The Last of Us: Vom Drama zur Erlebniswelt

Ob sich Neil Druckmann immer noch schütteln muss, wenn er ein Jahrzehnt zurückdenkt? Zumindest schien der Stargast des gestrigen Summer Game Fest selbst ein wenig erstaunt, als er fast beiläufig erwähnte, dass er mittlerweile in Hollywood Regie führt - für eine Episode der kommenden TV-Serie The Last of Us von HBO, in der auch die Sprecher von Ellie und Joel, Ashley Johnson und Troy Baker, jeweils aktiv Nebenrollen spielen sollen. Es gab noch keinen Trailer, aber diese Szene:


The Last of Us, TV-Serie, links Pedro Pascal als Joel, rechts Bella Ramsey als Ellie. HBO/Sony.

Aber Hollywood? Das war nach Crash Bandicoot, Jak and Daxter und selbst nach dem großen Erfolg der Uncharted-Reihe nicht abzusehen. Bei allem Respekt vor diesen Spielen: Als Naughty Dog im Jahr 2011 The Last of Us für PS3 ankündigte, war das kein Selbstläufer. Nicht hinsichtlich der Technik, da war der Applaus fast sicher. Aber konnten Bruce Straley und Neil Druckmann über Haudegen-Klamauk hinaus etwas erzählen? War das Zombie-Thema mit The Walking Dead nicht durch?


Natürlich gab es berechtigte Vorfreude. Ich erinnere mich allerdings auch an die Skepsis, die der Premiere dieser amerikanischen Apokalypse entgegen schlug. Als The Last of Us dann Spieler und Kritiker weltweit begeisterte, lag das weder an der Action noch in erster Linie an der Kulisse, sondern vor allem an der Regie und der Story. Naughty Dog erzählte auf sehr gutem Niveau, inszenierte ein emotionales Drama, und konnte mit Joel und Ellie zwei markante Charaktere etablieren, die über das Finale hinaus in Erinnerung blieben.


The Last of Us, Remake, PS5, Naughty Dog/Sony.

Als ich gestern die Musik von Gustavo Santaolalla hörte, hatte ich tatsächlich eine Gänsehaut. Ich hab mir diesen Soundtrack damals sofort kaufen müssen (was ich sehr selten mache), weil er so ganz anders klang als gewöhnliche Videospielmusik: das Ernste, das Traurige, das Emotionale und Wesentliche dieser Beziehung sowie tragisch verlorenen Welt wurden hörbar. Auch wenn die Erinnerungen noch so frisch sind, dass ich das Remake in diesem Jahr als zu früh empfinde: Ich werde es am 2. September 2022 auf PlayStation 5 gerne spielen; für den PC ist es ebenfalls, allerdings noch ohne Termin angekündigt.



Neil Druckmann erwähnte die komplette Erneuerung von Kulisse, Animationen und KI-Abläufen, so dass alles auf das technische Niveau von The Last of Us: Part 2 gehievt wird. Er zeigte einige Vergleichsbilder mit verbesserter Mimik und betonte, dass man das Spiel jetzt so erweitern konnte, dass es der ursprünglichen Vision noch näher kommt, wobei auch Aufnahmen zur TV-Serie hilfreich gewesen sein sollen. Ob es abseits der Kulisse sowie der integrierten Erweiterung "Left Behind" inhaltliche Ergänzungen gibt, was Story, Rätsel oder Figuren betrifft?


Dazu gab es keine Angaben, aber dafür eine Ankündigung, die aus The Last of Us endgültig ein digitales Universum, aber hoffentlich keine mikrostransaktive Erlebniswelt macht: Ein neues Multiplayer-Spiel innerhalb des apokalyptischen US-Szenarios, das mit anderen Figuren zur selben Zeit an einem anderen Ort abläuft. Neil Druckmann ging nicht auf die Spielmechanik ein, vermied Schlagwörter wie Koop oder PvP, sondern betonte, dass es eine große Story geben wird und dass man etwas Neues probieren möchte. Mehr dazu will man erst 2023 verraten, es gab keinen Termin und lediglich dieses Artwork:


Artwork aus The Last of Us, Standalone-Multiplayer-Spiel, Naughty Dog/Sony.

Aus strategischer Sicht passt das alles zusammen, denn die Marke wird in den nächsten Jahren gestärkt und auch die neuen Spieler auf dem PC will Sony erreichen: Titel wie Days Gone, Death Stranding, Horizon: Forbidden West oder God of War haben bis 31. März 2022 für satte 80 Millionen Dollar Umsatz auf dem Rechner gesorgt. Für das nächste Jahr peilt Jim Ryan, der CEO von PlayStation, mehr als das Dreifache an - nämlich 300 Millionen Dollar. Und The Last of Us in mehrfacher PC-Präsenz kann da sicher helfen.


Also eine weitere offene Welt mit Multiplayer-Action? Wie will man in diesem überfluteten Bereich auf andere Art unterhalten? Wird die Spielwelt dadurch nicht als Freischalterlebnis verwässert? Können weitere Charaktere nicht nur verblassen? Auch diesmal ist sofort die Skepsis da, die auf schlechter Erfahrung mit diesem Genre sowie der Ausschlachtung von Marken beruht.


Zumal ich viele andere natürlich auf eine komplette Neuankündigung von Naughty Dog für Solisten gehofft hatte. Dafür war dieses Summer Game Fest anscheinend zu früh und eine State of Play vermutlich der bessere Ort. Aber Neil Druckmann ließ durchblicken, dass sein Studio nach dem großen Erfolg von The Last of Us: Part 2, das sich seit 2020 über zehn Millionen mal verkaufen konnte, an mehreren Projekten gleichzeitig arbeiten kann. So eine Vergrößerung birgt immer Chancen und Risiken.


Immerhin werkelt er nicht nur für die TV-Serie, sondern auch an einem weiteren Spiel. Das war natürlich zu erwarten. Aber das ist angesichts der Fülle an immer ähnlicheren Triple-A-Produktionen sowie der enormen Erwartungshaltung an dieses wertvollste und wichtigste Studio der PlayStation-Familie sicher keine leichte Aufgabe. Ich drücke die Daumen, dass Naughty Dog auch in Zukunft die Kreativität erhalten bleibt.

PS:

Auf dem Summer Game Fest wurden an die 50 Spiele präsentiert - darüber spreche ich im heutigen Podcast "Auf einen Whisky" mit Michael Krosta, der schon in Folge 011 zu hören war.


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