Rezension: TR-49 (PC, iOS)
- Jörg Luibl

- 21. Jan.
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 22. Jan.
Eine junge Frau namens Allie erwacht in einem dunklen Keller. Als das Licht angeht, steht sie vor einer seltsamen Maschine, die an ein mutiertes Microfiche-Lesegerät erinnert. Der Apparat scheint mit dem ganzen Raum verkabelt zu sein, hat eine Art Bullauge mit drehender Scheibe und zeigt kryptische Texte an. Wo ist sie hier bloß gelandet?
Eine Maschine voller Bücher
Immerhin ist sie nicht ganz allein. Ein fremder Mann namens Liam meldet sich per Lautsprecher und will ihr helfen. Er klingt durchaus freundlich, aber gleichzeitig seltsam besorgt, gehetzt und gibt wirres Zeug von sich. Er erklärt Allie, dass sie ein Buch namens Endpeace finden muss, damit er eine Geliebte retten kann. Und sie soll in dieser Maschine danach suchen, die jemand namens Cecil Caulderly über 40 Jahre lang mit Büchern gefüttert hat.
Schon in den ersten Minuten dieses Puzzle-Adventures stellt man sich zig Fragen: Wie ist Allie hier gelandet? Wer ist dieser Liam und kann man ihm trauen? Ist das alles nur das verrückte Spiel eines bibliophilen Wahnsinnigen? In welcher Zeit und welchem Land befindet man sich eigentlich? Immerhin wird bald klar, dass es sich um die nahe Gegenwart und vermutlich einen Keller irgendwo in Großbritannien handelt.
Denn dieser Cecil hat die Maschine 1949 erbaut, angeblich auf Grundlage einer britischen Dechiffrier-Maschine aus dem Zweiten Weltkrieg. Aber alles andere an dieser Situation ist überhaupt nicht klar. Schon gar nicht der Weg zum Ziel, zu diesem Buch namens Endpeace. Es gibt keine Suchfunktion, sondern nur einen Hebel, mit dem man jeweils einen Code aus zwei Buchstaben und zwei Zahlen bilden kann, damit etwas auf dem Bildschirm erscheint.

Kommentiertes Mystery-Archiv
Bei HP56 taucht z.B. der Buchtitel "Perplexing Astrality" auf. Man bekommt zudem Infos zur Bindung, zur Anzahl der Seiten sowie über den in diesem Fall "akzeptablen" Zustand. Nur was bedeutet diese Rune mit der Ziffer 13? Man kann darunter nicht die kompletten 66 Seiten lesen, sondern bekommt zum einen diesen Auszug des Textes. Das Spiel wurde nicht ins Deutsche lokalisiert, hier meine Übersetzung:
„Warum lesen wir? Nun, um woanders zu sein! Um diese Welt gegen eine andere einzutauschen. Wie lange hält diese Veränderung an? Nun, so lange, bis der Glanz der Worte in unseren Augen verblasst. Ich habe Folgendes gelernt: Je mehr wir lesen, desto mehr Wahrheit entsteht. Was für eine wunderbare Sache!"
Darunter steht zum anderen ein Kommentar aus dem Jahr 1956 von einem User namens Cecil, also wahrscheinlich dem Erbauer der Maschine. Er verweist auf den Hammerstone Verlag als Herausgeber, dessen "Manifest" und weitere Codes wie HP08 und HP22, die man ebenso antippen kann wie das Kürzel LR. Das gehört wiederum einem Autoren, der diese Bücher laut Cecil "verabscheute". Aber warum?

Rätsel mit Codes, Autoren & Titeln
Außerdem werden Titel genannt wie "Primitive Man, He-Who-Remains" und "Utopia Within Reach", die wohl kurz nacheinander bei Hammerstone veröffentlicht wurden. Sind das also HP08 und HP22? Und wenn HP56 aus dem Jahr 1956 stammt, wurden sie dann in den Jahren 1908 und 1922 veröffentlicht? Schon hier begann ich, mir handschriftlich Notizen zu machen. Und es wurden immer mehr.
Richtig mysteriös wird es, als man über Cecil hört, dass er Kopien mit dieser Maschine anfertigte, die sie aber automatisch gegenüber dem Original veränderte. Sprich: Das vorliegende Buch "Perplexing Astrality" beruht auf dem Original eines gewissen QL, mit dem Cecil die Maschine fütterte, woraufhin sie einen seltsam verwandelten Text ausspuckte.
Wer ist dieser LR und warum mochte er die Werke von Hammerstone nicht? Wer ist QL und über was schrieb er? An dieser Stelle war ich froh, dass es auch ein spielinternes Notizbuch zum Nachschlagen für all die Codes sowie Autoren und deren Titel gibt. Dort findet man gezeichnete Symbole und Portraits sowie nützliche Hinweise aus deren Biographie, die bei neuen Fakten aktualisiert werden.

Labyrinth aus Verbindungen
Je mehr man recherchiert, desto mehr wird dort gesammelt und kann im Idealfall verknüpft werden. Denn das Alter, das Jahr der Geburt oder die Art und Weise wie die Autoren ihre Bücher betitelt haben, kann einen Hinweis auf den vierstelligen Code geben. Manchmal lohnt sich das Ausprobieren: Wenn man Vor- und Nachnamen eines Autoren kennt, einfach mal die Anfangsbuchstaben plus Zahl eingeben.
Über Trial & Error kommt man manchmal, jedoch nicht effektiv weiter. Man muss die Texte lesen, in den Kommentaren nach Indizien suchen. Wenn jemand z.B. von einem Autoren bzgl. des Buchtitels inspiriert oder 1932 im Academicalist's Journal besprochen wurde, sollte man dort suchen. Aber welche Ausgabe des AJ war das? Wann wurde es nochmal gegründet?
Es geht also um logische Verknüpfungen, um die Codes und die passenden Titel zu finden. Denn die Maschine zeigt zuerst nur einen flackernden, schwer lesbaren Buchstabensalat an, wenn eine Info fehlt. Nur wenn man z.B. HP08 mit dem Buchtitel "Doomed Theoretics" verbindet, wird alles sichtbar. Insgesamt sind 50 Werke in der Maschine verborgen, darunter Essays, Romane und Zeitschriften, selbst die Bibel ist dabei.

Lineare Kommunikation
Man kann Liam in den Gesprächen nicht konkret danach oder bezüglich der Situation fragen, zumal er sich je nach Fortschritt sporadisch meldet. Dann leuchtet das rote Funksymbol auf, so dass man ihn kontaktieren kann. Man kann so lange mit ihm sprechen, bis er nicht mehr antwortet. Man kann ihn aber auch komplett ignorieren. Es gibt allerdings keine Multiple-Choice-Dialoge, man kann nichts entscheiden, aber es entsteht eine angenehm natürliche Kommunikation zwischen den beiden.
Das liegt auch an den sehr guten Sprechern. Neben Rebekah McLoughlin, deren Stimme in The SCP Archives und Eternal Threads zu hören war, ist Paul Warren mit von der Partie, den man vielleicht aus A Highland Song oder The Séance of Blake Manor kennt. Außerdem hört man Phillipe Bosher, der als Thindo Vintervur in Baldur's Gate 3 und Doctor Who auftrat.
Liam versucht Abbie zu motivieren und von der Dringlichkeit ihrer Suche zu überzeugen, wenn sie mal wieder verzweifelt. Denn so einfach ist die Zuordnung nicht, weil die Informationen ja bis in die Kommentare verstreut sind. Diese stammen nicht nur von Cecil. Außerdem hatte er eine Frau und eine Tochter, die das Projekt wohl 1985 verließ und seitdem vermisst wird.

Alte Geister und aktuelle Gefahren
Während man über diese Familie oder ein weiteres Buch grübelt, kann es regelrecht spuken. Im Bullauge der Maschine erkennt man plötzlich Gesichter und hört die verzerrten Stimmen von Autoren. Wurden etwa nicht nur ihre Bücher gespeichert? Neben diesen Geistern der Vergangenheit sorgt die Gegenwart für Spannung, denn irgendwann hört Liam draußen ein Auto, wirkt verängstigt und meldet sich nicht mehr.
So wird das surreal Unheimliche der Recherche von einer realen äußeren Gefahr verstärkt. Es scheint so, als würden noch andere Leute auf der Suche nach dieser Maschine und dem Endpeace sein. Und je mehr man sich mit den Büchern beschäftigt, desto deutlicher werden nicht nur die ideologischen Rivalitäten zwischen den Autoren und Weltanschauungen.
Es geht um weit mehr als Abbies Freiheit oder die Rettung einer Geliebten, von der Liam sprach. Die Macht der Maschine wird immer spürbarer. Sie selbst scheint sogar auf Abbie zu reagieren, denn je mehr Verbindungen sie erzeugt, je näher sie der Wahrheit kommt, desto mehr Überraschungen spuckt sie aus.
FAZIT
Die inkle Studios haben die digitale Erzähl- und Abenteuerkultur in den vergangenen Jahren mit tollen Spielen wie Sorcery! (2013), 80 Days (2014), Heaven's Vault (2019) oder A Highland Song (2024) bereichert. Zwar standen Dialoge und Rätsel meist im Zentrum, aber das Spieldesign hat sich stets in eine etwas andere Richtung entwickelt. TR-49 ist ein ungewöhnliches, historisch inspiriertes Mystery-Adventure und sicher nichts für Freunde aktiver Erkundungen. Denn es spielt sich komplett statisch in Egosicht vor einer Maschine ab, die wie eine Steampunk-Variante eines Microfiche-Lesegeräts aussieht. Und genau darum geht es: lesen, recherchieren, kombinieren. Man kann nicht einmal den Raum um sich herum untersuchen. Aber dafür hört man so einiges, denn die Story wird als kleines Audiodrama inszeniert, das man selbst anschubsen kann. Die Gespräche sind zwar linear, ohne dass man die angenehm lebendigen Dialoge beeinflussen oder mal direkt nachfragen kann. Trotzdem hab ich gerne zugehört und konnte ich nicht aufhören nach Büchern zu suchen, habe ein halbes Notizbuch mit Hinweisen gefüllt, einen Code nach dem anderen entschlüsselt und wurde richtig gut unterhalten. Wer nur ein wenig bibliophil veranlagt ist und Puzzle-Adventure à la Her Story (2015) oder Return of the Obra Dinn (2018) mag, dürfte sich bald in einem Labyrinth aus Themen und Ahnungen verirren. Denn diese Bücher fressende Maschine archiviert nicht nur, sondern verändert auf unheimliche Art die Welt. Und das für gerade mal 6,99 Euro.
(Bilder: TR-49, inkle Studios, eigene Aufnahmen, iPad)









