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Spiele des Jahres 2025: Meine neun Favoriten (Teil 1, 2 & 3) *Update*

Aktualisiert: vor 2 Tagen

Frohes neues Jahr hier an Bord von Spielvertiefung!


Gerade ist viel los, denn der Kurs der nächsten Wochen ist mit meiner Arbeit als Chefredakteur der GEE Nr. 75, die am 27. Februar erscheint, und meiner neuen Webseite auf WordPress-Basis, die hoffentlich bis Ende Januar live geht, recht stürmisch.


Ich starte traditionell mit einer Top 9 der besten Spiele, die ich in drei Teilen anbiete. Heute Platz 9 bis 7, morgen Platz 6 bis 4 und schließlich Platz 3 bis 1. Außerdem gibt es mit dem Finale alles zusammen eingesprochen als exklusiven Podcast für Steady-Unterstützer.



Schifffahrt-Plakat-Adventskalender aus dem digitalen Archiv des Maritimen Museums Hamburg, gemeinfrei.
Schifffahrt-Plakat-Adventskalender aus dem digitalen Archiv des Maritimen Museums Hamburg, gemeinfrei.

Bevor ich auf meine Favoriten eingehe, blicke ich kurz zurück auf die letzten Jahre: 2021 gewann das wunderbare Returnal, gefolgt von The Forgotten City und Metroid Dread.


2022 führte kein Weg an Elden Ring vorbei, dahinter landete Signalis vor God of War: Ragnarök.


2023 überraschte mich The Talos Principle 2 mit seiner natürlichen Kommunikation sowie dem Rätselanspruch, so dass es ganz knapp Baldur's Gate 3 und Armored Core VI überflügelte.


Und 2024 konnte der Sieger nur Astro Bot heißen, dass das kleine, aber feine Rollenspiel SKALD: Against the Black Priory sowie die politisch-dramatische Aufbaustrategie Frostpunk 2 hinter sich ließ.


Eines kann ich jetzt schon vorwegnehmen: So eindeutig wie manches Jahr zuvor war es diesmal nicht für mich. Es gab nicht dieses eine herausragende Spielerlebnis, denn mehrere sehr gute Abenteuer wurden fortgesetzt, hinzu kamen einige hochwertige Überraschungen - was wiederum für die allgemeine Qualität des Spieldesigns in der Breite spricht.


Meine Auswahl ist natürlich weitaus persönlicher und lückenhafter als jene einer Redaktion, zumal ich manche Genre wie Sport, Simulationen & Co komplett ignoriere. Und ich berücksichtige nur Spiele, die ich entweder in einer Rezension oder als Kurzkritik in einer Breitseite bzw. Flaschenpost besprochen habe - das waren letztes Jahr 44 Berichte. Wie immer fehlen also viele potenziell tolle Spiele wie Split Fiction,1000xRESIST, Cronos: The New Dawn, Hades 2, Absolum, Wuchang: Fallen Feathers oder Tainted Grail: The Fall of Avalon.


Manches davon wandert in mein Schleppnetz. Darin tummeln sich Spiele, die mich im Ansatz neugierig machen, aber für die ich bisher keine Zeit finden konnte. Und eines davon konnte ich letztes Jahr endlich nachbesprechen: Six Ages 2: Lights Going Out. Das ist ein ganz besonderes Strategie-Rollenspiel von David Dunham in der Fantasywelt von Glorantha für Freunde vielschichtiger Handlungen und Wechselwirkungen. Ähnlich wie in den Spielen von Paradox greifen viele kleine Rädchen ineinander, während man seinen Clan über mehrere Jahrzehnte hinweg anführt. Das ist jedoch kein Ausflug für pragmatische Feldherren, sondern eher ein komplexes Abenteuer-Spielbuch, mit einer gemütliche Atmosphäre des Lesens und des Grübelns angesichts all der Entscheidungen. Allerdings erschien es schon 2023 für iOS und PC. Damals wäre es ganz sicher in meiner Top 9 gelandet, aber aufgrund des Erscheinungstermins lass ich es in dieser Liste weg.


Weil wir schon bei Geheimtipps des letzten Jahres sind, die hier trotz eines Artikels fehlen: Falls ihr auf der Suche nach Kampf und Fantasy seid, kann ich zum einen Blades of Fire empfehlen. Da kehrt der Geist von Severance: Blade of Darkness zurück, mit der Wucht von God of War sowie epischer Sword & Sorcery à la Conan. Die Story wird niemanden vom Hocker reißen, die Figuren erinnern zunächst an die Masters of the Universe und das Schmieden war mir auf Dauer zu langweilig, aber es macht Spaß gegen die Schergen der bösen Königin anzutreten.


Zum anderen empfehle ich Mandragora, denn das ist ein kleines 2,5D-Schmuckstück mit Soulsflair. Es wabert und glimmt, knistert und leuchtet so, als hätten die Brüder Hildebrandt ihr malerisches Licht in ein dämonisches Castlevania fließen lassen. Zwar erreichen Spielmechanik sowie Story nicht die herausragende Qualität der Kulisse, aber das Kampf- und Magiesystem ist vielfältig und man erlebt eine angenehm offene Charakterentwicklung mit Rollenspielflair. Es erreicht nicht die Klasse eines Nine Sols oder die rätselhafte Anziehungskraft eines Animal Well, aber ich bin dem Licht der Hexenlaterne gerne gefolgt.


Müsste ich eine Enttäuschung des Jahres 2025 wählen, wäre es tatsächlich Metroid Prime 4: Beyond. Obwohl das kein schlechtes, sondern ein solides Action-Adventure ist, habe ich von den Retro Studios und Nintendo, gerade angesichts der Serientradition sowie der neuen Konsole, sehr viel mehr erwartet. Überhaupt konnte die Switch 2 bisher nicht bei mir zünden, denn die wenigen exklusiven Spiele haben mich nicht richtig neugierig gemacht; Donkey Kong Bananza soll aber richtig gut sein.


Ob mich die Switch dieses Jahr mit The Duskbloods von FromSoftware besser unterhalten kann? Das Online-Rollenspiel werde ich mir trotz meiner Skepsis auf jeden Fall anschauen, denn Hidetaka Miyazaki und sein Team haben sich von der situativen Spannung à la Escape from Tarkov & Co inspirieren lassen. Apropos PvPvE: Müsste ich meine Überraschung des Jahres 2025 wählen, wäre es ARC Raiders. Denn obwohl ich einen großen Bogen um Multiplayer-Action dieser Art mache, konnte mich der Extraction-Shooter länger als erwartet unterhalten. Das lag an der futuristischen Ästhetik sowie dem teils grandiosen Abenteuerflair, doch die spielerische Anziehungskraft ließ bald stark nach, was auch am Hamsterrad aus Sammelei und Crafting lag, so dass es für diese Liste nicht relevant war. Ebenso wenig wie all die Neuveröffentlichungen von Klassikern, die das letzte Jahr prägten, darunter The Elder Scrolls IV: Oblivion, System Shock 2: Remaster oder Metal Gear Solid: Snake Eater. Da hab ich gerne reingespielt, teilweise über viele Stunden, aber relevanter für die besten Spiele eines Jahres sind natürlich neue Abenteuer.


So, genug der Vorrede, denn diese Woche gibt es noch reichlich Diskussionen im (fast sechsstündigen!) Jahresrückblick mit Ben, Eike und Micha. Wir haben uns da mal wieder über Stunden so verquatscht, dass ich den in zwei Teilen anbiete, bis Juni für alle frei hörbar, ab Juli bis Dezember im exklusiven Feed für Steady-Unterstützer. Hier sind sie also, meine neun Favoriten des Jahres 2025:



Platz 9: Ghost of Yotei (PS5)


Sucker Punch gelang vor fünf Jahren das, woran Assassin's Creed immer scheiterte: Das Erlebnis in offener Welt frischer zu gestalten. Auch wenn man in der Struktur den bekannten Mustern von Ubisoft folgte, verströmte Ghost of Tsushima eine fast poetische Stimmung mit kreativen Impulsen und erhielt selbst in Japan viel Anerkennung. Es war zu erwarten, dass Ghost of Yotei diesem erfolgreichen Spieldesign sowie der eleganten Ästhetik treu bleibt, in der Farben und Formen ineinander fließen. Dabei erlebt man denselben Kontrast zwischen Ruhe und Gemetzel, Besinnung und Blutlachen, Panoramen und Kitsch wie im Vorgänger. Die Duelle sowie das Kurosawa-Filmflair sind für mich immer noch die Highlights, während das Figurenverhalten, die Rätsel sowie die Akrobatik kaum entwickelt wurden. Diesem Nachfolger fehlt trotz Lagerfeuer und Shamisen die erwähnte Frische, zumal er technisch und spielerisch weitgehend stagniert. Außerdem überfluten seitdem zig Abenteuer das alte Japan fast so wie Touristen das gegenwärtige. Und Ubisoft hat mit Assassin's Creed Shadows einiges richtig gemacht, denn das wirkte wie ein ernsthaft bemühter Historienfilm in fotorealistischer Kulisse, der mich solide bis gut unterhalten konnte. Und es ist frappierend, wie sehr sich die Motive der beiden Heldinnen sowie die Stilmittel der Regie ähneln. Aber es hatte diese harten Brüche, symbolisiert in dem überflüssigen Rollenwechsel mitsamt dem spielerischen Qualitätsverlust sowie der gefühlten Leere. Ghost of Yotei hat auch seine Widersprüche und Probleme, ist in der Stealth-Action schwächer und kann letztlich keine Begeisterung auslösen. Aber es wirkt wie ein poetisch angehauchter Abenteuerfilm aus einem Guss, in dem man vom Winde verweht eine malerische Insel erkundet. Ich mag Atsu als Charakter, das Westernflair und den Wolf, die Geschichten des Erzählers und natürlich diese immer noch wunderbaren Duelle. Unterm Strich wurde ich von Ghost of Yotei gut unterhalten. Nur wünsche ich mir von Sucker Punch, dass sie auf der PlayStation 6 zuerst zum Waschbären zurückkehren, bevor sie einen weiteren Rachegeist beschwören - immerhin hat es seine Maske schon ins Spiel geschafft.




Platz 8: The Drifter (PC, SW)


Ich hätte nicht gedacht, dass mich ein kleines Point&Click-Adventure derart schnell packen und sogar meinen Favoriten Norco überflügeln kann. Normalerweise entsteht in diesem Genre ja eine gewisse Distanz, weil man aus entfernter Perspektive wie ein Rätselverwalter in eine Kulisse klickt. Aber The Drifter spielt sich wie ein düsterer Thriller, der einem direkt ins Ohr flüstert und danach für knapp acht Stunden nicht mehr loslässt.


Das liegt auch an einem dramaturgischen Kniff, der schon Darkest Dungeon kennzeichnete: einem markanten Sprecher. In diesem Fall ist es Adrian Vaughan, der Situationen kommentiert. Nur geht das hier viel weiter als im erwähnten Taktik-Rollenspiel, denn die inneren Monologe des Helden Mick Carter treiben einen regelrecht voran, weil die Verblüffung und Panik des ehemaligen Physik-Lehrers einfach so gut von der emotionalen Stimme und klasse Texten getragen werden; Beschreibungen und Dialoge erreichen übrigens durchweg gehobenes Niveau.


Die Story zeichnet ein leicht desillusioniertes und derangiertes Bild eines Charakters, der einiges hinter sich hat und sich nicht besonders auf das Wiedersehen mit seiner Familie freut. Mick ist eigentlich nur widerwillig zu einer Beerdigung in seine fiktive australische Heimatstadt Victoria zurückkehrt, aber wird schon nach wenigen Spielszenen in einen Strudel aus Mord, Mystery und Zeitschleifen mit einigen What-the-fuck-Momenten gezogen. Die surreale SciFi-Geschichte hat mich stellenweise an Philip K. Dick erinnert, sie wurde komplett auf Englisch vertont und es gibt deutsche Untertitel.


Aber keine Bange, denn das Surreale vernebelt nicht die angenehm klare Spielmechanik: Es geht um klassische Rätsel, bei denen man samt Inventar diverse Gegenstände einsetzen, etwas reparieren oder Leute ablenken muss. All das läuft dank der guten Steuerung samt kontextsensitiver Rückmeldungen sowie knackiger Dialoge überaus intuitiv und flott, auch wenn ich es nicht mag, dass manche Interaktionen erst beim erneuten Besuchen eines Ortes verfügbar sind.


Die Rätsel sind immer nachvollziehbar und logisch, reichen von leicht bis moderat, werden nur manchmal etwas komplexer, ohne dabei zu verkopft zu sein oder abstruse Item-Kombinationen zu fordern. Und auch hier gibt es einen dramaturgischen Kniff, der für Spannung sorgt. Denn das für dieses Genre ungewöhnliche Highlight sind lebensgefährliche Situationen, in denen man z.B. auf Zeit als Gefangener unter Wasser bestimmte Handgriffe nacheinander meistern muss und sterben kann. Danach bekommt man aufgrund der Zeitschleifen umgehend weitere Chancen, um die richtige Kombination zu finden.


Last but not least muss ich das außergewöhnliche Artdesign loben. Zwar wird The Drifter in Pixelgrafik inszeniert, die ja inflationär verwendet wird, aber sie erreicht selten diese Ausdruckskraft. Obwohl man sich farblich sowie hinsichtlich der Effekte auf das Wesentliche beschränkt, entsteht eine stimmungsvolle Kulisse, die zwar auf den ersten Blick an die Klassiker von Lucas Arts erinnert, aber darüber hinaus mehr visuelle Atmosphäre bietet. Figuren, Kulissen, Licht und Schatten sowie der filmische Soundtrack werden gekonnt eingesetzt, so dass man sich zusammen mit einigen Tech-Gegenständen in manchen Momenten an Bladerunner erinnert fühlt. Der erste Prototyp dieses spannenden Abenteuers von Dave Lloyd und Barney Cumming ist übrigens auf einem GameJam entstanden. Ich kann jedenfalls nur den Hut ziehen vor diesem Point&Click-Adventure, das mich sehr gut unterhalten hat.




Platz 7: Citizen Sleeper 2 (PC, PS5, XBS, SW)


Der Egoist in mir hat einen Wunsch: Dass Gareth Damian Martin das Budget für ein Triple-A-Rollenspiel samt kompletter künstlerischer Freiheit erhält. Denn Citizen Sleeper 2 demonstriert nicht nur im Zwischenmenschlichen eine erzählerische Stärke, die Mass Effect nie hatte. Es inszeniert über knapp zehn Stunden allerfeinste Social-Science-Fiction, die zum Nachdenken anregt. Schon der Vorgänger war in meiner Top 9 der besten Spiele des Jahres 2022. Und dieser Nachfolger ist noch besser. Zwar knüpft er in abstrakter Mischung aus Abenteuer-Spielbuch und Brettspiel direkt daran an. Aber er öffnet die Spielwelt und erweitert die Würfeltaktik, so dass sich diese Reise durchs All freier und aufgrund der positiven sowie negativen Würfeleffekte anspruchsvoller anfühlt. Die drei Klassen sind markanter, der Stress erhöht die Spannung und das Ressourcen-Management ist relevanter. Hinzu kommt das eigene Raumschiff samt der Crew, denn damit wird die ohnehin tolle Story um markante Charaktere und Konflikte an Bord bereichert - und man fühlt sich wie ein Captain. Was wiederum bedeutet, dass einem Entscheidungen mitunter schwerer fallen. Es geht dabei sowohl um Einzelschicksale als auch philosophische und gesellschaftskritische Themen. Und ich muss den Schreibstil ausdrücklich loben, denn hier entstehen ähnlich wie bei der Lektüre eines Neuromancer umgehend Bilder, die auch das Diffuse und Unheimliche des Digitalen einfangen. Martin gelingt dabei das Kunststück, sowohl knisternde Szenen als auch stille Momente zu erschaffen und gleichzeitig das richtige Tempo zu finden, so dass ein wunderbarer Lesefluss entsteht. Wer Brettspiele, Rollenspiele und gute Geschichten mag, sollte den Sleeper wecken. Ich würde mich sehr freuen, wenn das nicht das letzte Abenteuer in diesem Universum war.



Platz 6: Clair Obscur: Expedition 33 (PC, PS5, XBS)


Clair Obscur: Expedition 33 wird zurecht gefeiert. Auch wenn ich in meiner Einschätzung nicht ganz so euphorisch bin, bin ich ebenso erstaunt wie der Rest der Welt: Es ist das erste Spiel von Sandfall Interactive, die aus knapp 30 Leuten bestehen. Sie wagen sich selbstbewusst in die Arena des großen Final Fantasy. Und ihr Abenteuer beruht weder auf einer existierenden Lizenz noch auf einer bekannten Welt. Dennoch präsentiert sich dieses Lumière in einer visuellen, erzählerischen und spielerischen Reife, die manches Triple-A-Rollenspiel übertrifft. Die großen Stars sind neben einem dramaturgisch herausragenden Prolog samt interessanter Ausgangslage und einzigartiger Antagonistin das natürliche Schauspiel, das fantasievolle Figurendesign sowie das auf lange Sicht motivierende Kampfsystem, das über seine Reaktionstests für Spannung sorgt und ähnlich komplexe Wechselwirkungen bietet wie ein Magic: The Gathering. Zwar kann mich die Welt als Rollenspieler nicht wirklich begeistern, denn dafür sind die Quests zu eintönig, die Dialoge zu linear, die Entscheidungen zu selten. Und die Kämpfe werden als Option ebenso überstrapaziert wie manche Melodie. Hinzu kommen auf ästhetischer Ebene so viele Motive, die so unterschiedlich und plötzlich aufleuchten, dass auf dieser Expedition von der Unterwasserwelt mit Walen über tiefschwarze Höhlenareale bis zum Wolkenreich mit schiefen Kathedralen, von Art déco bis Dark Fantasy alles möglich scheint. Außerdem verpassen es die Tagebücher, erzählerisch interessante Anker in die Vergangenheit auszuwerfen: Dieses Lumière ist quasi schwereloser als die aus ihrem Mythos gewachsenen Zwischenlande - die erwähne ich bewusst, weil auf dem Weg zur Malerin auch Elden Ring grüßen lässt. Aber dieses Abenteuer versinkt nicht etwa in kitschig bunter Beliebigkeit. Das liegt auch daran, dass es in dieser Fantasy immer einen ernsten Bezug zur Realität der handelnden Figuren gibt, sogar zur historischen Tragik, die auf die Belle Époque folgte. Denn von Schützengräben bis hin zu Leichenbergen gibt es so einige Symbole, die mitunter an die Schrecken von Verdun denken lassen. In all den Gesprächen über den Sinn und Unsinn sowie die Verzweiflung im Angesicht einer zum Tode verurteilten Generation, spiegelt sich natürlich auch die Gegenwart, so dass dieses digitale Abenteuer durchaus zum Reflektieren anregt. Und immer, wenn es in seinem ewigen Kreislauf aus Arenakämpfen zu erstarren drohte, kam etwas Öl hinzu und das taktische Feuer loderte wieder auf. Der zweite Akt sorgt schließlich für einen überraschenden Tusch, für eine dramatische Wendung, die viele Defizite kompensiert und auf ein komplett überraschendes, lange zum Nachdenken anregendes Finale hinaus läuft. Daher sage ich nach vierzig Stunden: Danke, das war sehr gute Unterhaltung!




Platz 5: Hollow Knight: Silksong (PC, PS4/5, XBS, SW2)


Hollow Knight ist bis heute eines der besten Metroidvanias mit Soulsflair und eine bemerkenswerte Pionierleistung hinsichtlich der Atmosphäre. Aber aufgrund der simplen Spielmechanik sowie einiger monotoner Abläufe blieben damals Wünsche offen. Und genau diese erfüllt Silksong mit einem vielfältigeren Erlebnis samt stärker spürbarer Entwicklung. Zwar bleibt es beim bekannten Mix aus Erkundung, Kampf und Akrobatik, der schrittweise neue Wege durch ein riesiges Labyrinth öffnet, das selbst die Ausmaße des Vorgängers übertrifft. Aber Silksong ist nicht nur größer und prächtiger in seiner Tiefenwirkung, sondern ermöglicht aufgrund der kombinierbaren Wappen und Werkzeuge wesentlich mehr Anpassungen der eigenen Spielweise und Kampftaktik, so dass Hornet gefühlt die Klasse wechselt. Nach 15 Stunden hatte ich vielleicht ein Drittel des Königreichs Pharloom erkundet, von der Moosgrotte bis zu den Weiten Feldern, vom Tal der Knochen bis zum Graumoor. Doch nach dieser Phase entstand diese magische Anziehungskraft, die alle sehr guten Metroidvanias auszeichnet: Das Gefühl, in einem gefährlichen Labyrinth verloren, aber den roten Faden der Entwicklung und damit ausreichend Hoffnung gefunden zu haben. Durch Quests, Rätsel & Co entsteht dabei etwas mehr Rollenspielflair, ohne dass man von Beute zugeschüttet oder ständigem Crafting genervt wird. Nicht zu vergessen die Ästhetik: Diese Mischung aus Schönheit und Schrecken, Wahnsinn und Tapferkeit, Horror und Gemütlichkeit. Die märchenhafte Welt der Käfer hinterließ ja über viele Jahre eine Sehnsucht nach mehr. Und sie wird von Team Cherry auf ausgezeichnete Art erfüllt. Seid versichert, dass das eine sehr lange und überaus harte Reise wird. Ihr werdet fluchen und staunen, schreien und jubeln. Denn viel früher als in Hollow Knight trifft man in Silksong auf knallharte Bosse, die Gebiete bewachen. Das fühlt sich manchmal an wie ein Bootcamp im Käferland. Aber seid ebenso versichert, dass ihr mit Geduld, Training und Entwicklung eines der besten Metroidvanias erlebt.




Platz 4: Kingdom Come: Deliverance 2 (PC,PS5, XBS)


Pentiment avancierte zum Kritiker-Liebling, A Plague Tale: Requiem fesselte in der Provence und Manor Lords brach Steam-Rekorde: Das Interesse an historisch inspirierten Spielen im Mittelalter ist groß. Am liebsten würden die Leute selbst als Ritter durch die Lande ziehen, natürlich im Sattel mit Schwert und Schild. Aber bitte nicht so kitschig wie in der Fantasy von D&D! Diese Sehnsucht erfüllt Kingdom Come: Deliverance jetzt zum zweiten Mal, nur wesentlich reifer. Wer den Sense of Wonder des europäischen Mittelalters sucht, ein spazierendes Abenteuer in einer fernen Epoche mit Wäldern und Burgen, wird ihn hier finden. Kingdom Come: Deliverance 2 ist eines der besten Rollenspiele der letzten Jahre, das mich vor allem mit seinem simulativen Flair begeistert. Hier kämpft man nicht nur an einer Oberfläche, sondern erlebt ein lokales Milieu in all seinen Facetten - von den Tagesabläufen der Menschen bis hin zur sozialen Hierarchie. Man kann so viel ausprobieren, schleichen wie in Thief, kämpfen als wäre es Reenactment, erlebt Konsequenzen bis hin zur quietschenden Beinschiene, tolle Quests und erkundet eine wunderbare Landschaft. Auch wenn es hier und da mal haken oder statisch wirken kann: Die Produktionsqualität ist sehr gut und die hervorragenden deutschen Sprecher verwandeln das Abenteuer in ein Hörbuch. Zwar kann das historische Korsett manchmal ebenso nerven wie das Gerede von Hans, vor allem wenn man von der Regie über Stunden gefesselt und in seinen Handlungen eingeschränkt wird, bis hin zu Trial & Error. Aber sobald man wieder von der Leine gelassen wird und dieses Böhmen frei erkunden kann, entfaltet es umgehend eine starke Anziehungskraft. Dazu trägt auch das verblüffend reaktive Figurenverhalten bei, das weit über das hinaus geht, was Gothic seinerzeit so faszinierend machte. Ich wurde jedenfalls über 80 Stunden sehr gut bis ausgezeichnet unterhalten.




Platz 3: Death Stranding 2: On the Beach (PS5)


Ich habe selten ein digitales Abenteuer erlebt, das sich derart harmonisch in seiner Interaktion sowie Erzählweise über eine so lange Zeit entfaltet. Das Spieldesign erinnert tatsächlich an eine Blume, der man beim Wachsen zusieht. Stunde um Stunde bekommt man mehr taktische Möglichkeiten, bis man von der Erkundung über den Kampf bis zum Aufbau der Infrastruktur herrliche Freiheit in der Vorgehensweise hat. Man kann Gefahren clever umgehen, sich im explosiven Hit&Run oder subtiler Stealth-Action versuchen. Und während man schleicht und täuscht, sieht man Solid Snake fast salutieren, denn dieser Nachfolger ist eine noch deutlichere Hommage an Metal Gear, die selbst im prächtigen Mutterschiff der DHV Magellan sichtbar wird. Ich liebe die futuristische Ästhetik dieses Spiels, in der Hightech und Militärisches elegant verschmelzen. Auch die Geschichte wächst samt der veränderten Spielerfahrung. Man erlebt in der Rolle von Sam zwar Hass, Verlust und den Schrecken der Apokalypse, aber auch eine neue Art von Unbeschwertheit, dazu mehr Schönheit in der Natur sowie Freundschaft. Jedenfalls passt kein Song besser dazu als "Raindrops Keep Fallin' on My Head" von B.J. Thomas. Man wird Teil einer Crew interessanter Charaktere, die trotz des drohenden Untergangs der trügerischen Hoffnung nachjagt, sich und die Welt vielleicht retten zu können. Allerdings bleibt Sam passiver Zuschauer einer Story, die sich mit einigen Widersprüchen bis in ein Schwindel erregendes Finale schaukelt - das ist mal wieder nichts für Freunde klarer Geschichten. Und wie bei vielen Nachfolgern einzigartiger Abenteuer liegt ein kleiner Fluch über diesem Death Stranding 2: On the Beach. Denn die Welt kann natürlich nicht mehr auf dieselbe Art faszinieren wie anno 2019, als man sie erstmals betrat und überhaupt nicht ahnte, was es mit dem gestrandeten Tod auf sich hat. Mir ging es damals ähnlich mit Horizon Forbidden West, das zwar gegenüber Zero Dawn technisch und spielerisch verfeinert wurde, aber erzählerisch nicht mehr so neugierig machen konnte und so ein wenig vom ursprünglichen Sense of Wonder verlor. Nichtsdestotrotz gelingt es Kojima Productions ein außergewöhnliches Abenteuer mit frischen Impulsen zu bereichern und in vielerlei Hinsicht so zu verbessern, dass ich jede der knapp 60 Stunden genossen habe und sehr gut bis ausgezeichnet unterhalten wurde.




Platz 2: The Outer Worlds 2 (PC, PS5, XBS)


The Outer Worlds hat mir damals schon richtig gut gefallen. Aber diese Nachfolger ist deutlich reifer und vielfältiger. Wer Fallout New Vegas und Mass Effect mag, wird sich schnell in Arcadia verlieren. Und was mich besonders freut ist, dass Game Director Brandon Adler seine Versprechen gehalten hat: Dieses Action-Rollenspiel ist nicht nur größer und dank Unreal Engine 5 hübscher, oder für Shooterfreunde flüssiger und samt Doppelsprung akrobatischer in der Erkundung. Das Wichtigste ist für mich, dass es als Rollenspiel in der Charakter-Entwicklung sowie der wunderbar beeinflussbaren Dialogführung komplexer ist - man kann selbst Bosskämpfe rhetorisch meistern. On top ist es im Raum so frei wie eine Immersive Sim à la Deus Ex oder Dishonored, so dass man Stealth-Action light samt Fallen und Rätseln erlebt. Sprich: Meist führen mehrere Wege zum Ziel, sei es kriechend durch Luftschächte oder dank Hacking an Sicherheitstüren und Robotern vorbei. Zwar erreicht das Figurenverhalten im Alltag nur solides Niveau, man kann seinem Trio keine taktischen Befehle geben, es gibt lediglich drei Fraktionen und man kann den Ruf bei ihnen zwar verbessern, aber das führt nicht zu derart interessanten Möglichkeiten wie etwa in Star Wars Outlaws. Trotzdem sorgen die Begleiter mit ihren Quests und Kommentaren immer wieder für köstliche oder tragische Momente und man kann sich als Commander frei entscheiden, welche moralische oder ideologische Route man zu ihrer Freude oder ihrem Entsetzen einschlägt. Hinzu kommt, dass sich diese charmante Science-Fiction-Welt ihren Humor samt all der absurden Waffen bewahrt hat und man immer wieder schmunzeln muss, aber dass ernste Themen von der Ausbeutung über die Opferung oder Verrat bis zum Sinn des Krieges für ein angenehmes Gegengewicht sorgen. Es gab in diesem Jahr einige gute bis sehr gute Rollenspiele, darunter Citizen Sleeper 2, Kingdom Come Deliverance 2 und Clair Obscur: Expedition 33. Aber The Outer Worlds 2 ist mein Favorit.




Platz 1: Blue Prince (PC, PS5, XBS)


Wie kann ein Spiel so einfach gestrickt sein und gleichzeitig eine derartige Sogwirkung entfalten? Man öffnet ja nur Türen, legt einen von drei Räumen aus und geht weiter, bis man diesen verflixten Raum 46 erreicht. Aber Blue Prince ist mehr als eine Erkundung in Egosicht, mehr als eine Tour durch Rätselräume in einem dynamischen Labyrinth: Es ist eines der besten und elegantesten Puzzle-Adventure der letzten zehn Jahre, das mich so richtig überrascht hat. Denn Tonda Ros erreicht eine Harmonie und Vielfalt, die über kreative Knobelei hinaus geht und selbst nach vielen Stunden für schöne Überraschungen sorgen kann. Blue Prince gleicht gewissermaßen einer Zwiebel, deren Kern von mehreren Schichten umgeben ist: Dazu gehören der gemütliche Rhythmus und das Erzählen über Kulisse, die gediegene Stimmung und die architektonische Ästhetik, das charmante Brettspielflair und die taktische Grübelei, das fragmentierte Storytelling samt spürbarem Erkenntnisgewinn, die Wiederholung des Gleichen bei gleichzeitig erhöhter Neugier, sowohl logische als auch abstrakte Rätsel, kleine und große erzählerische Zusammenhänge. Es ist weder ein geistiger Nachfolger des Klassikers Myst noch eine direkte Hommage à la The Witness. Blue Prince reiht sich mit seinem ganz eigenen Stil zwischen großartigen Adventures wie Hotel Dusk: Room 215 (2007) oder der Zero-Escape-Reihe von Kotaro Uchikoshi ein, die 2009 mit 999: Nine Hours, Nine Persons, Nine Doors startete. Sie alle konnten die Faszination des Labyrinthischen im weitesten Sinne und auf ganz eigene Art einfangen. Zwar erreichen Rätselmechanik und Storytelling hier nicht diese lebendige und zum Nachdenken inspirierende Symbiose, die das ausgezeichnete The Talos Principle 2 bietet. Aber Gratulation an Tonda Ros für diese wirklich bemerkenswerte Premiere, die mich sehr gut bis ausgezeichnet unterhalten hat.




Ach so, falls sich jemand fragt, warum neun und nicht zehn Spiele? Schon zum Start von Spielvertiefung habe ich aus einer Laune heraus eine Top 9 gekürt. Sie galt ja mal als heilige Zahl; mehr dazu in der Vertiefung zur germanischen Mythologie, die es als siebenteilige Podcast-Reihe für Steady-Unterstützer gibt. Der achte sowie neunte Teil zu Odin sowie Ragnarök sind weiter in Planung, aber die alten Götter haben noch Zeit.


Das waren meine Spiele des Jahres 2025; für Steady-Unterstützer gibt es ab sofort alles zusammen als exklusiven Podcast zum Hören. Ach so: Diskutieren kann man aktuell leider nur über Discord.


Ich heiße Jörg Luibl, bin freier Journalist und biete mit Spielvertiefung seit November 2021 ein unabhängiges Magazin an, in dem die Kultur und nicht der Klick relevant ist. Ich arbeite alleine und verzichte komplett auf Werbung, Kooperationen sowie über KI erstellte Inhalte. Diese Alternative zum Reichweiten-Journalismus ist nur dank der Unterstützer über Steady möglich. Vielen Dank an alle Abonnenten!


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