, zumal man nicht ständig als Gruppe, sondern oft alleine in der weiten, überaus ansehnlichen Landschaft unterwegs ist. Croteam setzt dabei bekanntlich auf die Technik der Unreal Egine 5.


Architektur und Landschaft haben einiges zu bieten.

Zwar erreicht die Kulisse en detail nicht das Niveau eines Death Stranding oder Horizon Forbidden West, denn es gibt z.B. weder Fußspuren im Sand noch diese Vielfalt an Flora und Fauna; außerdem bewegen sich die wenigen Tiere manchmal etwas seltsam. Aber die Gewässer sehen klasse aus, es gibt tolle Aussichten in die Ferne und hinsichtlich der Architektur kann man sich kaum satt sehen. Einerseits zeigt sie mit viel Beton und dezenten Verzierungen eindrucksvolle Tempel des Brutalismus. Andererseits gibt es elegante Hightech-Elemente und eine futuristische Megastruktur im Zentrum der Insel. Sie sieht aus als hätten die alten Ägypter zusammen mit Aliens eine Pyramide als Basis für ihre Weltraumerkundung errichtet.


Der Todesstern lässt grüßen


Wenn die Laser der freigeschalteten Türme in Rot, Grün und Blau einen der vier Schächte in dieser beeindruckenden Anlage öffnen, fühlt man sich beim anschließenden Helikopterflug ins finstere Innere fast wie beim Erkunden des Todessterns. Und genau das ist nach dem gefühlten Leerlauf wieder ein Highlight, denn hier ergibt sich im Gegensatz zur Landschaft eine ganz andere Atmosphäre, fast wie in einem mystischen Dungeon, nur dass es in den gigantischen Anlagen manchmal kein Oben und Unten zu geben scheint. Das ist kein all zu komplexes Labyrinth, aber auch hier gilt es Rätsel zu lösen, es gibt einige verwinkelte Passagen inkl. Schwerkraftumkehr und meist wird auch die Geschichte in diesen Phasen relevant fortgeführt.


Was befindet sich in dieser Mega-Pyramide? Drei Laser schalten jeweils einen der Eingänge frei.

Kaum droht das Abenteuer also ein wenig einzuschlafen, gibt es interessante Wendepunkte und dramatische Höhepunkte. Als ein Expeditionsmitglied verschwindet, entsteht auch eine interessante emotionale Veränderung innerhalb der Gruppe. Ich war jedenfalls sehr angetan vom Verlauf der Geschichte und komplett überrascht von der verblüffenden Qualität der Dialoge innerhalb des Expeditionsteams. Nicht etwa weil sie so kluge Themen ansprechen, sondern weil sie so angenehm natürlich ablaufen. Es macht einfach Spaß, an diesen Gesprächen teilzunehmen, zumal sie zum Mitdenken anregen, auch was die aktuelle Situation auf diesem Planeten angeht, und mehrere Antworten bieten. Da geht es nicht um richtig oder falsch, sondern um die Meinung des Spielers.


Lebendige Kommunikation


Und das Beste ist die offene Art und Weise, wie die Androiden, aber auch die Projektionen wie Pandora oder die Sphinx, darauf reagieren. Man bekommt teilweise sehr weises Feedback und es entsteht tatsächlich das Gefühl von kommunikativem Austausch. Selbst wenn es weltanschauliche Differenzen gibt, hören die Androiden zu und es geht meist im nachdenklichen Dissens weiter. Vielleicht hat mir die Atmosphäre dieser Kommunikation auch deshalb so gut gefallen, weil sie einen angenehmen Kontrapunkt zu aktuellen gesellschaftlichen Debatten darstellt, die zwischen Schwarz und Weiß kaum noch Graustufen zu kennen scheinen.


Es kann schonmal bunt werden...

Es gibt auch in diesem Spiel politische Grabenkämpfe, aber die finden bezeichnender Weise im Social-Media-Kanal statt, auf dem man sich auch per Textauswahl äußern kann - man kann dem Moderator z.B. empfehlen, rigoros durchzugreifen, die totale Redefreiheit zuzulassen oder irgendwas dazwischen. Übrigens bekommt man zu Beginn des Spiels auch von einem Androiden mit der Nummer 666, der den konservativen Bürgermeister ablehnt, ein fast unmoralisches Angebot, doch bitte alle Informationen über diese Expedition an ihn und seine Gruppe durchzustecken. Das sind köstliche Situationen, in denen man abseits der Logikrätsel mit seinem Gewissen und seiner Moral grübelt.


Die schauspielerische Leistung der englischen Sprecher ist jedenfalls sehr gut und die auf Deutsch übersetzten Texte fangen das Gesagte bis auf einige Dreher gut ein. Ich hab ja parallel Alan Wake 2 gespielt, und ich würde The Talos Principle 2 eine Klasse besser einstufen. Musste ich im Horror-Abenteuer manchmal den Kopf schütteln, wenn die Dialoge künstlich wirkten oder abrupte Übergänge hatten, entstand hier ein durchgehend toller Gesprächsfluss. Das liegt neben den Sprechern natürlich auch an einem Drehbuch, das ich angesichts der Komplexität sowie der Verflechtung der Themen für außergewöhnlich halte.


Symbiose bis zum offenen Finale


Trotz der philosophischen Fragen ist das letztlich ein Puzzle-Abenteuer, in dem es in erster Linie um das Lösen von Rätseln geht, um Logik und Physik. Aber das, was heutzutage oft getrennt wird, also Geistes- und Naturwissenschaft, gehörte in der Antike wie selbstverständlich zusammen. Es waren Philosophen, die durch die Beobachtung der Natur und ihrer Abläufe über Atome und das Vakkuum, über den freien Fall und die Schwerkraft spekulierten. Der Spieler wird hier in exakt dieselbe Rolle versetzt, indem er in kleinen Arealen beobachtet, mit Apparaten experimentiert und Schlüsse zieht, wie etwas funktioniert. Das große Warum folgt danach auf erzählerischer Ebene, so dass The Talos Principle 2 in gewisser Weise auch die antike Einheit der Naturphilosophie aufgreift.


So manches Geheimnis kann man erst ganz zum Schluss lüften.

Schade ist vielleicht, dass sich die eigenen Antworten und Handlungen zwar ein wenig auf New Jerusalem auswirken, aber keinen Einfluss auf das Finale haben, denn es gibt abseits des erwähnten noch drei weitere. Ich hatte mich z.B. lange geweigert, das Feuer des Prometheus zur Lösung einzusetzen, weil ich zunächst spekuliert hatte, dass sich das vielleicht ebenso auf das Ende auswirkt wie die eigene Haltung in den teils weltanschaulichen Fragen der Sphinx. Aber letztlich entscheidet man in einem finalen Dialog darüber, auf welches Ende die Spielwelt zusteuert.


FAZIT


The Talos Principle 2 ist ein ausgezeichnetes Rätsel-Abenteuer. Umgeben von beeindruckender brutalistischer Architektur knobelt man sich über knapp 30 Stunden durch anspruchsvolle Logikrätsel und erlebt auf einer mysteriösen Insel mehr Abenteuerflair als im sehr guten Vorgänger. Regelrecht verblüfft hat mich die Qualität der natürlichen Dialoge sowie die lebendigen Kommunikation. Und parallel zur Geschichte einer politisch differenzierten Androiden-Gesellschaft werden Charaktere wie in einem Rollenspiel aufgebaut, so dass man Sympathien entwickelt und emotionaler eingebunden wird als anno 2014. Dieses Spiel spricht zwar mit seinen physikalischen Herausforderungen primär die Intelligenz an, aber gleichzeitig die eigene Haltung zur Welt. Es sensibilisiert auf kreative Art, ohne Schwarz und Weiß zu malen, für das Abwägen der Gedanken und einen natürlichen Dissens samt seiner Graustufen. Es stellt zeitlose Fragen, die jede Generation von der Antike bis heute und in die Zukunft beschäftigen werden, ohne dass es einfache Antworten geben würde. In diesem utopischen Abenteuer um eine längst überwunden geglaubte Menschheit, die selbst in Gestalt von Hightech-Androiden samt Super-KI nicht um das kluge Grübeln der antiken Philosophen herum kommt, habe ich sehr viel Weisheit gefunden. Mehr kann ich von einem Spiel nicht erwarten.

(Bilder: The Talos Principle 2, Croteam, eigene Aufnahmen, PS5)

11 Comments


rsn8887
rsn8887
Feb 02

Ich habe Talos Principle 2 gerade auf dem Steamdeck zu 100% abgeschlossen, inklusive aller optionalen Rätsel und Sterne. Es ist der Wahnsinn! 62 Stunden habe ich gebraucht, auf ca. 2 Monate verteilt. Die Puzzle sind leichter als beim Vorgänger. Das finde ich aber auch gut, denn für den Vorgänger habe ich drei Jahre gebraucht. Das Erfolgserlebnis, wenn man nach langem Grübeln endlich auf eine Lösung kommt, ist kaum zu überbieten.

Auf dem Steamdeck empfehle ich Grafik: Medium und FSR: Balanced einzustellen. Es läuft auf dem Steamdeck nicht in perfekten 60 fps, aber das stört nicht sonderlich, da es ein gemächliches Spiel ist. Es sieht auf dem Steamdeck atemberaubend schön aus, wenn man erstmal durch das anfängliche Tutorial durch ist.


Man…

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Freut mich - und sehr schöne Auswahl!

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Meow
Meow
Jan 23

Das hört sich genau nach meinem Fall an. Ich habe den ersten Teil sehr gemocht. Schade, dass es keine physische Version gibt.

Ich bin neu hier. Gibt es die Diskussion physische vs. digital hier?

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Willkommen! Bisher meines Wissens nicht.;)

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Qugart
Qugart
Nov 30, 2023

Hier gibts ein kurzes Video von Devolver Digital über die Entstehung von The Talos Principle 2.

Behind the Schemes

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Shade Thantul
Shade Thantul
Nov 26, 2023

Was mir noch so gut gefallen hat bzw. gefällt (bin auf der letzten Insel gerade) sind diese kleinen mini Textadventures, welche man spielen kann.


Auch die... Achtung ⚠️ mini Spoiler


...Unterhaltungen von Athena, Miranda und Cornelius welche durch die Überladungen in Rückblenden erzählt werden sind äußerst stark und regen, wie auch viele andere Diskussionen und Texte zum mitdenken an. Spoiler Ende


Für mich war der erste Teil schon sehr gut, aber der zweite ist schon fast eine Offenbarung in diesem Segment.


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VfBFan
VfBFan
Nov 23, 2023

Gar nicht schlecht, dafür dass du kein SEO betreibst. :-)



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Qugart
Qugart
Nov 23, 2023
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Ich möchte ja kein Spielverderber sein, aber der Marktanteil von DuckDuckGo liegt in Deutschland bei unter 1 %.

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