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Von der Anziehungskraft der Würfel

Ich mochte Würfel schon immer. Seit der Kindheit in Brettspielen, als Teenager in Pen&Paper-Abenteuern und eigentlich bis heute in allen Facetten. Sie füllen in meinen Regalen riesige Schalen, von klassisch bis exotisch, bunt bis steampunkig. Und auf der SPIEL in Essen kann ich mich erst seit einigen Jahren zurückhalten, nicht noch mehr zu kaufen.


Erst kürzlich ist zu Citizen Sleeper eine edle Brettspiel-Version mit toll designten Würfeln erschienen, die ich mir fast nur deshalb bestellt hätte:


Ihr kennt das Rollenspiel von Gareth Damian Martin nicht? Ich hab es letztes Jahr rezensiert und kann diese Science-Ficton nicht nur aufgrund ihrer tollen Story, sondern auch aufgrund der taktischen Würfelmechanik wärmstens empfehlen.


Apropos: Als ich das erste Mal Baldur's Gate 3 gespielt habe (meine Güte, das war Anfang 2020!), hat mich der aktive Einsatz der Würfel sofort gefreut. Man klickt ja nicht einfach auf eine Fertigkeitsprobe, sondern sieht einen 20-seitigen Würfel, der dann in einer kleinen Animation geworfen wird und sich dreht, bis er mit dem Ergebnis still steht. Die Larian Studios haben das visuell immer weiter verfeinert.


Baldur's Gate 3, PC, Early Access, Screenshot.

Das sieht nicht nur edel aus, sondern fängt natürlich auch die Stimmung ein, die Dungeons & Dragons gerade in seinen ersten Jahren kennzeichnete. Der Würfelwurf symbolisierte für manche das Können, das Glück oder gar das Urteil der Götter. Und weil die bekanntlich gerne über Pläne der Menschen lachen, kann der Würfel auch wie eine Sense durch ein Abenteuer schneiden.


Das veranlasste die Larian Studios zunächst dazu, dass man das Zufallsprinzip über optionale schwere (also gezinkte) Würfel zugunsten des Spielers auslegen wollte. In etwa so wie bei einem gnädigen Dungeon Master, der hinter seinem Schirm auch mal Fünfe gerade sein lässt. Die Redensart aus dem Mittelalter hat allerdings nix mit Spielen oder Würfeln zu tun, sondern mit der entspannten Haltung der Hand im Gegensatz zur geballten Faust.


Die formte sich wohl auch bei einigen Helden im Early Access von Baldur's Gate 3. Denn so ganz funktionierte das gut gemeinte Cheaten nicht, das auch "Karmische Würfel" genannt und für die NSC sowie Computergegner eingesetzt wurde. Es kam zu seltsamen Ergebnissen, zig Fixes und ich bin gespannt, wie die finale Version am 31. August damit umgeht.


Als das ursprüngliche Dungeons & Dragons im Jahr 1974 erschien, waren in der Box übrigens keine Würfel enthalten. Es gab auch noch keine Würfelkultur in zig Facetten und hundert Designs. Abseits von klassischen Sechsseitern war die Auswahl begrenzt. Dass es W20 als System in das Rollenspiel geschafft hat, lag vielleicht auch an einem Europa-Urlaub von Dave Arneson (1947-2009), wo er sie 1971 für sich entdeckte. Er entwarf das Rollenspiel ja mit Gary Gygax (1938 - 2008), aber beide verwendeten für ihre Spiele bis dato eher W6 oder sogar Pokerchips. Auch Chainmail, der Vorgänger von D&D aus dem Jahr 1971, beruhte auf W6.


Aber Gygax hat gerne mit vielen Würfeln experimentiert, fand Gefallen an den 20 Seiten und wollte den W20 integrieren. Zunächst hatte er Schwierigkeiten, einen amerikanischen Anbieter zu finden, aber 1972 wurde er in einem Katalog für Lehrerbedarf fündig. Sie wurden eher im Unterricht als in Spielen eingesetzt. Damals sahen sie aber nicht so aus wie heute, also mit Zahlen von 1 bis 20, sondern sie zeigten zweimal jene von 0 bis 9, so dass man sie auch zweimal für einen Prozentwert werfen musste.


Es sollte bis 1977 dauern, ehe das erste Würfelset in der offiziellen D&D-Box enthalten war, bestehend aus einem W4 (für Hitpoints der Diebe), einem W6 (für HP der Magier und Kleriker), einem W8 (für HP der Kämpfer), einem W12 (???, später HP für den Barbaren) und einem W20 (für den Angriffswurf). Letzterer zeigte noch die oben erwähnten Nullen und Neunen doppelt an. Moment, wieso fehlt da ein W10? Hätte man nicht zwei davon beilegen können? Die gab es noch nicht! Erst 1980 kamen sie auf den Markt. So konnte man W20 damit simulieren, indem man zwei W10 einsetzte, die Ergebnisse zwischen 0 und 9 liefern.


Mit dem Erfolg von D&D begann aber der Siegeszug der kommerziellen mehrflächigen Würfel in allen Farben und Varianten. Die Rollenspiel-Nachfrage war plötzlich so groß, so dass man nicht genug Würfel produzieren konnte und auf Kartensysteme ausweichen musste.


Heute prägen Würfel nicht nur Rollenspiele, sondern sehr viele Spielmechaniken, auch als wertdynamische Figuren wie etwa in Bitoku. Wenn man auf Boardgamegeek, der weltweit größten Datenbank über Brettspiele, nach "Dice Rolling" filtert, erhält man über 37.000 Ergebnisse. Schon 1959 wurden Würfel im originalen Risiko eingesetzt.


Wobei die Geschichte der Polyeder im Spiel natürlich wesentlich älter, und übrigens noch nicht komplett erforscht ist. Erfunden hat sie angeblich der griechische Halbgott Palamedes, der auch das Brettspiel Tavli, die Schrift sowie Zahlen ersann und (bis in die Neuzeit) als Erfinder des Schachspiels galt. Doch die Spur der Würfel führt noch viel weiter zurück, bis hin zu den vierseitigen Astragalen aus Tierknochen, die auch in Pharaonengräbern des alten Ägypten gefunden wurden.


Astragale aus Tierknochen, gefunden bei Kempten, gemeinfrei.

Vielleicht würde sich ja mal eine kleine Geschichte des Würfels als Vertiefung anbieten.


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