Robert Jordan und seine Fantasy

Am 19. November beginnt die erste Staffel von "Das Rad der Zeit" auf Amazon Prime. Vor allem ältere Leser dürften in einer Mischung aus Nostalgie, Neugier und nicht wenig Skepsis auf diese Verfilmung schauen. Für eine Vertiefung des Themas hat es nicht gereicht, aber eine Erkundung ist es allemal wert: Immerhin verbirgt sich dahinter eine der größten Fantasysagas nach dem Herrn der Ringe, ersonnen von Robert Jordan (1948 - 2007) - der leider viel zu früh verschied.


Eine Blutkrankheit sorgte dafür, dass der große Erzähler aus South Carolina seine Geschichte nicht beenden konnte. Sie wurde von Brandon Sanderson (u.a. Mistborn) anhand seiner Notizen finalisiert. Warum Nostalgie? Weil dieses im Original auf 15 Bände angewachsene Epos einige Zeichen setzen konnte - sowohl was den literarischen Stil als auch die Weltkonzeption betrifft, in der die Wiedergeburt sowie die Wiederkehr von Ereignissen eine zentrale Rolle spielt.


Als 1993 der erste deutsche Band namens "Drohende Schatten" bei Heyne erschien, hatte ich gerade das Abitur hinter und den Wehrdienst vor mir. In den langen Zugfahrten zur Kaserne hab ich diese Geschichte um Rand al'Thor und seine Freunde verschlungen: Mat und Perrin, Egwene und Nynaeve, Thom und vor allem Loial, der weise Ogier mit dem Faible für Bücher, wuchsen mir ans Herz.


Obwohl ich zunächst mit der Welt fremdelte: Die Ausgangslage in einem Dorf erinnerte mit den Helden wider Willen sowie den erfahrenen Fremden (Moiraine und Lan) ebenso stark an Tolkiens Auftakt wie das ultimative Böse - und die Trollocs erschienen mir zunächst wie plumpe Kopien der Orks.


Aber je mehr Seiten ich verschlang, desto interessanter und facettenreicher wurde diese Welt samt ihrer Charaktere. Im Kern geht es um High-Fantasy, um jugendliche Flucht, verzweifelten Kampf und schließlich Entwicklung und Veränderung der Helden. Hinzu kam ein kreatives Konzept der Magie, das auch das männliche und weibliche Prinzip als Kraft thematisierte und so ins Detail ging, dass man die Ausbildung zur Aes Sedai nachvollziehen konnte. Ich erinnere mich, dass wir einige Motive und Namen in unsere Pen&Paper-Kampagne aufnahmen: Darunter die Art der Zauberei, die "Kinder des Lichts" als fanatischer Ritterorden, die Gaukler als Klasse - und jeder wollte ein Schwert mit Reiherzeichen. Nachdem Aragorn lange der Archetyp des edlen Kämpfers für viele war, stand ihm plötzlich ein nicht minder ehenwerter Lan Mandragoran gegenüber.


Natürlich hallte der Professor aus Oxford in einigen Konzepten nach, auch hinsichtlich mythologischer Bezüge zu keltischen und nordischen Sagen, aber Robert Jordan knüpfte kreativ an, verwob all das mit Elementen des Horrors, der Überwachung, der Inquisition und erweiterte dieses Genre auf psychologischer, religiöser und philosophischer Ebene - er war einer der ersten Schriftsteller, die Fantasy auf eine gewisse Art modernisierten. Es ging in den Konflikten nicht nur um Reiche und Kriege, sondern auch um Beziehungen, Moral und Liebe. Man darf nicht vergessen: Das Lied von Eis und Feuer von George R.R. Martin erschien erst 1997 - da erreichte Jordans Saga gerade den 14. oder 15. von 37 (!) Bänden auf Deutsch. Leider war das 1999 erschienene Computerspiel "The Wheel of Time" nur ein kurzweiliger Fantasyshooter und kein Rollenspiel, das diese Vorlage verdient hätte.


Wie bei vielen Werken dieses Ausmaßes gab es auch Leerlauf und Ermüdung beim Lesen, manches zog sich elendig hin. Als ich mir vor ein paar Jahren die neue Ausgabe von Piper zulegte (die originalen Taschenbücher von Heyne waren unfassbar hässlich), habe ich die ersten drei Bände "Die Jagd beginnt", "Die Suche nach dem Auge der Welt" und "Die Rückkehr des Drachen" mit Freude ein weiteres Mal gelesen. Vor allem auf sprachlicher Ebene kann ich jetzt viel mehr von dem wertschätzen, was mir als junger Mann entging: Robert Jordan konnte einfach wunderbar schreiben! Gleichzeitig muss ich zugeben, dass ich am Ende des dritten Bandes erstmal eine Pause brauchte - denn das Rad der Zeit kann einen manchmal schwindelig drehen, wenn sich die Ereignisse aus Jahrhunderten überschlagen.

Ich bin gespannt, wie lange die TV-Serie mich binden kann.

(Bild oben: Robert Jordan, Foto von 2005 von Jeanne Collins - http://en.wikipedia.org/wiki/Image:Rigney_sandiego.jpg; Bild unten: Okami)